171 Seiten für den Papierkorb | Die kommunale Wärmeplanung im Südkreis Cuxhaven – und warum die Bundesregierung sie gerade überflüssig macht

Gebäudemodernisierungsgesetz von Union und SPD verspricht weder Bezahlbarkeit noch Planungssicherheit noch Klimaschutz, einzig Profit für die fossile Lobby

Am 26. März 2026 wurde der Entwurf des Endberichts zur Kommunalen Wärmeplanung für das Verbundvorhaben Südkreis Cuxhaven vorgelegt. 171 Seiten. Vier Gemeinden – Beverstedt, Hagen im Bremischen, Loxstedt, Schiffdorf. Erstellt von der FACT GmbH aus Böblingen und der Form Follows You GmbH aus Berlin-Schöneberg. Kosten: nicht beziffert, aber sicher beträchtlich. Darin enthalten: eine Bestandsanalyse, eine Potenzialanalyse, ein Zielszenario für 2040 und eine Wärmewendestrategie in drei Phasen.

Einen Monat vorher, am 25. Februar 2026, hatte die schwarz-rote Bundesregierung die Eckpunkte ihres Gebäudemodernisierungsgesetzes vorgestellt. Dessen Kern: Die 65-Prozent-Regel für erneuerbare Energien beim Heizungstausch, auf der der gesamte Wärmeplan aufbaut, wird abgeschafft. Stattdessen kommt eine „Grüngasquote“ – ein Prozent ab 2028, zehn Prozent ab 2029. Der Heizungskeller, so Unionsverhandlungsführer Jens Spahn, werde wieder zur „Privatsache“.

171 Seiten Planung auf einer Rechtsgrundlage, die gerade abgeräumt wird. Willkommen in der deutschen Wärmewende.

Der Plan, der seine eigene Grundlage verliert

Der Wärmeplan für den Südkreis Cuxhaven ist ein gewissenhaftes Dokument. Er analysiert den Gebäudebestand, kartiert Wärmedichten, berechnet Potenziale für Solarthermie, Geothermie, Biomasse und Wärmepumpen. Er kommt zu dem Ergebnis, dass 86 Prozent der Heizungsanlagen im Verbundgebiet fossil betriebene Heizkessel sind. 46 Prozent der Endenergie stammen aus Heizöl, 42 Prozent aus Erdgas. Nur 3,2 Prozent der Anlagen sind Wärmepumpen. Die jährlichen CO₂-Emissionen aus der Wärmebereitstellung betragen rund 157.500 Tonnen.

Auf dieser Grundlage entwickelt der Plan ein Zielszenario für 2040: 31 Prozent Luftwärmepumpen, 18 Prozent Erdwärmepumpen, 13 Prozent Wärmenetz, dazu Biomasse und Biogas. Fossile Energieträger sollen schrittweise ersetzt werden. Das alles basiert auf der im Gebäudeenergiegesetz verankerten Vorgabe, dass neue Heizungen zu mindestens 65 Prozent mit erneuerbaren Energien betrieben werden müssen.

Diese Vorgabe existiert seit dem 25. Februar 2026 nicht mehr – jedenfalls nicht in der Absicht der Bundesregierung. Und der Wärmeplan? Erwähnt das Gebäudemodernisierungsgesetz in einem einzigen Absatz und erklärt: „Zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Berichts liegt allerdings keine final beschlossene Gesetzesänderung vor.“ Das stimmt formaljuristisch. Es ist trotzdem ein Dokument, das sehenden Auges gegen die Wand fährt.

