Die Nordsee-Zeitung berichtet nicht über eine Veranstaltung zur Krisenvorsorge im Landkreis Cuxhaven – sie hat sie mitorganisiert. Was dabei herauskommt, ist kein Journalismus. Es ist Propaganda mit Druckerschwärze.
Am Dienstagabend im Rathaus Loxstedt: Militärs, Behördenvertreter, ein CDU-Bundestagsabgeordneter. Und die Nordsee-Zeitung. Nicht als Beobachterin. Als Mitveranstalterin.
Titel der Veranstaltung: „Krisen, Nato, Kriege – Bevölkerungsschutz im Landkreis Cuxhaven“. Eingeladen hatte der Landfrauenverein Donnern. Die Nordsee-Zeitung, so steht es in ihrem eigenen Bericht auf Seite 15 der Donnerstagausgabe, „päsentierte die Veranstaltung“. Wer sich noch fragt, warum das Vertrauen in Medien schwindet, findet hier eine Antwort: weil Redaktionen aufgehört haben, Medien zu sein.
„Kriegsgefahr“ – das fehlende Fragezeichen
Bevor der erste Satz des Artikels gelesen ist, steht in der Unterüberschrift: „Wie gut ist das Cuxland auf die Kriegsgefahr vorbereitet.“ Nicht: auf eine mögliche Kriegsgefahr. Nicht: auf das, was Militärs als Kriegsgefahr bezeichnen. Die Kriegsgefahr. Sie ist da. Sie ist gesetzt. Kein Konjunktiv. Kein „angeblich“. Kein Fragezeichen hinter der Bedrohungsthese.
Das ist exakt dasselbe journalistische Versagen, das der Spiegel zeigt, wenn er in der Dachzeile „Bedrohung durch Russland“ setzt – als wäre es eine meteorologische Tatsache. Im Lokalen, auf der Seite 15 einer Regionalzeitung, funktioniert das Muster genauso. Die Form ist bescheidener. Der Schaden ist vergleichbar.
Ob Russland tatsächlich eine Bedrohung für den Landkreis Cuxhaven darstellt – oder für Deutschland, oder für die NATO –darüber gehen die Meinungen unter Experten weit auseinander. Diese Auseinandersetzung findet im Artikel nicht statt. Stattdessen: Tatsachenbehauptung als Überschrift. Das Ergebnis: Der Leser ist noch gar nicht eingestiegen, und er ist schon konditioniert.
690 Tage – wer hat das ausgerechnet?
Oberstleutnant Thomas Gernhuber vom Landeskommando Niedersachsen hat einen Satz mitgebracht, der in jedem Leser etwas auslösen soll: „Die Uhr tickt rückwärts, es sind noch 690 Tage.“ 690 Tage bis wann? Bis Russland NATO-Gebiet angreift – am wahrscheinlichsten im Baltikum, so Gernhuber.
Die Nordsee-Zeitung druckt das. Keine Frage nach der Quelle. Keine Einordnung. Keine andere Stimme. „Militärexperten“ hätten das errechnet, heißt es im Text. Welche Militärexperten? Aus welchen Daten? Auf welcher Grundlage? Mit welcher Fehlerquote? Das bleibt offen. Was bleibt, ist der Countdown. Die Zahl sitzt. Genau das ist ihre Funktion.
Wer täglich liest, dass noch 690 Tage bleiben, hört irgendwann die Uhr ticken. Das ist keine Information. Das ist Angstproduktion.
Das Podium: Militär, Behörden – und niemand sonst
Wer saß an diesem Abend im Rathaus Loxstedt? Oberstleutnant Gernhuber. Kapitän zur See Seidl von der Marineoperationsschule Bremerhaven. Landrat Thorsten Krüger. DRK-Kreisverband Weserмünde. THW-Ortsbeauftragter. Kreisbrandmeister Kai Palait.
