Die neuen Müllgebühren schlagen Wellen. Leserbriefe, hitzige Kommentare in sozialen Netzwerken, empörte Gesprächsrunden am Gartenzaun – überall der gleiche Tenor: Unverschämtheit, schon wieder werden wir zur Kasse gebeten. Die Nordsee-Zeitung berichtet am 14. und 16. Februar 2026 ausführlich über den Unmut im Landkreis Cuxhaven. Manfred de Buhr aus Dorum hat nachgerechnet und festgestellt, dass er bei gewohntem Abfuhrrhythmus pro Leerung nicht mehr 6,48 Euro zahlt, sondern 10,23 Euro – knapp 40 Prozent mehr als im Vorjahr. Christian Borzyszkowski aus Spaden spricht für viele Familienhaushalte, wenn er sagt, dass die pauschale Ansetzung von 16 Leerungen das System zunächst günstiger erscheinen lässt, die erhebliche Mehrbelastung aber unausweichlich ist. Hans Schöttke aus Loxstedt bezweifelt das versprochene Einsparpotenzial und fordert eine gewichtsbasierte Abrechnung. Ein besorgter Mann aus Neuenwalde fragt sich, wie die Geruchsentwicklung einer nur vierteljährlich geleerten Single-Tonne wohl ausfallen wird. Und ein Geestländer prophezeit, dass am Ende mehr illegaler Müll in der Landschaft landet und die Kommunen das über steigende Grundsteuern auf die Einwohner umlegen werden.
Ja, die Empörung ist verständlich. Aber sie kommt zu spät. Und sie richtet sich in vielen Fällen an die falsche Adresse – oder zumindest nur an die letzte Station einer langen Kette von Versäumnissen.
Der eigentliche Skandal ist nicht, dass die Gebühren jetzt steigen. Der eigentliche Skandal ist, wie es dazu kommen konnte, ohne dass Politik, Presse und Bürger vorher ihren Job gemacht haben.
Müllgebühren als Symptom
Wenn Müllgebühren steigen, ist das fast nie eine spontane Laune der Verwaltung. Dahinter stecken gestiegene Entsorgungskosten, neue gesetzliche Vorgaben, veränderte Abfallmengen, teure Verträge mit Entsorgern und Investitionen in Fahrzeuge, Sortiertechnik und Personal. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, wie der Landkreis nur die Gebühren erhöhen konnte. Die entscheidende Frage lautet: Wie konnte es passieren, dass wir den Weg zu diesen Entscheidungen kaum mitbekommen – oder schlicht ignoriert – haben?
In den meisten Kommunen werden Abfallsatzungen in Ausschüssen beraten, Gebührenkalkulationen erstellt, Sitzungsvorlagen veröffentlicht und Beschlüsse in öffentlichen Sitzungen gefasst. Juristisch ist vieles transparent. Praktisch ist es für den normalen Bürger unsichtbar. Wir regen uns über das Endergebnis auf, aber den politischen Prozess davor haben wir nicht begleitet, nicht hinterfragt und oft nicht einmal registriert. Und hier beginnt das eigentliche Problem.
Formal korrekt, aber bürgerfern
Kommunalpolitik neigt dazu, Transparenz mit Formalität zu verwechseln. Protokolle werden bereitgestellt, aber niemand liest sie. Gebührenkalkulationen liegen aus, aber in einer Sprache, die kaum jemand versteht. Ein Hinweis im Amtsblatt – aber wer abonniert das noch? Rein rechtlich ist damit alles offen. Demokratisch-kulturell sind wir damit weit weg von echter Beteiligung.
Tatsächlich hat der Landkreis Cuxhaven ab Mitte 2025 über das neue Gebührensystem informiert und mit den Bescheiden für 2026 auch Infomaterial verschickt. Darin wird die chipbasierte Erfassung jeder einzelnen Leerung als gerechter, transparenter und nachvollziehbarer angepriesen. Doch was nützt eine Information, die erst dann bei den Menschen ankommt, wenn die Entscheidung längst gefallen ist? Und diese Entscheidung ist im Grunde schon gefallen, als die Chipausstattung der Mülltonnen beschlossen wurde – also noch deutlich früher! Was in den Gremien besprochen wurde, welche Alternativen geprüft und verworfen wurden, welche Szenarien auf dem Tisch lagen – davon erfahren die Betroffenen nichts.
