Der Abschied als Warnung

Rathaus an einem winterlichen Tag

Dieckmann geht – und keiner zieht die Konsequenzen

43 Jahre. So lange hat Guido Dieckmann im Beverstedter Rathaus gearbeitet. Erst als Verwaltungsmann, seit 2019 als Bürgermeister. Am 1. November ist Schluss. Die Nordsee-Zeitung hat ihm ein warmes Abschiedsinterview gewidmet – mit freundlichen Fragen, lobenden Antworten und einem Foto, das Seriosität und Bodenständigkeit ausstrahlt. Schön. Nur: Das Wichtigste steht zwischen den Zeilen. Und dort steht eine Warnung.

Die Warnung, die niemand hören will

Dieckmann sagt es selbst, fast beiläufig, fast am Ende des Gesprächs: „Das könnte sich mit einem neuen, politisch geprägten Bürgermeister jetzt ändern.“ Er meint damit, dass er als Parteiloser bisher so abgestimmt hat, wie er es für sachlich richtig hielt – und nicht nach Parteilinie. Dass er damit 43 Jahre Verwaltungsroutine, Haushaltswissen und institutionelles Gedächtnis mitgebracht hat.

Das ist kein Lob in eigener Sache. Das ist ein Abschiedshinweis. Der Mann, der das Haus kennt wie kein anderer, sagt: Nach mir kommt etwas anderes. Und „anders“ klingt in diesem Zusammenhang nicht nach Aufbruch, sondern nach Risiko.

Die Nordsee-Zeitung hat das gedruckt. Und dann – nichts. Kein Nachhaken. Keine Folgefrage. Keine Einordnung. Einfach weiterblättern zur Weinprobe in Debstedt.

Was Dieckmann nicht gesagt hat – aber meinte

Schon am 13. Februar habe ich an dieser Stelle geschrieben: Beverstedt wählt keine Verwaltung, sondern Parteipolitik. CDU und SPD schicken ihre eigenen Leute ins Rennen – Gunnar Böse, Diplom-Ökonom und Fraktionsvorsitzender, und Torsten Schröder, Führungskraft bei einer Versicherung. Beide politisch erfahren. Beide ohne Verwaltungshintergrund.

Damals haben manche das als überzogen abgetan. Als Misstrauen gegenüber gut gemeintem Engagement. Als Verweigerung gegenüber dem demokratischen Prozess.

Und jetzt? Jetzt sagt der scheidende Bürgermeister – parteilos, 43 Jahre im Amt, bestens vernetzt in der Gemeinde – indirekt dasselbe. Nur höflicher. Mit mehr Diplomatie. Und ohne es so nennen zu müssen.

Eine 60-Stunden-Woche ist kein Hobby

„Definitiv, eine 60-Stunden-Woche ist völlig normal“, sagt Dieckmann. Er fügt hinzu, dass viele denken, der Bürgermeister tauche bei Festen auf und schnacke ein bisschen. Das sei eben nur ein Part.

Der andere Part: Haushalt führen. Vergaberecht einhalten. Personal managen. Beschlüsse vorbereiten. Flächennutzungsplan überarbeiten. Energieversorgung organisieren. Schulen ausbauen. Windparks durchboxen.

Das ist kein Job, den man „so nebenbei lernt“. Das ist komplexe, technische Verwaltungsarbeit – und wer sie unterschätzt, hat noch nie im Rathaus gesessen. Oder er sitzt dort zum ersten Mal.

Die Bilanz: beeindruckend unfertig

Dieckmann ist stolz. Das merkt man. Und manches davon ist berechtigt: Feuerwehrgerätehäuser, Klimaschutzkonzept, Ganztagsschule auf dem Weg. Das ist keine schlechte Bilanz für eine strukturschwache Gemeinde mit chronisch knapper Kasse.

