Zur Arbeitsmoral nach dem Weltbild von Friedrich Merz, Kanzler des Kapitals | Es ist ein vertrautes Ritual: Wenn es wirtschaftlich hakt, wenn politische Konzepte fehlen, wenn soziale Spannungen zunehmen, dann wird nach unten getreten. Friedrich Merz, Bundeskanzler und langjähriger Lobbyist kapitalnaher Interessen, hat dieses Ritual perfektioniert. Sein jüngster Vorwurf: Die Deutschen arbeiteten zu wenig, seien zu bequem, zu sehr auf Work-Life-Balance fixiert. Mehr Einsatz müsse her, längere Arbeitszeiten, höhere Lebensarbeitszeit. Der Subtext ist klar: Nicht die Politik hat versagt, sondern die arbeitenden Menschen. Friedrich Merz
Diese Erzählung ist nicht neu, aber sie ist bemerkenswert dreist. Denn sie blendet systematisch aus, was reale Arbeitswirklichkeit in diesem Land bedeutet. Millionen Überstunden, häufig unbezahlt. Steigende Arbeitsverdichtung. Reallohnverluste trotz „Vollbeschäftigungs“-Rhetorik. Gleichzeitig explodierende Mieten, Energiepreise, Lebenshaltungskosten. Wer unter diesen Bedingungen noch behauptet, es fehle an Arbeitsmoral, verwechselt Ursache und Wirkung – oder tut es bewusst.
Merz’ Reden – etwa vor Industrie- und Handelskammern – folgen einem klaren Muster: moralischer Appell nach unten, ökonomische Entlastung nach oben. Arbeitskosten seien zu hoch, heißt es. Gemeint sind Löhne. Nicht Mieten, nicht Monopolpreise, nicht Renditeerwartungen. Die Lösung, die der Kanzler anbietet, ist ebenso simpel wie entlarvend: mehr arbeiten für dasselbe Geld. Mehr Wertschöpfung, aber nicht mehr Teilhabe.
Besonders perfide ist der Angriff auf Errungenschaften, die eigentlich Ausdruck von gesellschaftlichem Fortschritt sind. Vier-Tage-Woche, Arbeitszeitverkürzung, flexible Modelle – all das wird von Merz als Wohlstandsgefährdung diffamiert. Dabei ist das Gegenteil richtig. Produktivitätsgewinne der letzten Jahrzehnte hätten längst in mehr Freizeit, bessere Absicherung und weniger Existenzangst übersetzt werden können. Stattdessen wurden sie privatisiert. Gewinne nach oben, Risiken nach unten. Klassischer geht Kapitalismus kaum.
Parallel dazu läuft die nächste Kampagne: Krankmeldungen, insbesondere telefonische Krankschreibungen, geraten unter Generalverdacht. Wieder wird suggeriert, Beschäftigte würden das System ausnutzen. Wieder wird nicht gefragt, warum Menschen krank sind: steigender psychischer Druck, Personalmangel, Schichtarbeit, permanente Erreichbarkeit. Statt Prävention und bessere Arbeitsbedingungen gibt es Misstrauen und Kontrolle.
Was Merz konsequent verschweigt, ist der strukturelle Widerspruch seines Programms. Er fordert längere Arbeitszeiten und höhere Lebensarbeitszeit, während gleichzeitig Automatisierung, Rationalisierung und Standortverlagerungen Arbeitsplätze vernichten. Er spricht von Fachkräftemangel, meint aber Billiglöhne. Er beschwört Leistungsbereitschaft, delegitimiert aber jede Form sozialer Absicherung. Bürgergeld wird wieder zur moralischen Keule, Arbeitslosigkeit zur persönlichen Schuld.
Und dann ist da noch die große Leerstelle: Wofür soll eigentlich mehr gearbeitet werden? Für bessere Schulen? Für Pflege, die diesen Namen verdient? Für soziale Sicherheit im Alter? Nein. Der politische Kontext ist eindeutig: Aufrüstung, Militarisierung, Standortkonkurrenz. Mehr Bruttoinlandsprodukt, damit mehr Spielraum für Rüstungsausgaben und geopolitische Ambitionen entsteht. Der Mensch erscheint dabei nur noch als Ressource.
Widerdenken heißt an dieser Stelle: den Spieß umdrehen. Nicht die Menschen müssen sich rechtfertigen, sondern die Politik. Nicht Arbeitsmoral ist das Problem, sondern Verteilung, Macht und Prioritäten. Der Wohlstand ist da. Er ist erarbeitet worden – von Millionen Beschäftigten. Die Frage ist nicht, warum sie zu wenig leisten, sondern warum sie immer weniger davon haben.
Ein Kanzler, der wirklich für die Menschen arbeiten würde, spräche über Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich, über sichere Renten, über Mietendeckel, über Abrüstung statt Dauerkrise. Friedrich Merz tut das nicht. Er ist kein Kanzler der Arbeit. Er ist der Kanzler des Kapitals. Und genau deshalb ist seine Moralpredigt nicht nur falsch, sondern gefährlich.