Wasserstoff im Heizungskeller? Der Plan sagt nein – die Regierung sagt ja

Die Ironie geht tiefer. Der Wärmeplan selbst enthält eine klare Absage an Wasserstoff und Grüne Gase als Heizenergie für private Haushalte. Auf den Seiten 93 und 94 heißt es unmissverständlich: Die thermodynamische Ineffizienz und der hohe Wert von Wasserstoff für industrielle Anwendungen machten ihn für den Einsatz in privaten Heizsystemen „suboptimal“. Die Bundesregierung stelle entgegen dieser Einschätzung eine vage Hoffnung auf ein Hochlaufen eines Grüngasmarktes in Aussicht – so die Kritik des Verbraucherzentrale-Bundesverbands am Gebäudemodernisierungsgesetz.

Die Zahlen machen das Desaster greifbar. Der Erdgasverbrauch für Raumwärme und Warmwasser in deutschen Haushalten liegt bei rund 245 Terawattstunden pro Jahr. Dem steht eine aktuelle Biomethan-Nutzung von gerade einmal 10 Terawattstunden gegenüber. Selbst unter optimistischen Annahmen könnten bis 2030 bestenfalls 50 bis 100 Terawattstunden Biomethan bereitgestellt werden – ohne die konkurrierende Nachfrage aus Industrie und Verkehr zu berücksichtigen. Die Grüngasquote der Koalition ist keine Strategie. Sie ist eine Nebelkerze.

Die Deutsche Umwelthilfe bringt es auf den Punkt: Statt fossile Abhängigkeiten zu beenden, ermutige die Bundesregierung zum Einbau neuer Gas- und Ölheizungen und verabschiede sich damit faktisch von der Klimaneutralität im Gebäudesektor. Paula Brandmeyer von der Umwelthilfe nennt die Ersetzung der 65-Prozent-Anforderung durch eine Grüngas-Quote „politischen Unsinn“.

Wem nützt das? Eine Ministerin und ihr altes Gasnetz

An dieser Stelle ist die Frage fällig, die auf widerdenken.de über jedem Beitrag steht: Wem nützt das?

Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) war bis Ende April 2025 Vorstandsvorsitzende der Westenergie AG, einer E.ON-Tochter mit 11.000 Beschäftigten, 7,1 Milliarden Euro Umsatz und einem 37.000 Kilometer langen Erdgasnetz, über das mehr als 4,8 Millionen Menschen versorgt werden. Eine Umstellung auf Wärmepumpen würde für E.ON zu Milliardenverlusten führen. Jetzt sitzt diese Frau am Kabinettstisch und schreibt ein Gesetz, das genau das verhindert.

Im Frühjahr 2025 erklärte Reiche beim Wirtschaftsrat der CDU, man brauche „keine Lex Wärmepumpe“. Das „Betriebsverbot für Heizkessel“ müsse abgeschafft werden – ein Verbot, das es in der behaupteten Form gar nicht gibt: Bestehende Erdgas-Brennwertkessel dürfen unbegrenzt weiterbetrieben werden. Ausgetauscht werden müssen lediglich über dreißig Jahre alte Konstanttemperaturkessel, die vor 1991 installiert wurden. Diese Regelung stammt nicht von der Ampel, sondern noch aus der Ära Merkel.

Das Zehn-Punkte-Papier zur Energiewende aus Reiches Ministerium weist nach Recherchen von Table.Briefings erhebliche Übereinstimmungen mit den Positionspapieren von RWE und E.ON auf. Die Reform sei „eine gute Botschaft für den Klimaschutz, aber vor allem auch für Investitionssicherheit im Heizungsmarkt“, sagte Reiche im Deutschlandfunk. Investitionssicherheit – für die Energiekonzerne. Nicht für die Menschen in Beverstedt, die sich fragen, ob sie in eine Wärmepumpe investieren sollen.

Was das für Beverstedt bedeutet: 25.000 Euro pro Heizungskeller

Kommen wir nach Hause. Ich lebe in Beverstedt, einer Einheitsgemeinde im Landkreis Cuxhaven. Das Fokusgebiet Beverstedt-Ortschaft im Wärmeplan umfasst 416 Gebäudeanschlüsse, hat einen jährlichen Wärmeverbrauch von 13,4 Gigawattstunden und verursacht 3.448 Tonnen CO₂-Emissionen. 80 Prozent davon entfallen auf Wohngebäude. Ein Wärmenetz gibt es nicht. Dafür 47 Prozent Erdgas und 9 Prozent Heizöl.

