Kuba: Schnellboote, Blockade und das Schweigen aus Berlin

Bewaffnete Provokation auf See – Kuba zwischen Blockade und Angriff. Visualisierung des Geschehens. Das Bild wurde mithilfe künstlicher Intelligenz erzeugt und dient ausschließlich der illustrativen Einordnung; es zeigt keine reale Aufnahme des beschriebenen Vorfalls.

Ein mit Sturmgewehren, Sprengkörpern und Tarnuniformen beladenes Schnellboot dringt in kubanische Hoheitsgewässer ein, die Besatzung eröffnet das Feuer auf Grenzschützer – und Washington erklärt, man wisse von nichts. Das ist der Stand am 27. Februar 2026. Wer glaubt, das sei ein Einzelfall, hat die letzten 65 Jahre kubanisch-US-amerikanischer Geschichte nicht mitbekommen.

Zehn Männer, ein Boot und jede Menge Waffen

Die Fakten, soweit sie bisher vorliegen: Am Mittwochmorgen entdeckte die kubanische Küstenwache vor der Provinz Villa Clara ein in Florida registriertes Schnellboot mit zehn Bewaffneten an Bord. Als die Grenzschützer zur Identifizierung heranfuhren, eröffneten die Insassen das Feuer. Der Kommandant des kubanischen Patrouillenschiffs wurde verletzt. Die kubanischen Soldaten schossen zurück. Vier der Angreifer starben, sechs wurden festgenommen.

An Bord fanden die Behörden: Sturmgewehre, Kurzwaffen, selbstgebaute Sprengkörper, Molotow-Cocktails, kugelsichere Westen, Zielfernrohre und Tarnuniformen. Das klingt nicht nach einem spontanen Angelausflug. Kuba sprach von einem vereitelten Terroranschlag. Alle zehn Insassen waren Kubaner mit Wohnsitz in den USA. Nach zwei von ihnen wurde bereits wegen terroristischer Aktivitäten gefahndet.

Ein enger Vertrauter eines der Getöteten, des 54-jährigen Michel Ortega Casanova, bestätigte gegenüber AFP dessen Absicht: Er habe einen Aufstand gegen die kubanische Regierung anzetteln wollen. Wilfredo Beyra, Vorsitzender der Organisation »Kubanische Republikaner« in Florida, sagte, er habe Ortega Casanova noch gewarnt, es sei nicht der richtige Zeitpunkt. Beyra berichtete zudem, in Florida gebe es mehrere Gruppen, die offen erklärten, sie seien bereit, durch militärische Ausbildung für die »Freiheit« Kubas zu kämpfen.

Washington: Wir wissen von nichts

Die Reaktion der US-Regierung folgte dem üblichen Drehbuch: Distanzierung ohne Aufklärung. Außenminister Marco Rubio – selbst Sohn kubanischer Auswanderer – nannte den Vorfall »ungewöhnlich und sehr ernst«, wollte aber nicht darüber spekulieren, wem das Boot gehörte, was die Insassen taten oder warum sie dort waren. Es habe sich nicht um eine US-Operation gehandelt, US-Regierungspersonal sei nicht beteiligt gewesen.

Gleichzeitig kündigte Rubio eine eigenständige Untersuchung an, die sich ausdrücklich nicht auf kubanische Angaben stützen werde. Der Besitzer des Bootes behauptete laut AFP, es sei ihm von einem Angestellten gestohlen worden. Ob das stimmt, wird man abwarten müssen. Die US-Botschaft in Havanna versuche noch herauszufinden, ob unter den Toten US-Staatsbürger seien – mindestens zwei der Insassen besaßen laut einem US-Regierungsmitarbeiter die US-Staatsbürgerschaft.

Floridas Generalstaatsanwalt James Uthmeier setzte derweil andere Akzente. Statt die bewaffneten Eindringlinge ins Visier zu nehmen, drohte er Kuba: Man werde alles tun, um »diese Kommunisten zur Rechenschaft zu ziehen«. Der in Havanna geborene Kongressabgeordnete Carlos Giménez sprach von einem »Massaker«. Die Rollenzuweisung ist eindeutig: Nicht die Angreifer sind das Problem, sondern die kubanischen Grenzschützer, die ihr Land verteidigten.

Das Muster: Brothers to the Rescue 2.0?