Eine bürgernahe Kommunikation hätte anders ausgesehen. Schon bei ersten Hinweisen auf steigende Kosten hätte der Landkreis klar ankündigen müssen, dass sich das in den Gebühren widerspiegeln wird. Konkrete Szenarien hätten auf den Tisch gehört: Was kostet es pro Haushalt, wenn wir investieren, und was passiert, wenn wir es lassen? Dialog statt Alibi-Bürgerinfo, und zwar vor dem Beschluss, nicht danach. Stattdessen lief es wie so oft: Die Verwaltung erarbeitet ein Zahlenwerk, der zuständige Ausschuss nickt es ab, der Kreistag beschließt, die Bescheide gehen raus, und die Empörung ist da. Das ist kein Kommunikationsunfall. Das ist ein systemischer Fehler.
Wir selbst: Zwischen Desinteresse und spätem Zorn
Es bringt nichts, nur die Politik zu schelten. Bürgerbeteiligung ist keine Einbahnstraße. Wir sind schnell empört, wenn etwas beschlossen wurde, ohne dass wir es mitbekommen haben. Aber wann haben wir das letzte Mal eine Ratssitzung besucht? Wann haben wir uns bewusst in einen kommunalen Newsletter eingetragen? Wann haben wir die Vorlagen eines Fachausschusses angeschaut? Wann haben wir die Lokalzeitung nicht nur überflogen, sondern gezielt nach kommunalen Themen gesucht?
Demokratie funktioniert nicht als Bringschuld der Politik allein. Sie braucht auch die Holschuld der Bürger. Natürlich haben viele Menschen wenig Zeit, sind beruflich belastet, haben Familie. Der Alltag lässt oft wenig Raum, sich durch trockene Satzungen zu wühlen. Aber Empörung ist eben auch eine Form der Arbeitserleichterung. Sich erst dann zu melden, wenn alles entschieden ist, ist bequem – aber wirkungslos. Wer wirklich mitreden will, muss unangenehm früh anfangen: Fristen beachten, Sitzungen besuchen, Nachfragen stellen, Initiativen starten, sich mit anderen zusammentun.
Kritisches Hinterfragen – das eigenständige Nachdenken gegen den Strom, das Infragestellen dessen, was als gesetzt präsentiert wird – heißt eben auch, den Blick auf sich selbst zu richten. Nicht nur die da oben sind verantwortlich. Wir alle sind es.
Die Presse: Hinterfragen statt nacherzählen
Lokale Medien haben eine zentrale Aufgabe. Sie sind das Bindeglied zwischen kommunalen Entscheidungen und der Öffentlichkeit. Doch allzu oft beschränkt sich die Berichterstattung auf die Formel: Kreistag beschließt neue Abfallsatzung, Gebühren steigen um X Prozent, zwei Fraktionen schieben sich gegenseitig die Schuld zu, dazu ein Bild von einem Müllauto.
Was regelmäßig fehlt, ist die frühzeitige Recherche: Warum steigen die Kosten eigentlich? Wer profitiert von den Entsorgungsverträgen? Welche Alternativen wurden geprüft? Seit wann ist das Thema in den Gremien? Wie liegen die Gebühren im Vergleich zu Nachbarlandkreisen – und warum? Steigen die Gebühren, weil wir mehr Service bekommen, oder weil jahrelang versäumt wurde, kostendeckend zu kalkulieren?
Die Nordsee-Zeitung greift das Thema auf, nachdem die Bescheide verschickt wurden und die Beschwerden eingehen. Das ist besser als nichts, aber es bleibt reaktiv. Presse ist nicht dazu da, die letzte Empörungswelle zu verstärken, sondern die vorherigen Stillwasserphasen sichtbar zu machen. Solange Berichterstattung fast nur am Ende eines Entscheidungsprozesses ansetzt, bleiben wir im immer gleichen Muster: Verwaltung arbeitet im Hintergrund, Politik entscheidet, Presse berichtet, Bürger empören sich, alles versandet, nächstes Thema. Wir brauchen eine lokale Presse, die dauerhaft bohrt, nicht nur kurz aufschreit.