Der Plan selbst beziffert die Investitionskosten für eine Luft-Wasser-Wärmepumpe im Einfamilienhaus auf rund 25.000 Euro, für eine Sole-Wasser-Wärmepumpe auf 35.000 Euro. Die Wärmegestehungskosten liegen bei 14 bis 22 Cent pro Kilowattstunde. Für ein unsaniertes Einfamilienhaus mit 20.000 Kilowattstunden Jahresverbrauch sind das 2.800 bis 4.400 Euro jährlich allein für Wärme.

Zum Vergleich: In Großbritannien kostet eine vergleichbare Wärmepumpe die Hälfte. In China liegt der Preis einer Luft-Wasser-Wärmepumpe ohne Installation bei rund 3.700 Euro. Die deutschen Preise sind kein Naturgesetz – sie sind das Ergebnis einer Marktstruktur, die der Plan nicht einmal erwähnt.

Und was schlägt der Plan als erste Maßnahme für Beverstedt vor? „Gezielte Ansprache und Beratung von Gebäuden vor 1949 zur Gebäudesanierung.“ Als zweite: „Weiterführende Machbarkeitsstudie Wärmenetz.“ Studie folgt auf Studie. Die Wärmeplanung selbst ist nur Phase 1 eines Drei-Phasen-Prozesses. Phase 2 beginnt frühestens 2030. Phase 3 endet 2040. Die Uhr tickt – der Plan schiebt.

Ein Plan ohne Zähne, ein Gesetz ohne Scham

Der Wärmeplan stellt selbst klar: Er hat keine eigene rechtliche Bindungswirkung. Kein Hauseigentümer in Beverstedt muss irgendetwas davon umsetzen. Die Gemeinde kann Gebiete als Wärmeversorgungsgebiete ausweisen – muss es aber nicht. Bei einer Kommune ohne eigenes Stadtwerk, ohne Fernwärmeinfrastruktur, ohne nennenswerte Planungskapazitäten in der Verwaltung: Wer soll das in die Hand nehmen?

Gleichzeitig kürzt die Bundesregierung die Wärmepumpenförderung und erklärt den Einbau neuer Gas- und Ölheizungen wieder für zulässig. Die Ökonomin Claudia Kemfert vom DIW hält durch die Grüngasquote Preissteigerungen von bis zu 25 Prozent für möglich – bis zu 450 Euro Mehrkosten pro Jahr für einen durchschnittlichen Haushalt. Die Koalition verspricht „Schutz vor überhöhten Nebenkosten“. Konkrete Regelungen: keine.

Das Ergebnis ist eine doppelte Zumutung. Für die, die umsteigen wollen, werden die Rahmenbedingungen verschlechtert. Für die, die beim Fossil bleiben, werden die Kosten durch den ab 2027 startenden EU-weiten CO₂-Emissionshandel steigen. Und für alle zusammen gibt es einen 171-Seiten-Plan, den niemand umsetzen muss und der auf einem Gesetz fußt, das demnächst nicht mehr existiert.

Was Dänemark anders macht – und warum das hier keinen interessiert

Dass es anders gehen kann, zeigt Dänemark. Dort sind alle Kommunen seit Jahrzehnten verpflichtet, strategische Wärmeplanungen zu erstellen und regelmäßig zu aktualisieren. Fast zwei Drittel der dänischen Haushalte sind ans Fernwärmenetz angeschlossen, in Kopenhagen 98 Prozent. Nur noch 15 Prozent heizen mit Erdgas, 8 Prozent mit Öl. Neue Öl- und Gasheizungen in Neubauten sind seit über zehn Jahren verboten. Und die dänische Wärmewende ging, wie es heißt, „völlig geräuschlos“ über die Bühne – weil die finanziellen Belastungen der Haushalte so gering wie möglich gehalten wurden.

