Beverstedt wählt keine Verwaltung – sondern Parteipolitik

Die Wahl ist kein Spiel – und der Bürgermeister kein Amateur | Am 13. September 2026 wählt Beverstedt einen neuen Bürgermeister. Wer das Amt übernimmt, wird nicht nur die Gemeinde führen – er wird über Millionen Euro Haushalt entscheiden, über Baugenehmigungen, über Personal, über Schulen, über medizinische Versorgung, über Windparks und bezahlbaren Wohnraum. Und doch: Die beiden Kandidaten, die sich um diesen Job bewerben, haben keine Verwaltungserfahrung.

Torsten Schröder (SPD) – Führungskraft bei einer Versicherung, seit 2026 SPD-Kandidat, mit Erfahrung im Ausschuss für Nachhaltigkeit.

Gunnar Böse (CDU) – Diplom-Ökonom, seit 2008 im Gemeinderat, seit 2021 Fraktionsvorsitzender.

Beide sind politisch erfahren. Beide sind engagiert. Beide haben sich im Rathaus bewährt – aber nicht als Verwaltungsfachleute, sondern als Politiker.

Und genau das ist das Problem.

„Es ist nicht entscheidend, ob jemand Verwaltungsfachmann ist oder nicht.“ So sagte es Bernd Beckmann, CDU-Chef in Beverstedt – und damit hat er nicht nur eine politische Position formuliert, sondern eine gefährliche Verharmlosung der Realität kommunaler Verwaltung.

Eine Gemeinde zu führen, ist kein politisches Spiel. Es ist komplexe, technische Arbeit. Es geht um:

  • Haushaltsplanung – woher kommen die Einnahmen, wohin fließen die Ausgaben?
  • Vergaberecht – wie wird ein Bauauftrag vergeben, ohne dass die Gemeinde verklagt wird?
  • Bauordnung – wer darf wo bauen, und wer kontrolliert, ob die Vorschriften eingehalten werden?
  • Personalführung – wie wird Personal eingestellt, wie werden Konflikte gelöst, wie wird die Verwaltung effizient organisiert?

All das erfordert fundierte Kenntnisse – nicht politische Redegewandtheit, nicht gute Ideen, nicht Sympathie beim Wähler. Und doch: Die Parteien in Beverstedt – CDU und SPD – setzen auf ihre eigenen Leute. Nicht weil sie die Besten sind. Nicht weil sie die Fachkenntnisse haben. Sondern weil sie ihre Leute sind.

Ein Experiment mit den Bürgern

Die Entscheidung, parteigebundene Kandidaten aufzustellen, ist kein Zufall. Sie ist strategisch. Früher wurden parteilose Verwaltungsfachleute wie Guido Dieckmann oder Ulf Voigts gewählt – mit parteiübergreifender Unterstützung. Heute setzen CDU und SPD auf eigene Politiker, weil sie glauben, dass sie so mehr Einfluss auf die Gemeindepolitik haben. Das ist parteitaktisch klug – aber fachlich gefährlich.

Und das Schlimmste: Die Bürger tragen das Risiko.

Wer würde eine Schule von jemandem ohne pädagogische Ausbildung leiten lassen? Wer würde ein Krankenhaus von einer Person ohne medizinischen Hintergrund führen lassen? Niemand. Warum also eine Gemeinde?

Weil die Parteien glauben, dass Politik wichtiger ist als Verwaltung. Weil sie glauben, dass „gute Ideen“ ausreichen – und dass „man das ja lernen kann“. Das ist zynisch. Und es ist falsch.

„Man kann das ja lernen“ – oder: Warum der Rathaus-Alltag kein Trainingslager ist

Einige Politiker sagen: „Man kann das ja lernen.“ Das ist eine bequeme Ausrede. Niemand würde sagen: „Man kann ja lernen, wie man ein Flugzeug fliegt – also lassen wir den Anfänger am Steuer sitzen.“

Aber genau das passiert in Beverstedt.

