Der Landkreis Cuxhaven feiert sich. Eine neue App. „CuX und quer“ heißt das Ding, und der Kreisseniorenbeirat hat sich in Hagen zusammengefunden, um darüber zu staunen, wie modern das alles ist. Hagens Bürgermeister Andreas Wittenberg sprach von „Mobilität für alle“ als wichtigem Standortfaktor. Schön gesagt. Nur stimmt es nicht.
„Mobilität für alle“ – aber nicht wirklich für alle
3.800 Menschen ab 60 Jahren leben allein in der Gemeinde Hagen. Im gesamten Landkreis Cuxhaven sind es Zehntausende. Dazu kommen Menschen mit Behinderungen, Menschen ohne Führerschein, Menschen ohne Auto. Sie alle sollen jetzt eine App auf ihr Smartphone laden und damit ihr Mobilitätsproblem gelöst haben.
Nur: Was ist mit denen, die kein Smartphone haben? Was ist mit denen, die eines haben, aber nicht sicher damit umgehen? Was ist mit Menschen im Rollstuhl, die schlicht nicht wissen, ob das Anrufsammeltaxi überhaupt barrierefrei ist – weil der Artikel in der Nordsee-Zeitung darüber kein Wort verliert und der Landkreis offenbar auch keines verlieren musste?
Menschen mit Behinderungen kommen in der gesamten Diskussion um das AST nicht vor. Nicht einmal als Randnotiz. Das ist kein Versehen. Das ist die übliche Unsichtbarkeit.
Ein Pflaster auf eine klaffende Wunde
Das Anrufsammeltaxi ergänzt laut Landkreis die Buslinien im Nahverkehrsplan. Was das bedeutet, weiß jeder, der hier lebt: Die Buslinien reichen nicht. Sie fahren selten, sie fahren nicht überall, und in den Schulferien fallen Verbindungen weg, weil Schulbusse eben keine Linienbusse sind.
Das ist das Ergebnis jahrzehntelanger Verkehrspolitik, die den ländlichen Raum systematisch dem Auto geopfert hat. Jede gestrichene Buslinie, jeder ausgedünnte Takt, jede geschlossene Bahnstrecke war eine politische Entscheidung. Keine Naturkatastrophe. Eine Entscheidung.
Und die Antwort darauf ist jetzt eine App.
CuX und quer – aber bitte nicht über die Gemeindegrenze
Der Name klingt nach Aufbruch. „CuX und quer“ – das suggeriert Vernetzung, freie Fahrt durch den ganzen Landkreis, Mobilität ohne Grenzen. Die Realität sieht anders aus. Das Anrufsammeltaxi hält an der Gemeindegrenze. Wer von Hagen nach Geestland muss, wer von Loxstedt nach Cuxhaven will – der ist auf sich gestellt. Eine einzige gemeindeübergreifende Verbindung gibt es im gesamten Landkreis. Eine.
Der Name lügt. Nicht aus Versehen, sondern weil Namensgebung im öffentlichen Raum immer eine Botschaft ist. „CuX und quer“ als Bezeichnung für ein System, das an Gemeindegrenzen endet, ist Werbung für ein Angebot, das es so nicht gibt. Die Nordsee-Zeitung hat das nicht erwähnt. Der Landkreis hat es nicht klargestellt. Und der Kreisseniorenbeirat hat applaudiert.
Das Deutschlandticket gilt nicht. Natürlich nicht.
Wer das AST nutzt, zahlt extra. Das Deutschlandticket – neun Euro, dann 29 Euro, dann 49 Euro, zuletzt 63 Euro, eine Geschichte für sich – gilt für das Anrufsammeltaxi nicht. Zusätzlich braucht man Vorlaufzeit, weil Fahrten telefonisch oder per App vorbestellt werden müssen.
Wer spontan zum Arzt muss, wer nicht vorausplanen kann, wer in einer akuten Situation Mobilität braucht: Pech gehabt. Das System setzt Planbarkeit voraus, die viele Menschen schlicht nicht haben.
Digitalisierung als Ablenkungsmanöver?
Die App kostet laut Landkreis nichts – für die Nutzenden. Was die Entwicklung gekostet hat, erfährt man nicht. Was eine echte Verbesserung des Busnetzes kosten würde, wird erst gar nicht diskutiert. Stattdessen werden Seniorenbeiräte zu „Multiplikatoren“ gemacht, die das Angebot in ihren Gemeinden bekannt machen sollen.
Das ist clever. Der Landkreis spart sich teure Infrastruktur, schiebt die Werbung ans Ehrenamt weiter und kann trotzdem behaupten, er tue etwas für die Mobilität im Cuxland.
Das ist keine Verkehrspolitik. Das ist Verwaltung von Mangel mit digitalem Anstrich.
Was gebraucht wird, ist kein App-Store-Eintrag
Ein funktionierender ÖPNV im ländlichen Raum kostet Geld. Das stimmt. Er kostet politischen Mut, in Infrastruktur zu investieren, die keinen kurzfristigen Return on Investment hat. Er kostet die Bereitschaft, den ländlichen Raum nicht als Restposten zu behandeln.
Barrierefreiheit kostet ebenfalls Geld. Busse, die Rollstühle aufnehmen können. Haltestellen, die zugänglich sind. Fahrpläne, die auch Menschen mit kognitiven Einschränkungen nutzbar sind. Das alles ist nicht in einer App zu haben.
Solange Mobilität im Landkreis Cuxhaven bedeutet: Wer ein Auto hat, kommt voran – und alle anderen laden sich eine App – ist nichts gelöst. Dann ist nur die Sichtbarkeit des Problems etwas aufgehübscht worden.
Das reicht nicht. Das darf nicht reichen.
Carsten Zinn schreibt auf widerdenken.de über Verkehrspolitik, soziale Teilhabe und die systematische Benachteiligung des ländlichen Raums.