Das Weltbild von Friedrich Merz: Ausbeutung als Staatsräson

Immer auf die ganz unten.

Ein kritischer Blick auf die Politik des Bundeskanzlers aus Arbeiterklasse-Perspektive

Die wahre Geschichte von Arbeit

Mehr als 45 Jahre hat mein Vater als Berufskraftfahrer gearbeitet. Er ließ keine Schicht aus – früh, spät, nachts. Als ich ein Jugendlicher war, beschwerte er sich bei den seltenen gemeinsamen Mittagessen über die Pläne der Geschäftsleitung, dennoch trat er die unbezahlten Zusatzarbeiten an den Wochenenden an. Versprochen wurde ihm und seinen Kollegen, dass nur so und nicht anders der Standort gesichert werden könnte – und das auch nicht mit Gewähr.

Währenddessen wurde nach und nach die Belegschaft dezimiert, bis schließlich der Standort dicht machte. Die Manager hatten also mit einer Lüge noch ein Maximum an Mehrarbeit aus den Körpern meines Vaters und seiner Kollegen erbeutet.

Dem Fortleben des Konzerns aber hat es genützt: Er legt zurzeit milliardenschwere Weichen für den Einstieg in die Kriegsindustrie. Meinem Vater dagegen wurde der Fleiß nicht mit Wohlstand oder Wachstum bezahlt. Drei Bandscheibenvorfälle, fast querschnittsgelähmt – das war der Preis. Und kurz nach der Verrentung folgte dann der vierte Bandscheibenvorfall. 45 Jahre Lohnarbeit haben seinen Körper zerstört.

Merz‘ Angriff auf die Arbeiterklasse

Wenn der Multimillionär Friedrich Merz sich auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos unter Millionären und Milliardären mokiert, Arbeiterinnen und Arbeiter seien in Deutschland zu faul, dann handelt es sich um dieselbe Lüge. Er beschimpft meinen Vater, seine einstigen Kollegen und mich. Er greift meine Klasse an.

Wie können Sie eigentlich mit Ihrer Verachtung für arbeitende Menschen nachts schlafen, Herr Merz? Sie greifen das Renteneintrittsalter, das Arbeitszeitgesetz, die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und nun auch noch das Recht auf Teilzeit an. Während Pflegekräfte, pädagogische Fachkräfte und Sozialarbeitende, Busfahrerinnen und Verwaltungsbeschäftigte am Limit arbeiten, betreiben Sie nichts als Politik für die Chefetagen und Zubereicher. Die Menschen in diesem Land sind nicht faul, im Gegenteil.

Seit seinem Amtsantritt hetzt Bundeskanzler Merz fortwährend gegen die Arbeitenden. Work-Life-Balance sei Schwindel. Einen Unterschied zwischen Arbeitszeit und Freizeit gebe es nicht, es müsse sich um eine gewerkschaftliche Erfindung handeln. Sein Alltag sei geprägt von beglückender Arbeit.

Die Realität deutscher Arbeit

Allerdings schleppen sich laut DGB-Index »Gute Arbeit« rund 63 Prozent der Beschäftigten trotz Krankheit zum Arbeitsplatz. Merz auf der einen Seite und arbeitende Menschen auf der anderen scheinen in unterschiedlichen Welten zu leben.

2024 (für 2025 fehlen noch die Zahlen) wurden insgesamt so viele Arbeitsstunden geleistet wie noch nie, und diese Beschäftigten sind es, die diese Gesellschaft überhaupt erst am Laufen halten. Es ist kein Zufall, dass in Branchen wie der Pflege oder im Sozial- und Erziehungsdienst, in denen die Arbeitsbelastung seit Jahren unzumutbar hoch ist, die Teilzeitquote deutlich über dem Durchschnitt liegt. Beschäftigte nehmen Verzichte bei Lohn und Rente in Kauf, um sich von einem Burn-out zu schützen.

Fast zwei von drei Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern befürchten nämlich genau das: Arbeit darf nicht krank machen. Dafür sollten eigentlich Arbeitgeber und auch Politik sorgen.