Die Kultur des Zu-spät-Kritisierens
Die Empörung über Müllgebühren ist ein Symptom einer tieferen demokratischen Kulturfrage. Wir kritisieren meistens erst dann, wenn es wehtut – finanziell, emotional, direkt im Alltag. Vorher, in der Phase der Beratungen, der Sitzungen, der Beschlussvorlagen, ist das Thema für die Mehrheit zu technisch, zu trocken, zu weit weg. Wird schon passen.
Dieses Muster finden wir überall: bei Schulschließungen, bei Verkehrsplanungen, bei der Ausweisung neuer Baugebiete, bei der Umgestaltung von Innenstädten. Die Reihenfolge ist immer dieselbe. Jahre- oder monatelang beraten die Gremien. Die Themen tauchen irgendwo in Tagesordnungen auf. Kaum jemand geht hin, kaum jemand stellt Fragen. Entscheidungen fallen. Die Umsetzung wird sichtbar. Der Aufschrei kommt. Wer das durchbrechen will, muss seine Aufmerksamkeit zeitlich verschieben – nach vorne, auf den Prozess, statt nur aufs Ergebnis.
Solidarität heißt: Gemeinsam früher hinschauen – und genauer
Was in der ganzen Debatte fast völlig untergeht, ist der Gedanke der Solidarität. Müllentsorgung ist keine Privatangelegenheit. Sie ist eine Gemeinschaftsaufgabe – und die Kosten dafür tragen wir alle. Die Frage, wie diese Kosten verteilt werden, ist deshalb immer auch eine soziale Frage. Wer wenig verdient, für den sind 40 Prozent Mehrkosten kein Ärgernis, sondern eine echte Belastung. Wer allein lebt, kann die Tonne vielleicht länger stehen lassen. Aber die Familie mit kleinen Kindern, der pflegende Angehörige mit Hygieneabfällen, der Rentnerhaushalt mit schmaler Kasse – für sie alle ist ein Gebührensystem, das pauschal Leerungen reduziert und Mehrkosten erst ein Jahr später sichtbar macht, kein Fortschritt, sondern eine Zumutung.
Und dann ist da die Antwort des Landkreises auf die Frage, was mit Menschen geschieht, die wegen Babywindeln oder Inkontinenzprodukten schlicht mehr Restmüll produzieren. Der Kreis erklärt dazu sinngemäß: Ja, diese Personen zahlen mehr, weil sie mehr Leistung in Anspruch nehmen. Die zusätzliche finanzielle Belastung sei sozialpolitisch zu diskutieren, nicht über die Abfallgebühr zu lösen – denn sonst müssten andere für deren Abfall mitzahlen. Das ist mehr als zynisch!
Man muss diesen Absatz zweimal lesen, um seine ganze Kälte zu erfassen. Der Landkreis erklärt hier, mit bürokratischer Nüchternheit, dass die Mutter mit dem Säugling, der inkontinente Senior, der pflegebedürftige Mensch im Rollstuhl eben Pech hat. Wer Windeln braucht, zahlt mehr. Punkt. Und das Soziale? Das sollen bitte andere klären. Der Landkreis wäscht sich die Hände – mit dem Argument, dass Gerechtigkeit in der Abfallgebühr nicht vorgesehen sei.
Das ist nicht einfach nur eine technische Aussage zur Gebührenkalkulation. Das ist eine politische Positionierung. Der Landkreis entscheidet sich bewusst dafür, eine Lebensrealität, die Millionen Menschen betrifft – Elternschaft, Pflege, Alter, Krankheit –, als individuelles Kostenproblem zu behandeln. Wer mehr Windeln produziert, soll mehr zahlen. Wer sich das nicht leisten kann, soll sich an eine andere Stelle wenden. Welche Stelle das sein soll, sagt der Kreis nicht. Ob es diese Stelle gibt, interessiert ihn offenbar nicht. Und ob man dort gehört wird, ist dann auch noch die Frage, denn mit Sicherheit ist ein solcher Posten nicht in der sozialen Hilfe vorgesehen!