Der Vorfall steht nicht im luftleeren Raum. Er reiht sich in eine jahrzehntelange Geschichte exilkubanischer Terroroperationen ein, die in aller Regel von Florida aus geplant und durchgeführt wurden – ohne dass die US-Justiz ernsthaft eingeschritten wäre. Der letzte größere Anschlag war 1997, als Sprengsätze in kubanischen Hotels detonierten und ein italienischer Tourist starb.

Die Parallele, die sich aufdrängt, liegt allerdings im Jahr 1996. Damals provozierte die exilkubanische Terrororganisation »Brothers to the Rescue« mit Kleinflugzeugen so lange den kubanischen Luftraum, bis zwei Maschinen abgeschossen wurden. US-Präsident Bill Clinton nahm das zum Anlass, ein zuvor angekündigtes Veto zurückzuziehen und den Helms-Burton Act zu unterzeichnen – eine drastische Verschärfung der Blockade. Das Kalkül exilkubanischer Gruppen, die USA durch Provokationen zu einem militärischen Eingreifen zu verleiten, hat Tradition.

Bezeichnend: Der Zwischenfall fiel zeitlich zusammen mit der Ankündigung des US-Finanzministeriums, »Lizenzen für Ölexporte zum kommerziellen und humanitären Gebrauch in Kuba« zu erteilen – allerdings nur, sofern die kubanische Regierung nicht einbezogen werde. Wer diesen Zufall für einen hält, ist entweder naiv oder will nicht hinsehen.

Die Blockade: Aushungern als Strategie

Der bewaffnete Angriff ist nur die militärische Spitze einer umfassenden Aggression. Seit dem 3. Januar 2026 verfolgen die USA die Leitlinie des »Abschneidens vom Ölimport«. US-Präsident Trump ließ nach der Gefangennahme des venezolanischen Präsidenten Maduro die venezolanischen Öllieferungen an Kuba unterbinden. Staaten, die weiterhin Erdöl an den Karibikstaat liefern, drohen zusätzliche US-Zölle.

Die Folgen sind verheerend. UN-Experten warnten Anfang Februar, die US-Maßnahmen gegen Kuba stellten eine schwerwiegende Verletzung des Völkerrechts dar. Der UN-Hochkommissar für Menschenrechte wies darauf hin, dass Intensivstationen und Notaufnahmen beeinträchtigt seien, ebenso die Produktion und Lagerung von Impfstoffen und Blutprodukten. Flüge kamen zum Erliegen, Krankenhäuser und kritische Infrastrukturen stehen unter enormem Druck.

Kuba erhielt zuletzt 800 Tonnen Hilfsgüter aus Mexiko, transportiert von der mexikanischen Marine. Spanien kündigte als einziges EU-Land humanitäre Hilfe an. Und Deutschland? Schweigt.

Berlin: Heucheln statt helfen

Sören Pellmann, Kovorsitzender der Linksfraktion, wollte von der Bundesregierung wissen, in welcher Höhe im Februar humanitäre Hilfe an Kuba geleistet wurde. Die Antwort von Staatssekretär Bernhard Kotsch aus dem Auswärtigen Amt war so kurz wie entlarvend: Im genannten Zeitraum sei keine humanitäre Hilfe geleistet worden.

Keine Hilfe. Nicht ein Euro. Nicht ein Paket Medikamente. Und das von einer Regierung, die in der UN-Generalversammlung regelmäßig gegen die US-Blockade stimmt. Pellmann nannte das, was es ist: pure Heuchelei. Deutschland beteilige sich offensichtlich an der Hungerblockade der USA. Er forderte eine diplomatische Initiative zur Wiederaufnahme der Erdöllieferungen und den sofortigen Beginn humanitärer Hilfe.

Spanien macht vor, dass es geht – über UN-Kanäle, mit Lebensmitteln und medizinischen Produkten. Dieser Weg stünde auch Berlin offen. Voraussetzung wäre allerdings der politische Wille, sich von Washington zumindest im humanitären Bereich abzusetzen. Davon ist nichts zu sehen.

Solidarität von unten: Der »Nuestra América Convoy«

Wo Regierungen versagen, organisiert sich die Zivilgesellschaft. Der »Nuestra América Convoy to Cuba« ist eine internationale Initiative, die humanitäre Hilfe auf dem Luft-, Land- und Seeweg nach Kuba bringt – geplante Ankunft in Havanna: der 21. März 2026. Dahinter stehen Gewerkschaften, Parlamentarier, humanitäre Organisationen, medizinisches Fachpersonal und Aktivisten aus aller Welt.

