Folge dem Geld: Wer den Iran-Krieg bestellt hat

Ein völkerrechtswidriger Angriff, ein toter Religionsführer und eine Spur aus Milliarden, die in die Familie des US-Präsidenten führt. | Am 28. Februar 2026 haben die USA und Israel den Iran bombardiert. Am 1. März bestätigten die Staatsmedien in Teheran, was israelische und amerikanische Stellen längst verkündet hatten: Ajatollah Ali Chamenei, Religionsführer und Staatsoberhaupt der Islamischen Republik, ist tot – getötet bei einem israelischen Luftangriff. Er wurde 86 Jahre alt. Iran meldete inzwischen mehr als 1.300 getötete Zivilisten. Darunter Kinder. Aber die zählen in den Kalkulationen der Mächtigen bekanntlich nicht.

Was wir gerade erleben, ist kein chirurgischer Präzisionsschlag gegen eine nukleare Bedrohung. Es ist ein völkerrechtswidriger Angriffskrieg gegen ein souveränes Land. Und wer verstehen will, warum er geführt wird, sollte nicht auf die Begründungen hören, sondern dem Geld folgen.

Das Friedensticket, das keines war

Erinnern wir uns. Noch im November 2024, anderthalb Wochen vor der Wahl, warb der heutige US-Präsident auf Plakaten mit dem Slogan: Wählt das Pro-Friedens-Ticket. Einer seiner engsten Berater postete die Warnung, wer nicht eingezogen werden wolle, müsse gegen die Gegenkandidatin stimmen – die stehe für den Dritten Weltkrieg. Die Botschaft war klar: America first, keine Kriege mehr, Schluss mit dem Weltpolizisten.

15 Monate später bombardiert dieselbe Regierung den Iran. Die eigene Basis ist entsetzt. Marjorie Taylor Greene, MAGA-Ikone und treue Trump-Gefolgschaft, bringt es auf den Punkt: Wir haben für null Kriege gewählt. Ihr seid eine Bande kranker Lügner. Da hat sie recht. Nur ändert ihr Entsetzen nichts an den Bomben, die gerade auf Teheran fallen.

Die nukleare Begründung: Widersprüche als Methode

Die offizielle Begründung für den Angriff lautet: das iranische Atomprogramm. Dumm nur, dass sich die eigene Regierung nicht einmal auf eine gemeinsame Erzählung einigen kann. Außenminister Marco Rubio erklärte noch am 25. Februar – drei Tage vor den Bombardierungen –, der Iran sei irgendwann in der Lage, Waffen zu entwickeln, die die USA erreichen könnten. Irgendwann. Nicht morgen, nicht nächste Woche. Ein Geschäftspartner des Präsidenten, der gleichzeitig als Sondergesandter auftritt und tief in dessen Kryptogeschäfte verstrickt ist, behauptete dagegen: nur noch eine Woche bis zur Bombe.

US-Geheimdienstberichte deckten die Behauptung einer unmittelbar bevorstehenden iranischen Interkontinentalrakete nicht. Der Präsident selbst sagte, eigentlich müsse der Iran nur erklären, keine Atomwaffe zu entwickeln – was die iranische Führung seit Jahren tat. Und kurz vor den Bomben hatte es laut dem Vermittlerstaat Oman Fortschritte bei den Atomverhandlungen in Genf gegeben – keinen fertigen Deal, aber erkennbare Bewegung.

Das Muster ist bekannt: Widersprüchliche Aussagen aus derselben Regierung, eine Bedrohungskulisse, die bei näherem Hinsehen nicht zusammenhält, und eine Eile, die keine Fragen duldet. Die nukleare Gefahr ist nicht der Grund für diesen Krieg. Sie ist die Tapete, die über den eigentlichen Grund geklebt wurde.