Kein Friedensforscher. Kein Politologe mit anderem Lagebild. Kein Historiker, der fragt: Was hat Russland strategisch davon, die NATO anzugreifen – mit dem sicheren Ergebnis eines Nuklearkriegs? Kein einziger Mensch auf dem Podium, der die Prämisse des Abends in Frage stellt.
Wer so aufgestellt ist, kann keine Diskussion führen. Er kann nur bestätigen. Was dabei entsteht, ist keine Bürgerveranstaltung. Es ist ein Feldbriefing.
Wer zweifelt, ist „extremistisch“
Am ungehörlichsten ist eine Passage, die die Nordsee-Zeitung völlig ohne Kommentar abdruckt. CDU-Bundestagsabgeordneter Christoph Frauenpreiß erklärt, warum die Wiedereinführung der Wehrpflicht und ein verpflichtendes Gesellschaftsjahr politisch nicht durchsetzbar seien: Es liege „vor allem an den extremistischen Rändern im Bundestag, wie der AfD oder der Linken, welche die Gefahr durch die derzeitige russische Führung nicht in diesem Maße wahrnehmen“.
Klartext: Wer die Bedrohungsthese nicht in vollem Umfang teilt, ist extremistisch. Eine im Bundestag vertretene Partei wird als Extremismus-Fall eingestuft – weil sie eine andere außenpolitische Einschätzung hat. Politischer Dissens als pathologisches Merkmal. Das ist kein Nebensatz. Das ist die Aussage.
Und die Zeitung? Druckt es. Ohne Einwand. Ohne Perspektivierung. Ohne zu fragen: Ist das eine legitime politische Meinung oder bereits Diffamierung? So funktioniert die mediale Einhegung des Diskurses: nicht durch Zensur, sondern durch selektive Empörungsfreiheit.
Die Zeitung als Mitveranstalterin: der strukturelle Bruch
Der Spiegel berichtete über den offenen Brief der Generalinspekteure – fraglos, distanzlos, unkritisch. Das ist ein journalistisches Versagen. Aber der Spiegel hat den Brief nicht mitgeschrieben.
Die Nordsee-Zeitung hat eine Veranstaltung „präsentiert“, in deren Rahmen Militärs und Behördenvertreter die Bevölkerung zur Kriegsvorbereitung aufrufen. Sie war dabei nicht als Beobachterin, sondern als Mitgestalterin. Und berichtet anschließend so, als wäre sie nur Chronistin gewesen.
Das ist nicht mehr das Versagen des Verlautbarungsjournalismus. Das ist seine logische Vollendung: Die Redaktion und die Botschaft sind eins geworden. Die Grenze zwischen Nachricht und Propaganda existiert nicht mehr – weil die Zeitung selbst beschlossen hat, sie aufzuheben.
Für Leserinnen und Leser im Landkreis Cuxhaven bedeutet das: Was sie in der Nordsee-Zeitung über diesen Abend lesen, ist nicht unabhängige Berichterstattung. Es ist Selbstauskunft einer Partei.
Was kommt danach?
Was bleibt nach so einem Abend in Loxstedt? Der Applaus für das verpflichtende Gesellschaftsjahr. Die Forderung nach Wehrpflicht. Die 690 Tage als Countdown im Kopf. Das Gefühl, dass alle vorbereitet sein müssen – wofür auch immer.
Was fehlt: die Frage, ob der Weg in die Kriegstüchtigkeit der richtige ist. Die Frage, was Diplomatie heute bedeuten könnte. Die Stimmen jener, die sagen: Es gibt Alternativen zur Aufüstung. Die Nordsee-Zeitung hat dafür keinen Platz – weil sie an diesem Abend nicht Journalistin war. Sie war Gastgeberin.
Zeitungen, die Veranstaltungen dieser Art „präsentieren“, sollten auf ihrem Titelblatt einen Hinweis tragen: Dies ist keine unabhängige Berichterstattung.
Carsten Zinn schreibt auf widerdenken.de über Medienkritik, Militärisierung und die Frage, wem die Angst nützt.