Dabei verweist der Landkreis selbst auf den richtigen Punkt, ohne ihn einzulösen: Die soziale Frage. Er erkennt an, dass die Mehrbelastung existiert. Er erkennt an, dass sie sozialpolitisch relevant ist. Aber er weigert sich, daraus eine Konsequenz abzuleiten, die in seinen Zuständigkeitsbereich fällt. Ein Landkreis, der Gebühren erhebt und gestaltet, hat auch die Verantwortung, deren soziale Wirkung zu bedenken. Soziale Staffelungen, Härtefallfonds, Zuschüsse für nachweislich pflegende Haushalte – das sind keine utopischen Forderungen. Doch in Cuxhaven? Fehlanzeige. Stattdessen die Empfehlung, das Problem solle jemand anderes lösen.
Damit steht die Müllgebührendebatte im Landkreis Cuxhaven nicht isoliert da. Sie fügt sich ein in ein viel größeres Muster: die systematische Verweigerung, Daseinsvorsorge als das zu behandeln, was sie ist – als eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die nicht nach Marktlogik funktionieren darf.
Auf der Sozialstaatskonferenz des DGB Ende Januar 2026 in Berlin wurde genau dieser Punkt verhandelt. DGB-Vorsitzende Yasmin Fahimi kritisierte, dass soziale Sicherheitssysteme zunehmend als Wachstumsbremse dargestellt würden, obwohl sie für Stabilität und Sicherheit sorgten. Arbeits- und Sozialministerin Bärbel Bas sprach davon, dass die steigende Verunsicherung zum Geschäftsmodell geworden sei, um den Sozialstaat kaputtzureden. Die Sozialstaatskommission fordert eine Digitalisierung und Entbürokratisierung steuerfinanzierter Leistungen – und macht dabei sichtbar, dass selbst bestehende Ansprüche oft nicht bei denen ankommen, die sie am dringendsten brauchen. Das Kindergeld als Beispiel: Es wird nach Anträgen ausgezahlt. Wer den Antrag nicht stellt – oft gerade die, die es am nötigsten hätten –, geht leer aus.
Was hat das mit Müllgebühren in Cuxhaven zu tun? Alles. Denn das Grundmuster ist identisch. Leistungen der Daseinsvorsorge – ob Rente, Kindergeld, Gesundheitsversorgung oder eben Müllentsorgung – werden zunehmend nach dem Prinzip des individuellen Verbrauchs abgerechnet statt nach dem Prinzip der solidarischen Tragfähigkeit. Wer mehr braucht, zahlt mehr. Wer weniger braucht, spart. Das klingt nach Gerechtigkeit. Aber es ist die Gerechtigkeit des Marktes, nicht die des Sozialstaates. Und der Markt kennt keine Windeln, keine Inkontinenz, keine pflegenden Angehörigen. Er kennt nur Kosten und Preise.
Hans Goswin Clemen bringt es in einem Leserkommentar im nd auf den Punkt, wenn er über die Grundversorgung mit den lebensnotwendigen Dingen wie Wohnen, Essen, Wasser, Energie, Verkehr, Bildung und Information spricht. Müllentsorgung gehört in diese Reihe. Sie ist kein Luxusgut, das man nach Belieben mehr oder weniger konsumiert. Sie ist eine Grundfunktion des zivilisierten Zusammenlebens. Und ihre Kosten gehören solidarisch getragen – nicht als Strafe für diejenigen, die mehr Abfall produzieren, weil ihr Körper oder ihre Lebensphase es so erfordern.
Reinhard Hopp aus Berlin schreibt in der jungen Welt mit Blick auf die Behandlung der Schwächsten in diesem Land, dass mit erstaunlicher Kreativität und Verbissenheit nach immer neuen Möglichkeiten gesucht werde, den Ärmsten und Bedürftigsten bloß keinen Krümel zu viel vom gesamtgesellschaftlichen Kuchen zukommen zu lassen – während gigantische Steuerverbrechen systematisch geduldet würden. Auch das passt ins Bild: Der Landkreis Cuxhaven betreibt bei der Windelfrage keine aktive Grausamkeit. Aber er betreibt eine passive Gleichgültigkeit, die im Ergebnis dieselbe Wirkung entfaltet. Er verweist die Betroffenen an eine sozialpolitische Diskussion, die niemand führt, und an Zuständigkeiten, die niemand übernimmt.
