Was auf dem Spiel steht? Wir. Alle.

Europäische Führer vor Atomwolke

Die Münchner Sicherheitskonferenz diskutiert die europäische Atombombe – und niemand redet mehr über Frieden.

Im Hypozentrum einer Atombombe verdampft alles. Menschen, Beton, Erinnerung. Was bleibt, ist eine glasartige Masse, die einmal eine Stadt war. Es gibt kein Wort, das diese Vernichtung angemessen beschreibt. Es gibt auch keinen strategischen Rahmen, der sie beherrschbar macht. Wer das Gegenteil behauptet, lügt – oder hat den Verstand verloren.

Die Münchner Sicherheitskonferenz 2026 hat genau das getan: gelogen. Nicht plump, sondern in der eleganten Sprache der Sicherheitspolitik. Die Frage war nicht mehr, ob Europa atomar aufrüsten soll, sondern nur noch wie. Als wäre das eine Sachfrage. Als ginge es um die Beschaffung neuer Dienstwagen.

Was dahintersteckt, ist so simpel wie gefährlich: Weil Donald Trump internationale Verträge bricht wie andere Leute Versprechen, weil die USA als Sicherheitsgarant ausfallen, soll Europa jetzt selbst zur Atommacht werden. Abschreckung, so das Mantra, schütze vor Angriffen. Stimmt das? Oder erhöht eine deutsch-europäische Atommächtigkeit die Eskalationsrisiken, statt sie zu senken? Diese Frage wurde in München nicht gestellt. Sie passte nicht ins Programm.

Abrüstung? Kennt hier keiner mehr.

Es gab Zeiten, da waren Rüstungskontrollverträge keine Randnotiz, sondern das Ergebnis politischer Arbeit, zivilgesellschaftlichen Drucks und – ja – auch einer gewissen Vernunft. Die Bundesrepublik unterschrieb den Atomwaffensperrvertrag unter Willy Brandt. Helmut Schmidt ratifizierte ihn. Im Zwei-Plus-Vier-Vertrag verzichtete Deutschland auf die Herstellung und den Besitz von Atomwaffen. Das war keine Schwäche. Das war eine historische Leistung.

Heute klingt das wie ein Märchen aus einer anderen Epoche. Organisationen wie „Ohne Rüstung leben“ oder die „Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden“ fristeten bei der Münchner Sicherheitskonferenz ein Schattendasein am Rande des Geschehens. Kein Podium, kein Mikrofon, keine Aufmerksamkeit. Friedenspolitik ist in Deutschland zum Ladenhüter verkommen – während die Waffenarsenale nach einer kurzen Phase der Abrüstung weiter gewachsen sind und ihr Zerstörungspotenzial jedes vorstellbare Maß überschritten hat.

Die Gefahr eines nuklearen Infernos ist so real wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. Und die politische Klasse reagiert darauf mit: noch mehr Waffen.

Der Frieden ist der Ernstfall – nicht der Krieg

1969 stellte Bundespräsident Gustav Heinemann in seiner Antrittsrede eine Frage, die heute klingt, als käme sie von einem anderen Planeten: Was ist der Ernstfall? Seine Antwort war unmissverständlich: Nicht der Krieg, sondern der Frieden. Dahinter gebe es keine Existenz mehr.

Das war keine Sonntagsrede. Das war eine politische Kampfansage in der Zeit des Kalten Krieges. Kurz darauf bestätigte Carl Friedrich von Weizsäcker in seiner Studie „Kriegsfolgen und Kriegsverhütung“, dass ein Atomkrieg in Mitteleuropa alles zerstören würde, was man zu verteidigen vorgab. Die einzig verantwortbare Politik sei Kriegsverhinderung.

Das war richtig. Aber die Verhinderung ist gescheitert. In der Ukraine herrscht seit fast vier Jahren Krieg – der reale Ernstfall. Und die Frage, wie man vom Krieg zurück zum Frieden kommt, wird nicht mit exzessiver Aufrüstung beantwortet. Wer das glaubt, hat Heinemanns Lektion nicht begriffen – oder will sie nicht begreifen.

Rita Süssmuth hatte recht

Die kürzlich verstorbene langjährige Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth sprach vor knapp einem Jahr in einem Interview Worte aus, die in ihrer Resignation erschütternd waren. Sie sagte, wir hätten nichts gelernt. Wir täten so, als gehöre der Krieg zur Schöpfung. Männer drückten durch Krieg ihre Macht aus – dabei sei er Ausdruck von Ohnmacht. Wenn uns nichts Besseres einfalle, als Krieg zu führen, seien wir auf dem Weg der Vernichtung.

Und auf die Frage, was auf dem Spiel stehe, antwortete sie: Wir. Die Welt sei aus der Balance. Wie lange wir diesen Planeten noch bewohnen könnten, wüssten wir nicht. Die Frage, wer wen mit Atomwaffen bedrohen könne, brenne wieder hoch.

Süssmuth hatte recht. Und zwar nicht in einem abstrakten, philosophischen Sinne, sondern in einem brutalen, konkreten: Die Debatte um eine europäische Atombombe ist der Beweis dafür, dass wir nichts gelernt haben. Gar nichts.

Eine Atombombe ist kein Schutzschild

Reden wir Klartext: Eine Atombombe ist keine Verteidigungswaffe. Sie ist eine Angriffswaffe. Wer sie einsetzt, vernichtet alles – auch das, was sie angeblich schützen soll. Das gilt für russische Atomwaffen, für amerikanische, für französische – und es würde für eine europäische nicht anders gelten.

Die Vorstellung, Atomwaffen schützten durch Abschreckung, ist ein Glaubenssatz, kein Naturgesetz. Abschreckung funktioniert nur unter der Annahme, dass alle Beteiligten rational handeln. Wer sich die politische Landschaft des Jahres 2026 anschaut – Trump im Weißen Haus, Putin im Kreml, Konflikte auf drei Kontinenten –, der muss schon sehr viel Fantasie aufbringen, um Rationalität als gesicherte Geschäftsgrundlage internationaler Politik zu betrachten.

Was in München verhandelt wurde, ist nichts anderes als ein Zivilisationsbruch auf Raten. Man rüstet auf und nennt es Verantwortung. Man dreht an der Eskalationsschraube und nennt es Abschreckung. Man macht den Frieden zum Feind der Sicherheit – und merkt nicht einmal, wie absurd das ist.

Die eigentliche Frage

Die eigentliche Frage ist nicht, ob Europa eine Atombombe braucht. Die eigentliche Frage ist, warum in diesem Land niemand mehr laut genug sagt: Nein. Nicht in unserem Namen.

Rita Süssmuth hat am Ende ihres Lebens auf die Vernunft appelliert. Es wäre das Mindeste, diesen Appell ernst zu nehmen – statt ihn auf der nächsten Sicherheitskonferenz unter dem Tisch verschwinden zu lassen.


Carsten Zinn schreibt auf widerdenken.de über Politik, Aufrüstung und die Frage, warum Frieden kein Schwächezeichen ist.

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