Die nachgelieferte Rechtfertigung: Israels Atom-Narrativ

Am 3. März – fünf Tage nach Beginn der Bombardierungen – lieferte Israel die passende Geschichte nach. Die israelischen Verteidigungsstreitkräfte teilten mit, sie hätten den »geheimen Nuklearkomplex in Minzadehei« zerstört, eine teils unterirdische Anlage mitten in Teheran, in der ein Team von Kernwissenschaftlern heimlich an der Bombe gearbeitet habe. Hochrangige israelische Sicherheitsbeamte erklärten gegenüber dem Epoch Magazine, dass Chamenei nach den israelischen Angriffen während des Zwölftagekriegs im Juni 2025 eine beschleunigte Atombombenproduktion angeordnet habe. Das sogenannte »Weapon Group«-Projekt habe an Zündsystemen und der Anpassung von Sprengköpfen für Raketen gearbeitet.

Klingt dramatisch. Aber schauen wir genauer hin. Die Quelle dieser Informationen ist ausschließlich das israelische Militär und seine Geheimdienste. Veröffentlicht im Epoch Magazine – nicht gerade ein Hort unabhängiger Berichterstattung. Und der Zeitpunkt ist aufschlussreich: Die Behauptungen kommen nicht vor dem Angriff als Warnung, sondern danach als Rechtfertigung.

Das kennen wir. Colin Powell hielt im Februar 2003 seine berühmte Rede vor dem UN-Sicherheitsrat, mit Satellitenbildern und Reagenzgläsern, die Saddams Massenvernichtungswaffen beweisen sollten. Es gab keine. Aber der Krieg war da längst beschlossene Sache. Die Beweise wurden nachgeliefert, passgenau für die politische Erzählung.

Im iranischen Fall wird es noch durchsichtiger. Ja, iranische Vertreter haben in der Vergangenheit mit nuklearer Abschreckung kokettiert. Ein Berater Chameneis sagte 2024 gegenüber Al Jazeera, man habe keine Entscheidung für eine Bombe getroffen – aber sollte Irans Existenz bedroht sein, werde man die Militärdoktrin ändern. Der ehemalige Verteidigungsminister Ali Shamkhani ging weiter und sprach offen davon, auf den Bau einer Atomwaffe hinzuarbeiten. Shamkhani wurde am ersten Tag der jüngsten Angriffe getötet.

Hier ist das Problem: Wenn ein Land jahrelang bombardiert, sanktioniert und existenziell bedroht wird und dann über nukleare Abschreckung nachdenkt, ist das für die Angreifer kein Anlass zur Selbstreflexion – sondern ein weiterer Vorwand zum Bomben. Die Spirale dreht sich nur in eine Richtung. Und die Frage, ob der Iran tatsächlich vor einem funktionsfähigen Sprengkopf stand, lässt sich auf Basis israelischer Militärquellen nicht seriös beantworten. Die IAEA, die einzige Institution mit dem Mandat zur unabhängigen Überprüfung, wurde nicht gefragt. Sie wurde überholt – von Bomben.

Folge dem Geld: Die Spur an den Persischen Golf

Ein amerikanischer Nachrichtensender hat die richtige Frage gestellt: Nicht nur warum, sondern wer profitiert? Cui bono? Die Antwort führt geradewegs an den Persischen Golf.

Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Katar – das sind die regionalen Rivalen des Iran. Sie wollen den Iran als Konkurrenten ausgeschaltet sehen. Und sie haben in den letzten Monaten atemberaubende Summen in die Nähe des US-Präsidenten und seiner Familie fließen lassen.

Ein Golfstaat schenkte dem Präsidenten ein Flugzeug im Wert von rund 400 Millionen Dollar – einen vergoldeten fliegenden Palast, den er auch nach seiner Amtszeit behalten darf. Ein anderer Golfstaat steckte hunderte Millionen Dollar in die Kryptofirma der Präsidentenfamilie, über Beteiligungen und Tokenkäufe, deren geschäftlicher Sinn außerhalb der politischen Gefälligkeit schwer zu erkennen ist. Und die Saudis hatten bereits am Ende der ersten Amtszeit zwei Milliarden Dollar an den Schwiegersohn des Präsidenten überwiesen – denselben Schwiegersohn, der damals offiziell für den Frieden im Nahen Osten zuständig war.