Zeitgleich streiken die Müllwerker beim Entsorger Nelsen seit über einem Jahr für faires Gehalt. Die Kosten für Ersatzpersonal übersteigen längst die Forderungen der Müllwerker und der Gewerkschaft. In Deutschland unterlaufen derweil massenhaft Arbeitgeber den Mindestlohn, wie eine Anfrage der Linksfraktion zeigt: nahezu jeder vierte überprüfte Betrieb verstößt gegen die gesetzlichen Bestimmungen. Die Daseinsvorsorge – ob Müllentsorgung, faire Löhne oder soziale Absicherung – wird an allen Enden kaputtgespart, unterlaufen oder an den Einzelnen delegiert.
Solidarisches Denken würde bedeuten, dass wir nicht nur auf den eigenen Gebührenbescheid schauen, sondern fragen: Was bedeutet diese Regelung für die Nachbarin im Erdgeschoss, die von Grundsicherung lebt? Was heißt das für die junge Familie am Ende der Straße, die ohnehin jeden Euro zweimal umdrehen muss? Was für den alten Mann drei Häuser weiter, der sich nicht traut, den Klageweg zu beschreiten, weil ihm das Geld für den Anwalt fehlt? Was für die Frau im Pflegeheim, deren Inkontinenzmaterial die Tonne füllt und deren Kosten jetzt steigen, ohne dass sie auch nur gefragt wurde?
Manfred de Buhr hat Klage eingereicht – und er tut das nicht nur für sich. Er tut es auch für all jene, die sich diesen Schritt nicht leisten können oder nicht wagen. Das ist gelebte Solidarität: nicht wegsehen, wenn Entscheidungen die Schwächeren überproportional treffen, und den Mund aufmachen, auch wenn es unbequem ist.
Eine solidarische Gemeinde streitet nicht nur über die Höhe der Gebühren. Sie streitet darüber, ob das System gerecht ist. Ob es diejenigen schützt, die sich am wenigsten wehren können. Ob es Anreize schafft, die für alle funktionieren – und nicht nur für diejenigen, die den Spielraum haben, ihre Tonne sechs Wochen stehen zu lassen. Der Flögelner, der stolz berichtet, dass er mit weniger Leerungen auskommt, hat Recht: Wer Müll vermeidet, soll profitieren. Aber ein Gebührensystem, das nur dann funktioniert, wenn man es sich leisten kann, anders zu handeln, ist kein gerechtes System. Es ist ein System, das Freiheiten belohnt, die nicht alle haben.
Was sich ändern muss
Damit es nicht beim Appell bleibt, ein konkreter Blick darauf, wie es hätte anders laufen können – und was sich für die Zukunft ändern muss.
Die Politik hätte, als klar wurde, dass die Kosten steigen, offen sagen müssen: Wenn wir nichts ändern, werden wir Gebühren anheben müssen, lasst uns gemeinsam Optionen prüfen. Verschiedene Gebührenmodelle hätten auf den Tisch gehört, mit Auswirkungen auf unterschiedliche Haushaltstypen, mit alternativen Einsparungspotenzialen wie optimierten Touren oder Kooperationen mit Nachbarkommunen. Beteiligungsformate wären möglich gewesen – ein Online-Kalkulator, Bürgerversammlungen mit Fragerunde, eine Bürgerbefragung. Und vor allem hätte eine soziale Folgenabschätzung dazugehört: Wer wird durch das neue System entlastet, wer belastet – und wie fangen wir die auf, die es am härtesten trifft?
Hans Schöttkes Vorschlag einer gewichtsbasierten Abrechnung durch Waagen in den Abfuhrfahrzeugen zeigt, dass es Bürger gibt, die durchaus konstruktiv mitdenken – wenn man sie denn lässt und anhört. Stattdessen wurde dieses System laut Schöttke in Cuxhaven schlicht verschlafen, obwohl es anderswo bereits praktiziert wird. Und ob sein Vorschlag sozialer ist, sei dahingestellt!
Und für die Windelfrage konkret: Es wäre ein Leichtes, einen Zuschuss für nachweislich betroffene Haushalte einzuführen, eine Freimengenregelung für Hygieneabfälle zu schaffen oder die Kosten für Haushalte mit Pflegebedarf zu deckeln. Dass der Landkreis Cuxhaven stattdessen achselzuckend auf die Sozialpolitik verweist, ist keine Sachzwanglogik. Es ist eine Entscheidung – eine Entscheidung gegen die Schwächsten.
