Energiegeschäfte, Atomdrohung und die Frage, ob irgendjemand hier wirklich eine Antwort hat
Am 24. Februar 2026 jährt sich der russische Vollangriff auf die Ukraine zum vierten Mal. Hunderttausende Tote, Millionen Vertriebene, eine zerstörte Infrastruktur, eine erschöpfte Gesellschaft. Das sind die Fakten. Und während in Kyjiw die Menschen in Metrostationen übernachten, weil sie auf der Straße von der nächsten Druckwelle erwischt werden könnten, fließt Geld aus Europa in Richtung Moskau. Viel Geld.
Das ist keine Verschwörungstheorie. Das sind Zahlen. Aber die Zahlen erklären nicht alles. Und genau da fängt die eigentliche Debatte an.
220 Milliarden Euro an Putin — und niemand schämt sich
Seit dem 24. Februar 2022 haben die EU-Mitgliedstaaten insgesamt mehr als 220 Milliarden Euro für russische Energie bezahlt. Öl, Gas, Flüssiggas, Kerosin, Diesel. Das hat das Forschungszentrum CREA berechnet. Zum Vergleich: Die Haushaltshilfen der EU und ihrer Mitgliedstaaten an die Ukraine beliefen sich auf 103,3 Milliarden Euro. Militärhilfen kamen auf 69,3 Milliarden.
Mit der einen Hand schickt Europa Waffen nach Kyjiw — mit der anderen überweist es Putins Kriegskasse das Doppelte davon. Das ist kein Versehen. Das ist eine politische Entscheidung, die jahrelang mit Versorgungssicherheit und Wirtschaftlichkeit begründet wurde. Das Ergebnis liegt auf dem Tisch.
Orbán und Fico haben die Schurkenrolle übernommen — aber der einzige wirkliche Unterschied zwischen ihnen und den anderen EU-Regierungen ist, dass sie wenigstens ehrlich sind. Ungarn kaufte 2025 russisches Öl und Gas im Wert von 4,3 Milliarden Euro, mehr als jedes andere EU-Land, und erhöhte seine Abhängigkeit von russischem Öl von 61 auf 92 Prozent. Am Jahrestag ließ Orbán sein Veto gegen das 20. EU-Sanktionspaket und einen 90-Milliarden-Hilfskredit für die Ukraine fallen. Das ist verwerflich. Aber was machen Frankreich, Belgien und Spanien? Sie importieren weiter russisches Flüssiggas — Frankreich 2025 acht Milliarden Kubikmeter, Belgien 5,8 Milliarden — und erzählen ihrer Bevölkerung dabei, man stehe solidarisch an der Seite der Ukraine. Und selbst nach Deutschland kamen indirekt über belgische und französische Terminals 0,54 Milliarden Kubikmeter russisches Gas. Offiziell kein russisches Gas. Praktisch schon. Der Unterschied zu Orbán: Er lügt nicht. Die anderen schon.
Die Vorgeschichte, die man nicht vergessen darf
Russland ist der Aggressor. Das steht fest. Wer das bestreitet, lügt oder redet Putins Propaganda nach. Aber wer die Vorgeschichte dieses Krieges ausblendet, erklärt nichts — er betreibt nur westliche Propaganda in die andere Richtung.
Die NATO-Osterweiterung war real. Russland hat seit den 1990er Jahren in aller Deutlichkeit klargemacht, dass es die schrittweise Annäherung der Allianz an seine Grenzen als existenzielle Bedrohung bewertet. Ob diese Bewertung rational ist oder nicht, ist eine andere Frage. Sie war vorhanden, sie wurde ignoriert, und das hatte Konsequenzen. Das Versprechen, das US-Außenminister Baker 1990 gegenüber Gorbatschow gegeben haben soll — keine NATO-Ausdehnung nach Osten — wurde nie verbindlich gemacht. Genutzt hat das niemandem.
Hinzu kommt: Die USA haben in der Ukraine massiv interveniert. Der Sturz Janukowitschs 2014, bei dem US-Diplomatin Victoria Nuland offen über die Zusammensetzung der künftigen Übergangsregierung verhandelte — das war keine spontane Volksbewegung allein, das war geopolitische Einflussnahme. Das macht den Maidan nicht illegitim. Aber es macht das westliche Narrativ vom neutralen Wächter der internationalen Ordnung unglaubwürdig.
