Europa steht unter Druck. Die US-Politik ist unberechenbar geworden, geopolitische Allianzen verschieben sich, technologisch droht der Anschluss verloren zu gehen. In dieser Lage greift die Politik fast reflexhaft zu einem vertrauten Rezept: mehr Wirtschaftswachstum. Es gilt als Allheilmittel für Sicherheit, Wohlstand und demokratische Stabilität.
Doch was, wenn dieses Rezept aus dem 20. Jahrhundert heute nicht mehr funktioniert?
Wirtschaftswissenschaftler werfen einen radikalen Blick hinter die Kulissen der europäischen Wachstumspolitik. Europa leidet nicht an einem kurzfristigen Wachstumsloch, sondern stößt an eine strukturelle Grenze. Die eigentliche Stärke Europas im 21. Jahrhundert liegt nicht darin, die USA zu überholen – sondern darin, Wohlstand neu zu definieren: innerhalb planetarer Grenzen und ohne demokratischen Verschleiß.
Am Ende des Wirtschaftswachstums – und warum es dann besser werden kann
Wirtschaftswachstum gilt als politisches Grundversprechen. Wenn es fehlt, soll alles schlechter werden: die Staatsfinanzen, der Sozialstaat, die Demokratie. Wenn es kommt, soll sich alles von selbst regeln. Stellen wir diese Selbstverständlichkeit infrage – treffen wir damit einen wunden Punkt der europäischen Politik.
Die zentrale These ist unbequem: Europa hat kein vorübergehendes Wachstumsproblem. Europa ist am Ende eines historischen Modells angekommen. Und selbst wenn man das alte Wachstum zurückholen wollte, wäre es weder realistisch noch wünschenswert.
Wachstum war einmal eine Lösung – heute ist es ein Problem
Wirtschaftswachstum wurde in Europa in den 1950er-Jahren als politisches Ziel etabliert. Das war plausibel. Nach dem Zweiten Weltkrieg musste nahezu alles neu aufgebaut werden: Wohnraum, Infrastruktur, Industrie. Gleichzeitig sorgten technische Innovationen – vom Auto bis zur Waschmaschine – für massive Produktivitätsgewinne. Wachstum war leicht zu haben und brachte reale Verbesserungen für breite Bevölkerungsschichten.
In den 1960er-Jahren lag das Wachstum noch bei über sechs Prozent. Kein Wunder: Wer vorher wenig hatte, konnte schnell viel gewinnen. Doch diese Phase ist vorbei. Seit Jahrzehnten sinken die Wachstumsraten stetig. In den 2020er-Jahren dümpelt das durchschnittliche Wirtschaftswachstum der EU bei knapp über einem Prozent – oft darunter.
Das Ergebnis ist eindeutig: Wenn ein Trend über ein halbes Jahrhundert anhält – unter konservativen, sozialdemokratischen und neoliberalen Regierungen –, dann handelt es sich nicht um das Versagen einzelner Politikrichtungen. Es handelt sich um eine strukturelle Grenze. Die Vorstellung, irgendeine Regierung könne mit ein paar Reformen das alte Wachstum zurückbringen, ist illusionär.
Was Wachstum misst – und was es systematisch ignoriert
Wenn von Wachstum die Rede ist, geht es fast immer um das Bruttoinlandsprodukt. Das BIP misst, wie viel Geld in einem Jahr für Waren und Dienstleistungen ausgegeben wird. Es ist ein Geldumsatz-Zähler.
Das führt zu absurden Ergebnissen: Der Wiederaufbau nach Naturkatastrophen erhöht das BIP. Teure Krankenhausbehandlungen erhöhen das BIP. Selbst illegaler Drogenhandel wird statistisch geschätzt und eingerechnet. Gleichzeitig taucht all das, was eine Gesellschaft zusammenhält, dort nicht auf: Pflege von Angehörigen, ehrenamtliche Arbeit, Nachbarschaftshilfe, Gemeinsinn.
Das BIP ist blind für Lebensqualität, aber hochsensibel für Geldflüsse. Eine Politik, die sich an dieser Kennzahl orientiert, optimiert nicht das gute Leben, sondern den Umsatz.
Warum die herrschende Ökonomie keine Antworten mehr hat
Die ökonomische Denkschule, die Politik und Medien dominiert – die Neoklassik –, erklärt Wachstum vor allem über Investitionen von Unternehmen. Die Logik lautet: Billige Kredite führen zu Investitionen, Investitionen zu Innovation, Innovation zu Wachstum.
Doch genau das funktioniert nicht mehr. Die Zinsen waren jahrelang extrem niedrig, Kapital war billig – trotzdem blieb das Wachstum aus. Selbst Vertreter dieser Schule räumen inzwischen ein, dass neue Technologien offenbar nicht mehr die gleichen Produktivitätssprünge erzeugen wie früher. Der Schritt von der Waschmaschine zum Smartphone war ein Quantensprung. Der Schritt vom Smartphone zur KI-Funktion im Föhn ist es nicht.