Als der Skandal damals aufflog, hieß es beruhigend: Der Schwiegersohn werde nie wieder für die Regierung arbeiten. Wochen vor dem Angriff auf den Iran saß er dann als Vorstandsmitglied im sogenannten Friedensrat des Präsidenten – einem Gremium, in dem Saudi-Arabien, die Emirate und Katar Mitgliedsstaaten sind. Und er war an den gescheiterten Verhandlungen mit der iranischen Führung direkt beteiligt.

Seltsam, dass es keinen Deal gab. Am Golf zahlte man offenbar besser.

Das US-Militär als Timeshare-Modell

Was hier geschieht, lässt eine Schlussfolgerung zu, die man nicht beweisen muss, weil die Fakten für sich sprechen: Die Golfstaaten haben Milliarden in die Familie des Präsidenten investiert. Dieselben Golfstaaten wollen den Iran als regionalen Rivalen ausgeschaltet sehen. Und jetzt bombardiert das US-Militär den Iran. Wer das für Zufall hält, glaubt auch, dass Waffenlobbyisten aus reiner Nächstenliebe spenden.

Fast 44 Prozent des frei verfügbaren US-Bundeshaushalts fließen in den Militärapparat – finanziert vom amerikanischen Steuerzahler. Laut der Charta des präsidialen Friedensrats kostet eine dauerhafte Mitgliedschaft eine Milliarde Dollar. Was man dafür bekommt, zeigt sich gerade in Echtzeit über dem Iran.

Der Präsident selbst räumt ein, dass mit Toten zu rechnen sei. Am 1. März meldete Reuters die ersten drei gefallenen US-Soldaten; inzwischen ist von sechs die Rede. Die eigene Basis hatte klar gemacht: Sie hat keinen neuen Krieg im Nahen Osten gewählt. Aber die Basis zahlt eben nicht so gut wie die Scheichs.

Die Menschen im Iran: zwischen Jubel, Angst und Chaos

Und dann sind da die Menschen, um die es angeblich geht. Die iranische Bevölkerung, über 90 Millionen Menschen, lebt seit 47 Jahren unter der Gewalt der Islamischen Republik. Die Armut ist extrem. Seit Monaten gibt es Massenproteste gegen die wirtschaftliche Lage, gegen Willkür und Korruption. Die Revolutionsgarden haben ihre Gangart verschärft: Wo früher Gerichtsurteile die Repression verbriefen sollten, wird jetzt einfach geschossen. Die iranische Menschenrechtsorganisation HRANA dokumentierte mehr als 4.500 getötete Demonstranten; ein Aktivist im Land schätzt die tatsächliche Zahl noch deutlich höher.

Viele Iranerinnen und Iraner wünschen sich den Sturz des Regimes. Natürlich tun sie das. Aber die Frage ist, ob Bomben diesen Sturz bringen – oder das Chaos, das danach kommt. Nach Chameneis Tod zeigt sich das Land gespalten: In Teheran brachen Jubelfeiern aus, Menschen schrien vor Freude aus ihren Fenstern, auf den Straßen waren Hupkonzerte zu hören. Andere tragen Schwarz. Und wieder andere haben vor allem Angst.

Ein Immobilienmakler in Teheran bringt es auf den Punkt: Hinter dem alten Mann standen die Revolutionsgarden, und sie werden jetzt das Ruder übernehmen. Ob das besser sei, wisse niemand. Ein Rentner erinnert an Irak und Libyen: Dort wurde auch ein Diktator gestürzt. Was danach kam, war Chaos und Bürgerkrieg.

Das Bankensystem funktioniert bereits jetzt nur eingeschränkt. Das Internet ist abgeschaltet. Geschäfte bleiben geschlossen. Und für die Nachfolge Chameneis gibt es zwar vorbereitete Pläne – aber keine tragfähigen Ideen für eine andere Zukunft.

Solidarität ist kein Lichtschalter

Was in diesen Tagen besonders unerträglich ist: die plötzliche Sorge um die iranische Zivilbevölkerung von Seiten derer, die jahrelang zu Folter, Massenhinrichtungen und systematischer Repression geschwiegen haben. Wer die blutige Niederschlagung der Proteste – Tausende Tote, dokumentiert von Menschenrechtsorganisationen – nicht einmal erwähnenswert fand, hat jetzt kein Recht, sich als Anwalt der Iranerinnen und Iraner aufzuspielen.

