Es sind nervöse Tage für Friedrich Merz. Die Junge Union läuft Sturm gegen die Rentenpläne des SPD-geführten Sozialministeriums und wirft Arbeits- und Sozialministerin Bärbel Bas vor, die Rentner zu verwöhnen – zulasten der jungen Generation. Doch hinter dieser Debatte steckt weit mehr als ein Streit über einen Prozentpunkt rauf oder runter. Wer verstehen will, worum es wirklich geht, muss sich die Grundlagen des Rentensystems anschauen – und feststellen: Die gängigen Rollenbilder „SPD für die Alten“ und „Junge Union für die Jungen“ halten einer Realität nicht stand, in der Alt und Jung aufeinandergehetzt werden, während das Kapital unberührt bleibt.
Wie die Rente wirklich funktioniert
In Deutschland gibt es ein Umlagesystem. Das heißt: Die heutigen Beschäftigten zahlen nicht für ihre eigene Rente, sondern finanzieren die Renten der heute Lebenden. 18,6 Prozent vom Bruttolohn fließen in die Rentenkasse – angeblich zur Hälfte vom Arbeitnehmer und zur Hälfte vom Arbeitgeber. In Wahrheit ist das ein Rechentrick.
Denn für Unternehmen ist nur eines relevant: die Gesamtkosten eines Beschäftigten. Wenn ein Arbeitnehmer 1.000 Euro brutto bekommt und der Arbeitgeber zusätzlich 93 Euro Rentenbeitrag zahlen muss, dann kostet der Beschäftigte 1.093 Euro – egal, wie man das auf dem Papier verteilt. Wäre die Rentenversicherung privat organisiert, würde dieser Betrag ebenso fällig. Bezahlen tun also immer die Beschäftigten selbst – direkt oder indirekt über ihren insgesamt erwirtschafteten Lohn.
Der Sozialstaat erscheint damit nicht als eine Umverteilung von oben nach unten, sondern als ein System, in dem Beschäftigte gezwungen werden, sich gegenseitig zu versichern. Milliardäre, Vermögende, Kapitaleigner? Sie bleiben außen vor.
Warum Renten steigen – und das Rentenniveau trotzdem sinkt
Wie viel Rente am Ende herauskommt, berechnet sich über Rentenpunkte. Wer ein Jahr lang den Durchschnittslohn verdient, bekommt einen Punkt. Nach 45 Arbeitsjahren hätte der sogenannte Eckrentner also 45 Punkte. Ein Punkt ist aktuell 40,79 Euro wert. Macht rund 1.835 Euro im Monat – theoretisch.
Praktisch ist diese Beispielrechnung eine Illusion. Nur wenige Menschen arbeiten 45 Jahre durchgehend. Viele verdienen unterdurchschnittlich. Viele fallen durch Krankheit, Kinderbetreuung oder Arbeitslosigkeit aus.
Die tatsächliche Durchschnittsrente liegt deshalb bei nur rund 1.150 Euro. Fast die Hälfte aller Rentner kommt sogar auf weniger als 1.000 Euro im Monat – und fällt damit unter das Niveau der Grundsicherung. Altersarmut ist kein Randphänomen, sondern Alltag.
Gleichzeitig sinkt das Rentenniveau, also der Anteil der Rente am Durchschnittslohn. 1977 lag es bei knapp 60 Prozent, heute bei 48 Prozent. Die Renten können nominal steigen – und dennoch real stagnieren oder sinken, wenn die Löhne stärker steigen oder die Inflation zuschlägt. Zwischen 2003 und 2020 haben Rentner unter dem Strich keinen Kaufkraftgewinn erzielt.
Hinzu kommt: Auch die Beitragsseite wird in der öffentlichen Debatte verzerrt dargestellt. Der Vorsitzende der Deutschen Rentenversicherung, Alexander Gunkel, räumt ein, dass der Beitragssatz voraussichtlich erst 2028 wieder erhöht werden muss – auf 19,8 Prozent. Was meist verschwiegen wird: Der Satz lag 2007 noch bei 19,9 Prozent und wurde in den Folgejahren auf 18,6 Prozent abgesenkt. Über mehr als zwei Jahrzehnte waren die Rentenbeiträge also nicht nur stabil, sondern real gesunken – obwohl die Zahl der Rentner im gleichen Zeitraum deutlich gestiegen ist. Zuspitzung erlaubt: Nie waren Rentner für diesen Staat so billig wie heute.