Hinzu kommen weitere Wachstumsbremsen: eine alternde Gesellschaft, gesättigte Bildungssysteme, begrenzte Ressourcen. Kurz gesagt: Das alte Wachstumsversprechen ist ausgereizt.
Dass Regierungen dennoch weiter Unternehmenssteuern senken und Investoren entlasten, hat daher wenig mit realer Wachstumspolitik zu tun – und viel mit Umverteilung von unten nach oben. Wachstum wird behauptet, Profite werden verteilt.
Nachfrage ankurbeln? Politisch tabu – ökologisch fatal
Andere ökonomische Ansätze, etwa der Post-Keynesianismus, schlagen einen anderen Weg vor: Nicht Unternehmen brauchen mehr Hilfe, sondern Bürgerinnen und Bürger. Höhere Löhne, stärkere Gewerkschaften, mehr staatliche Ausgaben – dann steigt die Nachfrage, und damit auch das Wachstum.
Ökonomisch ist das schlüssig. Politisch ist es derzeit kaum durchsetzbar. Und ökologisch wäre es fatal. Denn ein nachfragegetriebener Wachstumsschub würde ein System ausweiten, das bereits heute massiv über seine ökologischen Grenzen hinaus wirtschaftet.
Die EU liegt bei CO₂-Emissionen und Materialverbrauch deutlich über nachhaltigen Werten. Selbst dort, wo Emissionen sinken, geschieht das viel zu langsam. Wachstum und Klimaschutz lassen sich real bislang nicht entkoppeln. Eine Metapher trifft es präzise: Dekarbonisierung unter Wachstumszwang gleicht dem Versuch, eine Rolltreppe hinunterzulaufen, die immer schneller nach oben fährt.
Das US-Modell ist keine Lösung – weder ökologisch noch demokratisch
Manche setzen ihre Hoffnung auf die Digitalwirtschaft nach US-Vorbild. Doch dieses Modell ist weder übertragbar noch wünschenswert. US-Big-Tech erzeugt Wachstum durch globale Monopole, enormen Energie- und Ressourcenverbrauch – und extreme gesellschaftliche Ungleichheit.
Selbst dort, wo Wachstum entsteht, macht es die Gesellschaft nicht stabiler, sondern gespaltener. Autoritäre Tendenzen wachsen nicht trotz, sondern teilweise wegen dieses Modells. Wachstum allein verbessert keine Gesellschaft.
Post-Wachstum heißt nicht Verzicht – sondern Orientierung
Was folgt daraus? Ein Perspektivwechsel: Wohlstand neu denken, jenseits des Wachstumsdogmas. Nicht mehr die Steigerung des BIP als Ziel, sondern ökologische Stabilität, soziale Gerechtigkeit und Lebensqualität.
Konkret bedeutet das zum Beispiel:
- Förderung von Reparatur, Wiederverwendung und Suffizienz
- Investitionen in Pflege, Bildung und soziale Infrastruktur
- Rückbau klar schädlicher Wirtschaftsbereiche wie fossiler Energien und übermäßigen Luxuskonsums
- Umverteilung und Arbeitszeitverkürzung zur Sicherung von Beschäftigung und gesellschaftlichem Zusammenhalt
Das ist kein Rückschritt. Es ist der Versuch, eine reife Gesellschaft an reale Grenzen anzupassen.
Wachstum loslassen, Demokratie stärken
Ein zentraler Punkt zum Schluss: Wirtschaftswachstum ist kein verlässliches Mittel gegen autoritäre Politik. Ungleichheit, Unsicherheit und empfundene Ungerechtigkeit treiben gesellschaftliche Spaltung – nicht fehlende Prozentpunkte im BIP.
Eine Wirtschaft, die weniger abhängig ist von globalen Lieferketten, fossilen Energien und monopolisierten Märkten, ist stabiler. Eine Gesellschaft mit weniger Ungleichheit ist friedlicher. Post-Wachstum kann daher nicht nur ökologisch, sondern auch demokratisch ein Fortschritt sein.
- Die eigentliche Frage lautet nicht mehr: Wie bekommen wir das Wachstum zurück?
- Sondern: Warum halten wir an einem Ziel fest, das uns ökologisch zerstört, sozial spaltet und politisch schwächt?
Oder: Europas wahre Stärke im 21. Jahrhundert wird nicht darin liegen, die USA beim Wirtschaftswachstum oder bei der Digitalisierung zu überholen, sondern darin, ein Modell von Wohlstand innerhalb planetarer Grenzen zu ermöglichen.