Prominente Unterstützung kommt von der US-Kongressabgeordneten Rashida Tlaib, der Klimaaktivistin Greta Thunberg, dem britischen Abgeordneten Jeremy Corbyn und der ehemaligen Bürgermeisterin von Barcelona, Ada Colau. Der Konvoi soll haltbare Lebensmittel, Medikamente, Erste-Hilfe-Material, Batterien und solarbetriebene Geräte liefern. James Schneider von Progressive International bringt es auf den Punkt: Solidarität sei nicht symbolisch, sondern praktisch, organisiert und in der Lage, jede Grenze zu überwinden.

Der »Cyberpakt« im Hintergrund

Während Kuba unter Blockade und bewaffneten Angriffen leidet, treibt Bundesinnenminister Alexander Dobrindt die Zusammenarbeit mit Israel im Bereich »Cybersicherheit« voran. Mitte Januar unterzeichnete er in Jerusalem einen »Cyber- und Sicherheitspakt«. Auf eine Anfrage der Linksfraktion musste das Ministerium einräumen, dass es sich nicht um ein verbindliches Abkommen handele, sondern um eine politische Absichtserklärung. Konkrete Details seien regierungsintern noch nicht abgestimmt.

Dobrindt kündigte in Israel an, nachrichtendienstlich gegen »Linksterrorismus« vorgehen zu wollen. Dass er dabei den Anschlag auf das Berliner Stromnetz von Anfang Januar erwähnte und israelische Überwachungstechnologien ins Spiel brachte, lässt aufhorchen. Israel gilt als führend bei Technologien zur Massenüberwachung und Repression – Werkzeuge, die, wie der Verein Jüdische Stimme für einen gerechten Frieden betonte, auch gegen Menschenrechtsorganisationen und Aktivisten eingesetzt werden. Der Linken-Abgeordnete Jan Köstering kommentierte trocken: Von der großen Partnerschaft bleibe offenbar nicht mehr als Symbolpolitik.

Kuba verteidigt seine Souveränität – und wer verteidigt das Völkerrecht?

Kubas Präsident Díaz-Canel erklärte, das Land werde sich mit Entschlossenheit gegen jede terroristische Aggression verteidigen. Die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Marija Sacharowa, wies darauf hin, dass das Boot der Angreifer unter US-Flagge fuhr, und sprach von einer aggressiven Provokation der USA. Die kubanischen Bischöfe riefen zu Verhandlungen auf und boten sich als Vermittler an.

Doch hochrangige Kontakte zwischen Washington und Havanna gibt es derzeit offenbar nicht. Trump hat wiederholt das Ende der kubanischen Regierung als Ziel formuliert – angeblich ohne Waffengewalt. Dass gleichzeitig bewaffnete Exilkubaner von Florida aus operieren, ohne dass die US-Behörden einschreiten, passt ins Bild einer Politik, die auf mehreren Ebenen destabilisiert.

Was bleibt

Kuba kämpft an mehreren Fronten: gegen eine wirtschaftliche Erstickung durch die Ölblockade, gegen bewaffnete Terrorkommandos und gegen die Gleichgültigkeit europäischer Regierungen, die zwar gegen die Blockade stimmen, aber keinen Finger rühren, wenn es darauf ankommt.

Die Bundesregierung hat eine Wahl. Sie kann weiter schweigen und sich damit zum Komplizen einer völkerrechtswidrigen Blockadepolitik machen. Oder sie kann tun, was Spanien und Mexiko bereits tun: humanitäre Hilfe leisten, diplomatisch Initiative zeigen und die Souveränität eines Landes verteidigen, das seit über sechs Jahrzehnten unter der Aggression seines nördlichen Nachbarn leidet. Dass die Wahl bisher auf Schweigen fällt, sagt mehr über Berlin aus als über Havanna.


Hinweis: Dieser Beitrag beruht ausschließlich auf der Auswertung öffentlich zugänglicher Berichte aus Nachrichtenagenturen und Zeitungen sowie auf offiziellen Stellungnahmen. Persönliche Erlebnisse oder unmittelbare eigene Beobachtungen haben nicht zur Erstellung des Textes beigetragen. Die analytische Einordnung, Gewichtung und Bewertung der dargestellten Fakten erfolgt durch den Autor. | Carsten Zinn schreibt auf widerdenken.de über Außenpolitik, Völkerrecht und die Folgen imperialer Aggression.

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