Der Kern des aktuellen Streits: 47 oder 48 Prozent – mehr nicht
Im Koalitionsvertrag hat die jetzige Große Koalition vereinbart: Bis 2031 soll das Rentenniveau von 48 Prozent gesetzlich garantiert bleiben. Das ist ein Bruch mit dem bisherigen Dogma, dass die Rente ausschließlich aus Lohnbeiträgen finanziert werden soll. Für die Stabilisierung sind Steuermittel vorgesehen – eine Neuerung.
Die entscheidende Frage lautet nun: Was passiert nach 2031?
- Die SPD will die 48 Prozent möglichst weiter halten und erst danach sinken lassen.
- Die Union will sofort auf 47 Prozent herunter – und von dort weiter senken.
In beiden Fällen sinkt die Rente. Nur das Tempo unterscheidet sich. Klingt nach wenig? Tatsächlich geht es um reale Einkommensverluste für Millionen Menschen.
Gleichzeitig wird der Eindruck erweckt, die „Kosten“ der Rente liefen außer Kontrolle. Das Gegenteil ist der Fall: Der Beitragssatz liegt – selbst mit der für 2028 geplanten Anhebung – kaum höher als vor 20 Jahren, muss aber deutlich mehr Rentner finanzieren. Wer da von einem Kosten-Tsunami spricht, arbeitet nicht mit Fakten, sondern mit Angstbildern.
Agenda 2030: „Mehr Kapitalismus wagen“
Der Rentenstreit ist kein isoliertes Ereignis, sondern Teil einer größeren politischen Offensive. Martin Blessing, ehemaliger Commerzbank-Chef und heute Investitionsbeauftragter des Kanzlers, brachte die Richtung auf einer Börsenveranstaltung offen auf den Punkt: Man müsse „mehr Kapitalismus wagen“. Gemeint ist damit nicht mehr soziale Sicherheit, sondern das genaue Gegenteil.
Wirtschaftsministerin Katherina Reiche formuliert das Regierungsprogramm als eine Art „Agenda 2030“. Der Staat solle sich auf „Kernaufgaben“ wie Sicherheit, Infrastruktur und Bildung konzentrieren, Subventionen kürzen und Risiken stärker auf Bürger und Beschäftigte abwälzen. Im Zentrum stehen dabei Forderungen, die seit Jahren auf den Wunschzetteln der Arbeitgeberverbände stehen: längere Lebensarbeitszeiten, Anhebung des Renteneintrittsalters, Aufweichung des Kündigungsschutzes und ein Angriff auf die Lohnfortzahlung ab dem ersten Krankheitstag.
In dieses Bild fügt sich der Rentenkurs nahtlos ein: Die gleiche Politik, die Waffen, Aufrüstung und Unternehmenssubventionen als „Zukunftsinvestitionen“ verkauft, erklärt ausgerechnet die Renten der Beschäftigten zur untragbaren Belastung.
Generationenkampf statt Klassenkampf
Die Konstruktion des Rentensystems zwingt Alt und Jung in ein künstliches Gegeneinander. Wenn die Löhne stagnieren oder sinken, trifft es sowohl Erwerbstätige als auch Rentner. Die wirtschaftliche Gesamtlage – Produktivität, Reichtum, Gewinne – wird politisch nicht herangezogen.
So lautet der unausgesprochene Grundsatz: Rente wird aus Arbeit finanziert – nicht aus Vermögen.
In einer Gesellschaft mit immer mehr Millionären und Milliardären wird Altersarmut also nicht beseitigt, sondern verwaltet. SPD und Union beschränken sich darauf, das Elend zu verteilen – nicht, es zu beenden.
Seit Jahrzehnten wird den Jüngeren eingeredet, sie würden für die Älteren „bluten“. Gleichzeitig haben alle Erfahrungen seit Einführung der Rentenversicherung gezeigt: Die Zahl der Rentner ist ständig gestiegen, der Beitragssatz wurde mehrfach angepasst – und dennoch stieg der Lebensstandard für Arbeitende und Rentner über Jahrzehnte an. Der angebliche „Generationenkonflikt“ dient vor allem dazu, vom realen Konflikt zwischen Arbeit und Kapital abzulenken.