Russland ist kein Opfer — und schon gar kein unschuldiges. Aber Russland ist auch nicht der alleinige Architekt dieser Katastrophe. Die USA und ihre europäischen Partner haben jahrzehntelang den Rahmen geschaffen, in dem ein imperialer Nationalist wie Putin die Eskalation als strategische Option entwickeln konnte. Das ist kein Freifahrtschein für den Einmarsch. Es ist die Frage, wer wann welche Weichen gestellt hat — und warum niemand auf die Bremse getreten ist, als noch Zeit dazu war. Die NATO-Osterweiterung, die Ignoranz gegenüber russischen Sicherheitsbedenken, die US-Einmischung 2014: Das sind keine Entschuldigungen für Putin. Das sind Fehler, die den Boden bereitet haben. Beides gleichzeitig kann wahr sein.
Eine Atommacht lässt sich nicht besiegen — das ist keine Meinung, das ist Physik
Es ist an der Zeit, diesen Satz auszusprechen, auch wenn er unbequem ist: Russland kann in diesem Krieg militärisch nicht besiegt werden. Nicht weil die ukrainische Armee zu schwach wäre. Nicht weil der Westen nicht genug liefert. Sondern weil Russland eine Atommacht ist.
Wer glaubt, Putin würde sich eine vollständige militärische Niederlage gefallen lassen, ohne die nukleare Option auch nur anzudeuten, versteht die russische Sicherheitsdoktrin nicht oder verdrängt sie bewusst. Die russische Militärdoktrin sieht den Einsatz taktischer Atomwaffen ausdrücklich vor, wenn die Existenz des russischen Staates bedroht wird. Eine vollständige militärische Niederlage würde von der russischen Führung als genau eine solche Bedrohung definiert werden.
Keine der westlichen Regierungen sagt das offen. Aber es ist der stille Grund, warum Panzer geliefert, aber keine Bodentruppen entsandt werden. Warum Marschflugkörper erlaubt, aber Angriffe tief ins russische Kernland verboten sind. Die Atombombe sitzt mit am Verhandlungstisch. Sie ist der stärkste Spieler. Und sie redet nicht.
Das bedeutet nicht, Russland gewähren zu lassen. Es bedeutet, realistisch zu sein. Wer sagt, die Ukraine müsse vollständig siegen — mit Rückgewinnung aller besetzten Gebiete einschließlich der Krim —, muss erklären, welche westliche Regierung bereit ist, für dieses Ziel einen nuklearen Austausch zu riskieren. Die Antwort ist: keine einzige.
Vier Jahre Verhandlungen: Stühlerücken im Kreis
Seit dem 28. Februar 2022 gibt es Verhandlungen. Belarus, Istanbul, Genf, Abu Dhabi. Immer blieben es Versuche. Die Istanbul-Gespräche 2022 kamen einem Abkommen am nächsten. Die Ukraine war zu erheblichen Zugeständnissen bereit: NATO-Verzicht, Neutralität, Armeereduzierung. Dann kamen die Bilder aus Butscha. Und Boris Johnson reiste nach Kyjiw — nicht um zu vermitteln, sondern um die Ukraine vom Abschluss abzubringen, wie damalige Berichte nahelegen.
Seitdem hat sich die Lage verhärtet. Trumps Friedensplan sieht vor, was die Ukraine als Kapitulation wertet: Anerkennung der besetzten Gebiete, NATO-Verzicht, Sanktionsaufhebung. Moskau lobt den Plan. Parallel verhandeln Trumps Unterhändler mit Russland über Wirtschaftsprojekte im Wert von — nach Medienberichten — 12 Billionen Dollar. Der Interessenkonflikt ist so offensichtlich, dass man sich fragt, ob Trump noch versucht, ihn zu verbergen.
Was die Zeitungen sagen — und was sie nicht sagen
Am vierten Jahrestag spiegeln die deutschen Zeitungen das ganze Spektrum der Ratlosigkeit wider. Und keine kommt zu einem befriedigenden Schluss.
Die taz liefert das stärkste Datenmaterial zum Energieparadox: 220 Milliarden für Moskau, weniger als die Hälfte für Kyjiw. Gut recherchiert, klar formuliert. Den Mut, westliche Machtpolitik und NATO-Expansion als Teil der Vorgeschichte zu benennen, bringt sie nicht auf.