Angesichts der wirtschaftlichen Stagnation führt Merz stets dieselbe Behauptung an, dass man in Deutschland zu wenig arbeite – als wären die Lohnabhängigen verantwortlich für die gesamtpolitische Sackgasse, in die auch hiesige Konzernlenker hineingesteuert haben. Mit Überstundenstatistiken und dem größten Niedriglohnsektor Europas, den Deutschland aufgebaut hat, haben die hohlen Sprüche des Amtsinhabers im Kanzleramt nichts zu tun.

Die Teilzeitlüge

Aber wenn die untätig bleiben, dann ist Teilzeit für viele die einzige Möglichkeit, sich über Wasser zu halten. Wenn es Ihnen wirklich um eine höhere Erwerbsbeteiligung von arbeitsfähigen Menschen ginge, dann würden Sie doch überlegen, wie Sie die Bedingungen dafür schaffen. Nur 27 Prozent der Beschäftigten arbeiten auf eigenen Wunsch in Teilzeit.

Statt immer nur zu hetzen, sollten Sie endlich mal Ihren Job machen und die politischen Weichen stellen, damit niemand mehr unfreiwillig in Teilzeit arbeiten muss. Statt Vollzeitzwang braucht es nämlich einen Rechtsanspruch auf Aufstockung der Arbeitszeit, ergänzend zum Recht auf Teilzeit. Und solange es nicht flächendeckend ausreichend und bezahlbare Kitaplätze mit verlässlichen Öffnungszeiten, bedarfsgerechten Personalschlüssel und guten Arbeitsbedingungen gibt, sollten Sie sich dafür schämen, die hohe Teilzeitquote zu bemängeln.

Was wirklich getan werden muss

Auch steuerpolitisch liegt doch absolut auf der Hand, was getan werden muss: Schaffen Sie endlich das Ehegattensplitting ab! Denn damit macht es finanziell doch gar keinen Sinn für beide Ehepartnerinnen und Ehepartner in Vollzeit zu arbeiten. Die Teilzeitfalle, liebe Union, die ist hausgemacht, und Sie haben in dieser Legislatur bisher 0,0 sinnvolle Maßnahmen ergriffen, um Arbeit und Familie endlich besser miteinander vereinbar zu machen.

Ihr Vorstoß scheint mal wieder Teil Ihrer verzweifelten Versuche, die Wirtschaftslobby zufriedenzustellen. Denn dafür, dass Sie gerne Wirtschaftskanzler wären, Herr Merz, können Sie mit Ihren Umfragewerten bei Unternehmerinnen und Unternehmern ja nicht gerade zufrieden sein. Tja, blöd nur, dass dieser Vorstoß selbst arbeitgeberseitig nicht gerade auf Gegenliebe stößt.

Die neoliberale Logik scheitert

Sagen Sie, Herr Merz, wie wollen Sie denn umsetzen, dass jeder Teilzeitantrag künftig individuell geprüft werden soll, ohne noch mehr Bürokratie zu schaffen? Selbst an Ihrer eigenen neoliberalen Logik scheitern Sie. Mit Ihren populistischen Phrasen verkennen Sie die Realität der Mehrheit.

Sein abgehobenes, erfülltes Dasein verrät eine disziplinierende Psychologie: Wenn die Gegner Kernbereiche des Lebens wertschätzen, muss man umso eifriger deren Zurückdrängung betreiben. Alt-neoliberale Logik.

Es gibt ebenso viele Äußerungen zur Arbeitsmoral wie bisherige Lebensjahre des Neoliberalismus und globaler Krisen. Leidtragend sind alle Belasteten und Depressiven, die sich nie entspannen können. Sie sollen sorgenfrei sein, obwohl sie bereits von Altersarmut bedroht sind.

Fazit: Ausbeutung als System

Das Weltbild von Friedrich Merz lässt sich in drei Worten zusammenfassen: Ausbeutung, Ausbeutung und Ausbeutung. Die Ironie ist, dass genau das, was er zu verbergen sucht, sein wahres politisches Programm offenbart. Es ist Zeit, sich dagegen zu organisieren – denn die Angriffe werden nicht aufhören, solange wir sie nicht stoppen.


Dieser Artikel basiert auf Erfahrungen aus der Arbeiterklasse und erschien auf widerdenken.de

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