Die Verwaltung ist kein Lernumfeld. Sie ist eine Institution, die täglich für die Bürger funktionieren muss. Wenn der Bürgermeister nicht weiß, wie ein Haushalt funktioniert, wenn er nicht versteht, wie Vergaberecht funktioniert, wenn er nicht weiß, wie man Personal führt – dann leidet die Gemeinde.

Die Mitarbeiter im Rathaus? Sie müssen mit einem Vorgesetzten arbeiten, der keine Ahnung hat. Die Bürger? Sie müssen mit Entscheidungen leben, die nicht auf Fachwissen, sondern auf politischem Willen beruhen.

Das ist kein Fortschritt. Das ist Amateurisierung.

Einzelbeispiele sind keine Beweise

Einige Parteifunktionäre verweisen auf Christian Grüter aus Schiffdorf – einen Rechtsanwalt, der als Bürgermeister erfolgreich ist.

Das ist ein Einzelfall – und ein besonderer Fall. Ein Rechtsanwalt hat juristische Kenntnisse, die für Verwaltung relevant sind. Er kennt Gesetze, Verträge, Prozesse. Das ist nicht vergleichbar mit einem Versicherungsfachmann oder einem Ökonomen, die keine Verwaltungserfahrung haben.

Einzelbeispiele können keine allgemeine Regel begründen. Und schon gar nicht, wenn sie nicht vergleichbar sind.

Die Nordsee-Zeitung: Keine kritische Distanz

Kritisch zu bewerten ist auch die Berichterstattung der Nordsee-Zeitung. Sie gibt die Aussagen der Parteifunktionäre weitgehend unkritisch wieder – ohne nachzufragen:

  • Gibt es empirische Belege, dass Quereinsteiger genauso erfolgreich sind wie Fachleute?
  • Wie sehen die Verwaltungsmitarbeiter die neuen Kandidaten?
  • Was sagen die Bürger selbst?

Stattdessen werden Einzelfälle als Beweis für die Funktionsfähigkeit des neuen Modells präsentiert.

Das ist keine Journalismus – das ist Parteipropaganda.

Was wäre besser? Die Lösung ist einfach: Qualifikation muss zählen.

Die Bürgermeisterwahl sollte nicht nach Parteibuch, sondern nach Kompetenz entschieden werden.

  • Wer hat Erfahrung in Kommunalverwaltung?
  • Wer kennt Haushaltsplanung, Vergaberecht, Bauordnung?
  • Wer hat bereits in einer Verwaltung gearbeitet – nicht nur im Rat?

Das ist kein Rückfall in die Vergangenheit. Das ist eine Rückkehr zur Vernunft. Die Bürger haben einen Anspruch auf professionelle Verwaltungsführung – nicht auf parteipolitische Experimente.

Fazit: Beverstedt wählt keine Verwaltung – sondern Parteipolitik

Die Wahl des neuen Bürgermeisters in Beverstedt ist kein politisches Ereignis – es ist ein Testfall für die Zukunft der Kommunalpolitik. Wenn die Parteien weiterhin auf Amateure setzen, weil sie glauben, dass Politik wichtiger ist als Verwaltung – dann verlieren die Bürger. Wenn die Medien weiterhin unkritisch berichten – dann verlieren die Bürger. Wenn die Bürger weiterhin wählen, ohne zu fragen: „Wer kann das eigentlich?“ – dann verlieren die Bürger.

Es ist Zeit, die Qualifikation wieder in den Vordergrund zu stellen. Nicht Partei. Nicht Sympathie. Nicht gute Ideen. Sondern Kompetenz. Erfahrung. Verwaltungswissen.

Denn der Bürgermeister ist kein Politiker – er ist der Leiter einer Verwaltung. Und eine Verwaltung wird nicht von Amateuren geführt.


Carsten Zinn ist Autor bei WIDERDENKEN und lebt in Beverstedt. Er beschäftigt sich mit politischer Bildung, Kommunalpolitik und der Rolle der Medien in der Demokratie.

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