Solidarität ist kein Teilzeitjob. Sie funktioniert nicht als Lichtschalter, den man anknipst, wenn geopolitische Spannungen eskalieren, und ausschaltet, wenn ein befreundetes Regime foltern lässt. Wer nur eine Seite dieser Wirklichkeit zitiert – die Angst vor Bomben oder die Wut auf die Unterdrücker –, instrumentalisiert die Betroffenen für die eigene Agenda.

Die Wahrheit ist: Beides existiert gleichzeitig. Die berechtigte Furcht vor dem Krieg und die ebenso berechtigte Hoffnung auf ein Ende der Diktatur. Wer das nicht zusammendenken kann, sollte besser schweigen.

Wo hat Krieg jemals Demokratie gebracht?

Irak. Afghanistan. Libyen. Über eine Million Tote in den angeblichen Demokratie-Missionen des Westens, hinter denen immer Rohstoffe und Macht standen. In jedem dieser Länder entstand Chaos, Bürgerkrieg, und oft kamen am Ende schlimmere Regime an die Macht als die gestürzten.

Der Iran ist nicht Venezuela, wo man sich zwischen zwei politischen Lagern entscheiden könnte. Der Iran ist ein geschichtetes Machtsystem mit über 90 Millionen Menschen. Die Revolutionsgarden kontrollieren große Teile der Industrie, des Geheimdienstes, der Wirtschaft. Einen Plan, wie es nach Chamenei weitergehen soll, hat niemand – am wenigsten diejenigen, die die Bomben geworfen haben.

Es gibt keinen Hinweis darauf, dass die USA auch nur den Versuch unternommen hätten, einen Aufstand der iranischen Bevölkerung möglich oder auch nur plausibel zu machen. Kein Plan für danach. Kein Interesse an den Menschen. Nur Bomben und Milliarden.

Die eigentliche Frage

Dieser Krieg wird nicht geführt, um die Welt sicherer zu machen. Er wird nicht geführt, um den Iranerinnen und Iranern Freiheit zu bringen. Die Golfstaaten haben Milliarden in die Taschen einer präsidialen Familiendynastie geschoben. Dieselben Golfstaaten profitieren davon, dass der Iran als Regionalmacht ausgeschaltet wird. Ob man das Korruption nennt oder Zufall, bleibt jedem selbst überlassen. Die Indizienlage ist erdrückend.

Und die nachgelieferte Nuklear-Erzählung aus israelischen Militärkreisen ändert daran nichts. Sie ist das Feigenblatt, das man braucht, wenn die Bomben schon gefallen sind und die Fragen kommen. Wer die Irak-Invasion erlebt hat, kennt das Drehbuch.

Was es stattdessen bräuchte: Eine klare Verurteilung dieses Angriffskriegs durch die Bundesregierung. Schluss mit der Nutzung deutscher und europäischer Militärbasen für diesen Krieg. Keine Waffenlieferungen mehr an die Aggressoren. Diplomatischer Druck über die UNO, bevor sich dieser Krieg zum Flächenbrand ausweitet.

Aber wir wissen ja, wie das läuft. In Berlin wird man besorgt gucken, tiefe Sorge äußern und ansonsten tun, was man immer tut: nichts, was den großen Verbündeten verärgern könnte. Das Grundgesetz? Die Völkerrechtsordnung? Ziemlich abstrakt, wenn in Washington jemand anruft.

Folge dem Geld. Dann weißt du, warum Bomben fallen.


Dieser Beitrag beruht auf der Auswertung öffentlich zugänglicher Berichte von nd-aktuell.de, Reuters, Epoch Magazine sowie eines MSNBC-Beitrags und öffentlich dokumentierter Finanztransaktionen und politischer Aussagen der beteiligten Akteure. Die analytische Einordnung, Gewichtung und Bewertung der dargestellten Fakten erfolgt durch den Autor. | Carsten Zinn schreibt auf widerdenken.de über Krieg, Korruption und die Frage, wer eigentlich dafür bezahlt.

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