Seit Ende Februar 2026 fliegen amerikanische und israelische Raketen auf iranische Städte. Teheran, Isfahan, Qom – Millionenstädte unter Feuer. Tausende Tote, zerstörte Infrastruktur, ein ganzes Land im Ausnahmezustand. Und der deutsche Bundeskanzler? Friedrich Merz findet, man hätte solche Dinge schon früher mit militärischer Gewalt regeln sollen. Das ist kein Ausrutscher. Das ist ein Programm.
Kein regionaler Konflikt – ein Flächenbrand
Wer glaubt, dieser Krieg lasse sich auf den Iran eingrenzen, hat die Landkarte nicht gelesen. Iranische Raketen und Drohnen treffen Ziele in den Vereinigten Arabischen Emiraten, in Bahrain, Kuwait, Katar und Saudi-Arabien. Jordanien fängt Geschosse ab. Der Libanon wird durch die Hisbollah zum aktiven Kriegsschauplatz. Und die Straße von Hormus, durch die ein Fünftel des globalen Öls fließt, ist faktisch blockiert.
Was hier passiert, ist kein chirurgischer Schlag gegen ein Atomprogramm. Es ist ein regionaler Krieg mit globalen Folgen. Für die Energiemärkte, für die Schifffahrt, für die Menschen, die in diesen Ländern leben. Und für uns alle, die wir an der Tankstelle und bei der Heizkostenabrechnung die Quittung bekommen werden.
Völkerrecht? Kennt hier keiner mehr.
Der Angriff auf den Iran ist völkerrechtswidrig. Das sagen nicht nur Aktivisten oder Friedensbewegungen – das sagen Völkerrechtsexperten und der französische Außenminister. Es gibt kein UN-Mandat. Es gibt keinen Verteidigungsfall. Es gibt einen koordinierten Angriffskrieg zweier Staaten gegen einen dritten.
Und Friedrich Merz? Schweigt. Schlimmer noch: Er bedauert öffentlich, dass grundlegende Interessen in der Vergangenheit nicht notfalls mit militärischer Gewalt durchgesetzt worden seien. Lesen Sie diesen Satz noch einmal. Ein deutscher Bundeskanzler erklärt das Recht des Stärkeren zum Prinzip. Achtzig Jahre nach dem Ende eines Krieges, der mit genau dieser Logik begonnen wurde.
Die E3-Erklärung von Deutschland, Frankreich und Großbritannien setzt noch einen drauf: Angriffe auf iranische Raketenbasen werden vorab als Selbstverteidigung deklariert. Selbstverteidigung – gegen ein Land, das nicht angegriffen hat, sondern angegriffen wird. George Orwell hätte an dieser Verdrehung seine Freude gehabt.
Wer Inspektoren vertreibt, bekommt die Bombe
Vier Jahrzehnte lang hat Diplomatie funktioniert. Solange Inspektoren der Internationalen Atomenergieorganisation im Iran waren, konnte keine Atombombe gebaut werden. Das Abkommen war nicht perfekt, aber es war wirksam. Dann kamen die Bomben statt der Diplomaten.
Die Inspektoren sind abgezogen. Die Anreicherung von Uran über 90 Prozent ist jetzt unkontrolliert möglich. Der Angriff, der angeblich eine iranische Atombombe verhindern soll, macht sie wahrscheinlicher. Nicht dümmer, nicht naiver, nicht kurzsichtiger – genau so hat es auch im Irak funktioniert. Und genau so wenig hat man daraus gelernt.
Khamenei ist tot. Und jetzt?
Ali Khamenei ist tot, zusammen mit weiteren Tonangeber des Regimes. Ich trauere nicht um Unterdrücker. Wer Frauen einsperren lässt, weil ein Haar unter dem Tuch hervorschaut, wer politische Gefangene foltern lässt, wer eine ganze Gesellschaft in Angst hält – dessen Wegfall ist zunächst eine Erleichterung.
Aber Erleichterung ist kein politisches Programm. Die entscheidende Frage ist: Was kommt danach? Demokratie? Oder Bürgerkrieg?
Die Geschichte liefert die Antwort, und sie ist ernüchternd. Im Irak hat der Sturz Saddam Husseins keinen demokratischen Aufbruch gebracht, sondern jahrelangen Bürgerkrieg. In Libyen dasselbe Muster. Nicht die Demokratiebewegungen haben profitiert, sondern bewaffnete Milizen. Hunderttausende Tote. Dauerhaft instabile Staaten. Die iranische Demokratiebewegung – jene mutigen Frauen und Männer, die unter Lebensgefahr für Freiheit demonstriert haben – steht jetzt vor einer Lage, die nicht besser, sondern deutlich schlechter geworden ist.
Doppelte Standards zerstören jede Glaubwürdigkeit
Wer Russlands Angriff auf die Ukraine zu Recht als Völkerrechtsbruch verurteilt, kann nicht gleichzeitig den Angriff auf den Iran durchwinken. Wer das tut, macht das Völkerrecht zur Verfügungsmasse der Mächtigen. Es gilt dann nur noch, wenn es den eigenen Interessen dient.
Das Völkerrecht ist kein abstraktes Konstrukt für Sonntagsreden. Es ist der einzige Schutz, den schwächere Staaten haben. Auch Deutschland. Wer diesen Schutz untergräbt, sägt an dem Ast, auf dem er selbst sitzt. Aber das hat Friedrich Merz offenbar noch nicht verstanden – oder es ist ihm egal.
Wer zahlt die Rechnung?
Die Energiepreise werden steigen. Das ist keine Spekulation, das ist Marktlogik: Wenn ein Fünftel der globalen Ölversorgung durch eine Meerenge läuft, die niemand mehr passieren will, dann steigt der Preis. Die Frage ist nur, wer die Rechnung bekommt.
Beim letzten Mal – zu Beginn des Ukraine-Krieges – haben Energiekonzerne Rekordgewinne eingefahren, während Familien zwischen Heizung und Abendessen wählen mussten. Das darf sich nicht wiederholen. Die Bundesregierung muss jetzt handeln: Übergewinnsteuer für Kriegsprofiteure, Preisbremsen für Verbraucherinnen und Verbraucher. Nicht irgendwann. Jetzt.
Solidarität heißt nicht Bomben
Ein demokratischer Iran – ohne Mullah-Regime, ohne autoritäre Restauration, ohne ausländische Bomben. Das ist kein Widerspruch. Das ist die einzige Position, die Bestand hat. Solidarität mit der iranischen Demokratiebewegung und klare Ablehnung des Regimes schließen die konsequente Verteidigung des Völkerrechts nicht aus. Im Gegenteil: Sie setzen sie voraus.
Wer den Menschen im Iran wirklich helfen will, hört auf zu bomben. Wer Demokratie will, schafft Bedingungen, unter denen Demokratie wachsen kann – nicht Trümmer, auf denen Milizen gedeihen.
Dieser Beitrag beruht auf der Auswertung öffentlich zugänglicher Berichte internationaler Nachrichtenagenturen, völkerrechtlicher Einschätzungen und politischer Stellungnahmen. Die analytische Einordnung, Gewichtung und Bewertung der dargestellten Fakten erfolgt durch den Autor. | Carsten Zinn schreibt auf widerdenken.de über Krieg, Völkerrecht und die Frage, wer in dieser Welt eigentlich für wen bombt.