Privatvorsorge: die teure Scheinlösung
Seit etwa 35 Jahren wird behauptet, die gesetzliche Rente sei „nicht mehr finanzierbar“ – deshalb müsse weniger in die gesetzliche und mehr in die private Vorsorge fließen. In die Welt gesetzt wurden diese Erzählungen von Finanzkonzernen und Arbeitgeberverbänden. Sie haben sich tief in den Köpfen festgesetzt, obwohl sie der Realität widersprechen.
Wer geringe Löhne hat, kann schlicht nicht sparen. Wer überhaupt in der Lage ist, zusätzlich privat vorzusorgen, zahlt doppelt: Pflichtbeiträge für die gesetzliche Rente und mindestens vier Prozent seines Einkommens in eine private Rentenversicherung. Sicher ist bei dieser Konstruktion nur eines: die Unsicherheit. Niemand weiß, was in drei, vier oder fünf Jahrzehnten aus solchen Verträgen tatsächlich herauskommt.
Gleichzeitig weigert sich der Bund seit Jahren, versicherungsfremde Leistungen – also Rentenausgaben, die politisch gewollt sind, aber nicht aus Beiträgen finanziert werden müssten – vollständig zu übernehmen. Allein 2023 lag diese Unterdeckung im zweistelligen Milliardenbereich. Währenddessen sinkt der Anteil der Bundesmittel für die Rente am Gesamthaushalt langfristig. Die Erzählung von den „ständig steigenden Steuerzuschüssen“ ist also bestenfalls eine Halbwahrheit.
Warum die Junge Union wirklich so laut schreit
Die Junge Union warnt davor, dass die Stabilisierung des Rentenniveaus die jungen Menschen überfordert. Der Rentenbeitrag könnte bis 2028 von 18,6 auf 19,8 Prozent steigen. Das bedeutet für Beschäftigte 0,6 Prozent mehr Abzüge. Ärgerlich, sicher. Aber warum die Empörung? Beim Zusatzbeitrag in der Krankenversicherung, der sich seit Jahren hin und her bewegt, bleibt es auffallend still.
Der Grund liegt woanders: Auch die Arbeitgeber müssten 0,6 Prozent mehr zahlen.
Und genau das ist das eigentliche Problem hinter dem Geschrei der Jungen Union. Die Lohnnebenkosten steigen – und das ist das Schreckgespenst der deutschen Unternehmerschaft. Banken und Wirtschaftsinstitute fordern offen, eine Rentenreform müsse vor allem die Lohnnebenkosten senken. Die Junge Union kämpft also nicht für die jungen Beschäftigten, sondern dafür, die Kosten der Arbeitgeber niedrig zu halten. Das erklärt den Lärm.
Der angebliche Milliarden-Schock – eine Mücke, kein Elefant
Immer wieder wird die Zahl von 120 Milliarden Euro zitiert – angeblich die Mehrkosten, wenn die SPD sich bei der Stabilisierung des Rentenniveaus durchsetzt. Doch diese Summe wirkt nur deshalb gigantisch, weil sie über acht Jahre gerechnet wird.
Tatsächlich geht es um rund 15 Milliarden Euro pro Jahr.
Zum Vergleich:
- Die Unternehmenssteuerreform 2027 kostet allein 12 Milliarden Euro pro Jahr.
- Die Aufrüstung der Bundeswehr und andere sicherheitspolitische Projekte verschlingen jedes Jahr ein Vielfaches dieser Summe.
Für einen Betrag, der im Bundeshaushalt problemlos darstellbar wäre, droht die Junge Union, das Rentenpaket – und damit möglicherweise die Regierung – platzen zu lassen. Das zeigt, worum es wirklich geht: Prinzipienpolitik zugunsten des Kapitals.
Wenn Friedrich Merz zur Vernunft mahnt
Am Deutschland-Tag der Jungen Union platzte Merz der Kragen. Er warf seinem eigenen Nachwuchs vor, einen „Unterbietungswettbewerb“ beim Rentenniveau zu starten. „Das kann doch nicht euer Ernst sein“, rief er ihnen zu.
Aber seine Begründung war entlarvend: Damit könne man keine Wahlen gewinnen. Nicht: Die Rentenkürzung ist falsch. Sondern: Sie ist unpopulär.
Damit ist klar: In dieser Debatte sollte man sich auf niemandes Seite schlagen. Beide Lager verwalten ein System, das Altersarmut produziert – und beide unterwerfen die Frage der sozialen Sicherheit den Interessen des Standortes.