In Deutschland werden die finanziellen Belastungen maximiert. Die Wärmepumpenpreise sind doppelt so hoch wie in den Nachbarländern. Die Förderung wird gekürzt. Die kommunale Wärmeplanung bleibt unverbindlich. Und das einzige Instrument, das Druck erzeugt hätte – die 65-Prozent-Regel –, wird von einer Ministerin kassiert, deren vorheriger Arbeitgeber an jedem Meter Gasnetz verdient.

14 Jahre, 90 Prozent fossil – und kein Plan, der hält

Im Verbundgebiet Südkreis Cuxhaven sind über 90 Prozent der Wärmeversorgung fossil. Weniger als 10 Prozent der Baublöcke eignen sich für ein Wärmenetz. Der Plan sieht eine vollständige Dekarbonisierung bis 2040 vor – in 14 Jahren. Dänemark hat dafür 30 Jahre gebraucht, mit konsequenter Politik und verpflichtender kommunaler Planung.

Und selbst der Plan gibt implizit zu, dass sein Zielszenario wackelt. Er sei „dynamisch angelegt“, heißt es im Fazit. Die „Verfügbarkeit und Wirtschaftlichkeit regenerativer Energieträger“ seien „nur bedingt prognostizierbar“. Und: „Ohne verlässliche staatliche Förderung und steuerliche Anreize“ könnten die notwendigen Investitionen „nicht realisiert werden“.

Das ist die Quintessenz dieses Dokuments: Wir brauchen verlässliche Politik – und wir wissen, dass wir sie nicht bekommen. 171 Seiten Kapitulationserklärung in der Sprache der Planungsbürokratie.

Die richtige Frage

Die kommunale Wärmeplanung im Südkreis Cuxhaven ist kein schlechtes Dokument. Die Analyse ist solide, die Potenziale sind real, die Empfehlungen sind technisch plausibel. Das Problem liegt nicht bei den Gutachtern aus Böblingen und Berlin. Es liegt bei einer Bundesregierung, die die Rechtsgrundlage zeitgleich zerstört. Bei einer Wirtschaftsministerin, die die Interessen ihres früheren Arbeitgebers bedient. Bei einem Föderalismus, der Kommunen zum Planen zwingt und ihnen dann die Instrumente wegnimmt.

Wer in Beverstedt heute vor der Frage steht, ob er seine alte Ölheizung durch eine Wärmepumpe ersetzen soll, findet in diesem Plan keine Antwort. Er findet Potenzialanalysen, Eignungsbewertungen und Phasenmodelle. Was er nicht findet: Verbindlichkeit, Finanzierung und eine Regierung, die das, was sie planen lässt, auch durchsetzt.

Wem nützt das? Nicht den Bürgerinnen und Bürgern in Beverstedt. Nicht dem Klima. Sondern denen, die an jedem Jahr verdienen, das die Wärmewende verschoben wird: den Energiekonzernen und ihren Vertreterinnen in der Regierung.


Dieser Beitrag beruht auf der Auswertung öffentlich zugänglicher Berichte von junge Welt, nd-aktuell.de, Sozialistische Zeitung (SoZ), dem Entwurf des Endberichts zur Kommunalen Wärmeplanung Verbundvorhaben Südkreis Cuxhaven (FACT GmbH / Form Follows You GmbH, 26.03.2026) sowie des Gebäudeenergiegesetzes und der Eckpunkte zum Gebäudemodernisierungsgesetz. Die analytische Einordnung, Gewichtung und Bewertung der dargestellten Fakten erfolgt durch den Autor. | Carsten Zinn schreibt auf widerdenken.de über Energiepolitik, kommunale Wärmeplanung und die Frage, wer von der Sabotage der Wärmewende profitiert.

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