Das nd stellt die nüchternsten Fragen: Kann die Ukraine diesen Krieg durchhalten? Die ukrainische Zwangsrekrutierung werde immer brutaler, die Armee jage Männer nach eigenen Angaben eines Geheimdienstbataillons wie Vieh. Das nd benennt das. Gut so. Manchmal fehlt dabei der Blick auf Russlands eigene imperiale Logik.
Die junge Welt hält fest, dass die EU-Spitze keinen eigenen Friedensplan hat und immer mehr auf Eskalation setzt. Das stimmt. Was dort gelegentlich unterbelichtet bleibt: Russland ist nicht das Opfer westlicher Aggression, sondern ein Staat, der seine Nachbarn militärisch unterwirft.
Und dann ist da die Nordsee-Zeitung. Ihr Beitrag zum Jahrestag — von Friedemann Kohler und Ulf Mauder — trägt den Titel: Wie weit ist der Weg zum Frieden? Er analysiert nüchtern die Positionen aller Beteiligten: Ukraine, Russland, USA, Europa. Und er kommt zu einem Schluss, der in der überregionalen Großpresse selten so klar ausgesprochen wird: Echte Fortschritte gibt es nicht. Die Gespräche sind festgefahren. Die territoriale Frage ist das größte Hindernis — und bei ihr gibt es bisher keine Bewegung.
Was die Nordsee-Zeitung dabei einbringt, ist die Perspektive ihrer Leserinnen und Leser: Menschen in Bremerhaven, Cuxhaven, an der Küste, die diesen Krieg durch Energiepreise, Wirtschaftssorgen und Flüchtlingsunterkünfte erleben. Die großen überregionalen Blätter schreiben für ein Publikum, das Geopolitik als intellektuelles Interesse betrachtet. Die Nordsee-Zeitung schreibt für Menschen, die ihre Gasrechnung nicht mehr bezahlen können und trotzdem wissen wollen, ob das je aufhört. Diese Perspektive fehlt im überregionalen Diskurs fast vollständig. Die Abstraktion der Weltpolitik frisst die konkreten Lebensbedingungen auf. Das ist kein kleines Problem.
Alle vier Zeitungen kommen nicht an der zentralen Zumutung vorbei: Es gibt keinen guten Ausweg. Nur verschiedene Varianten des Schlechten, zwischen denen gewählt werden muss.
Was bleibt — und was zu sagen ist
Russland kann militärisch nicht besiegt werden, ohne nukleare Eskalationsrisiken einzugehen, die keine westliche Demokratie überstehen würde. Das ist keine Frage des politischen Willens — es ist eine Frage der physischen Existenz. Die Ukraine kann ohne westliche Unterstützung nicht überleben. Ein Frieden, der Russland die besetzten Gebiete dauerhaft zuspricht, belohnt den Aggressor und macht den nächsten Angriff wahrscheinlicher — das Minsk-Abkommen von 2015 diente nach Putins eigener Aussage dazu, Zeit für die russische Aufrüstung zu gewinnen.
Und doch wird man irgendwann an einem Verhandlungstisch sitzen müssen. Mit Putin oder seinem Nachfolger. Über Territorien, die de facto besetzt sind. Über Sicherheitsarchitekturen, die Europa und Russland einschließen. Das ist keine Appeasement-Politik. Das ist die Konsequenz aus der Tatsache, dass Russland nicht verschwindet und eine Atombombe hat.
Wer das als Kapitulation bezeichnet, soll erklären, welche Alternative er den Menschen in Kyjiw, in Odessa, in Remeniw anbietet. Den Frauen, die Tarnnetze flechten, während ihre Männer an der Front Drohnen reparieren. Den Kindern, die in Metrostationen aufwachsen. Den Männern, die in Odessa von Militärpatrouillen von der Straße aufgegriffen werden.
Und den Rentnerinnen in Bremerhaven, die ihre Gasrechnung mit dem Ersparten bezahlen — und nicht wissen, wie lange das noch reicht.
Die 220 Milliarden Euro, die Europa seit 2022 nach Moskau überwiesen hat, hätten gereicht, die Ukraine zweimal vollständig auszurüsten. Das ist die Bilanz eines Kontinents, der von Werten redet und Geschäfte macht.
Wessen Werte? Zu wessen Kosten?
Carsten Zinn schreibt auf widerdenken.de über Kriegspolitik, europäische Interessenkonflikte und die gesellschaftlichen Kosten von geopolitischem Versagen.