Aber dann die andere Seite: Glasfaser für 1.200 Adressen – noch nicht fertig, Hoffnung auf Spatenstich 2026. Windenergie – erste Anlage frühestens 2029/30. Acht Solarparks beschlossen – kein einziges Band durchgeschnitten. Mensaneubau in Beverstedt – nötig, aber nicht rechtzeitig.

Das ist keine Kritik an Dieckmann persönlich. Das ist die Realität kommunaler Verwaltung in Deutschland: unterfinanziert, überbelastet, zwischen Bundes-, Landes- und Gemeindeinteressen zerrieben. Aber es ist auch das Erbe, das der Nachfolger übernimmt. Mit all seinen offenen Baustellen. Ohne Einarbeitungszeit. Und ohne Verwaltungserfahrung.

„Bedrohungslage“ – ein Wort, das sitzt

Ein Satz im Interview ist mir nicht aus dem Kopf gegangen. Dieckmann spricht über Bevölkerungsschutz und sagt: „Im Bereich des Katastrophen- und Bevölkerungsschutzes müssen wir uns alle bewusst machen, dass mittlerweile eine Bedrohungslage da ist. Und ich meine nicht mal kriegerische Auseinandersetzungen.“

„Nicht mal.“ Das ist eine merkwürdige Formulierung. Sie schließt kriegerische Auseinandersetzungen nicht aus – sie setzt sie nur als weniger dringlich. Aber der Satz steht. Der Zeitgeist kriecht auch ins Beverstedter Rathaus. Wer hätte das vor fünf Jahren erwartet?

Und jetzt stellen wir uns vor: Ein neuer Bürgermeister ohne Verwaltungspraxis muss in diesem Klima – Klimawandel, Energiewende, mögliche Katastrophenszenarien, knappe Finanzen – ein Rathaus führen, dessen Mechanismen er noch nicht kennt. Das Risiko trägt nicht er. Das tragen die Bürgerinnen und Bürger von Beverstedt.

Die Nordsee-Zeitung: Hofberichterstattung mit Wohlfühlgarantie

Man muss es klar sagen: Das Interview ist handwerklich korrekt. Die Fragen sind freundlich, die Antworten lesbar, das Format vertraut. Aber Journalismus bedeutet mehr als Zitatesammlung. Journalismus bedeutet: nachfragen. Einordnen. Widersprüche benennen.

Warum wurde Dieckmanns Hinweis auf den „politisch geprägten Bürgermeister“ nicht aufgegriffen? Warum kein Vergleich mit seiner eigenen Amtsübernahme 2019? Warum keine Frage: „Herr Dieckmann, halten Sie Böse oder Schröder für geeignet – oder fehlt beiden die nötige Verwaltungserfahrung?“

Stattdessen: Stolz auf die Feuerwehr. Freude auf den Glasfaser-Spatenstich. Abgang mit Würde.

Das ist kein schlechter Mensch, der da geht. Aber es ist schlechter Journalismus, der ihn begleitet.

Was jetzt zählt

Am 13. September 2026 wählt Beverstedt. Bis dahin haben die Kandidaten Zeit, zu zeigen, dass sie mehr sind als Parteisoldaten. Dass sie verstehen, was Verwaltungsführung bedeutet. Dass sie bereit sind, sich in Haushaltspläne, Vergaberecht und Personalführung einzuarbeiten – bevor sie den Schlüssel zum Rathaus in die Hand nehmen.

Und die Bürgerinnen und Bürger haben Zeit, zu fragen: Wer kann das eigentlich? Nicht: Wer ist sympathisch? Nicht: Wessen Partei finde ich besser? Sondern: Wer hat die Kompetenz, dieses Amt zu führen?

Dieckmann hat 43 Jahre gebraucht, um das Rathaus wirklich zu kennen. Sein Nachfolger bekommt nicht 43 Jahre. Er bekommt einen Einführungskurs und eine offene Baustelle.

Das sollte Beverstedt wissen. Bevor es wählt.


Carsten Zinn schreibt auf widerdenken.de über Kommunalpolitik, Machtstrukturen und die Fragen, die der Lokaljournalismus nicht stellt.

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