Wir Bürger wiederum hätten früher Interesse zeigen müssen. Newsletter abonnieren, bei Ankündigung des Themas hingehen oder zuschalten, Fragen an Ratsmitglieder richten, eine Bürgerinitiative gründen, bevor der Beschluss fällt. Und ja, auch Realismus gehört dazu: Qualität und Umweltstandards kosten Geld, nicht jede Gebührenerhöhung ist per se Abzocke – aber jede gehört hinterfragt. Vor allem dann, wenn sie die sozial Schwächeren überproportional trifft.
Und die Presse hätte das Thema in einer Serie aufbereiten können: Warum steigen Entsorgungskosten? Wie setzt sich Ihre Müllgebühr zusammen? Was planen Kreistag und Verwaltung – und was heißt das für Ihren Geldbeutel? So können Sie sich einbringen. Nicht eine Meldung am Ende, sondern eine dauerhafte Begleitung des gesamten Weges.
In welcher Demokratie wollen wir leben?
Die Debatte über Müllgebühren ist eine Nebenschau – aber sie zeigt etwas Grundsätzliches. Wollen wir eine Demokratie, in der Politik meist im Halbdunkel formaler Transparenz arbeitet, Medien spät und oberflächlich berichten und Bürger sich erst regen, wenn sie eine Rechnung bekommen? Oder wollen wir eine Demokratie, in der Politik proaktiv und verständlich kommuniziert, Medien kontinuierlich und kritisch begleiten und Bürger früh und informiert mitreden?
Letzteres ist anstrengender. Für alle. Für Politiker, die sich mehr erklären müssen. Für Journalisten, die tiefer recherchieren müssen. Für Bürger, die früher Verantwortung übernehmen müssen. Aber es ist die einzige Form von Demokratie, die diesen Namen verdient.
Dass Manfred de Buhr aus Dorum jetzt den Klageweg beschreitet, weil gegen den Gebührenbescheid kein Widerspruch möglich ist, zeigt zweierlei: den Mut eines Einzelnen, der sich nicht abschrecken lässt – und die Hilflosigkeit eines Systems, das seine Bürger vor vollendete Tatsachen stellt und ihnen nur noch den Gang vor Gericht lässt. Dass er damit auch für andere kämpft, die diesen Schritt nicht wagen, macht seinen Gang nach Stade zu mehr als einem persönlichen Rechtsstreit.
Der Ärger ist berechtigt – aber er ist zu spät
Ja, die neuen Müllgebühren sorgen für Ärger. Ja, dieser Ärger hat Gründe. Aber unsere Kritik ist zu stark auf das Ergebnis fixiert und zu schwach auf den Weg dorthin. Statt nur zu fragen, warum die Gebühren so hoch sind, müssen wir auch fragen: Warum haben wir erst jetzt angefangen hinzuschauen? Warum haben Politik und Verwaltung nicht klarer gesprochen? Warum haben Presse und Bürger sich nicht früher eingemischt?
Und wir müssen die Frage stellen, die der Landkreis mit seinem Windel-Absatz so geflissentlich an andere delegiert: Wer schützt die, die keine Wahl haben? Wer sorgt dafür, dass Daseinsvorsorge nicht zur Strafgebühr für Lebensphasen wird, die jeden von uns treffen können – als Eltern, als Pflegende, als Alte, als Kranke?
Dieser Artikel will nicht die Wut nehmen – aber sie umlenken. Weg von der bloßen Empörung, hin zur Verantwortung: der politischen, der medialen und der eigenen. Und hin zu einem solidarischen Blick, der über den eigenen Gebührenbescheid hinausgeht. Denn kritisches Denken – das eigenständige, unbequeme Hinterfragen von Entscheidungen, Prozessen und auch dem eigenen Verhalten – ist kein Luxus. Es ist die Grundlage jeder lebendigen Demokratie.
Die nächste Gebührenrunde, der nächste Verkehrsplan, die nächste Schulstrukturreform kommen bestimmt. Die Frage ist nicht, ob – sondern: In welcher Phase werden wir diesmal wach? Und vor allem: Schauen wir dann nur auf uns selbst – oder auch auf die, die neben uns stehen?
Carsten Zinn schreibt regelmäßig für widerdenken.de über Sicherheitspolitik, Grundrechte und die Frage, wem die „Zeitenwende“ eigentlich nützt.