Rente stärken – oder endlich zugeben, dass man die Alten aufgegeben hat

Rente stärken – oder endlich zugeben, dass man die Alten aufgegeben hat | Bildidee gemeinsam entwickelt mit Gemini, umgesetzt nach redaktionellem Konzept von Carsten Zinn

Es wirkt wie ein Ritual: Politikerinnen und Politiker stellen sich in Talkshows und Parlamenten hin, tun betroffen, sprechen von „Generationengerechtigkeit“ – und drücken im selben Atemzug ein Rentenniveau durch, das nicht einmal mehr den Lebensabend absichert. 48 Prozent werden inzwischen als Erfolg verkauft. Dabei weiß jeder, der eine Miete bezahlt oder eine Rechnung öffnet: 48 Prozent bedeuten keine Stabilität. Sie bedeuten das Abrutschen ganzer Erwerbsbiografien in kollektive Unsicherheit. Es ist die stille Botschaft eines Staates, der seinen älteren Bürgerinnen und Bürgern nur noch das Minimum zugesteht.

Der große Trick dieser Debatte ist die wiederkehrende Panikformel vom angeblich unbezahlbaren Sozialstaat. Schon der Begriff erzeugt den Eindruck, als würden die Älteren das Land finanziell an den Rand des Kollapses treiben. Demografie! Kostenexplosion! Verantwortung! Dabei wird die Wahrheit durch keinen Sachzwang dieser Welt aufgehoben: Deutschland ist reich genug, um seine Menschen im Alter würdevoll zu behandeln. Der Wohlstand ist da – er liegt nur nicht dort, wo man ihn für das soziale Gleichgewicht bräuchte. Er liegt in Vermögensdepots, in steuerlich begünstigten Kapitalerträgen, in einer Unternehmenslandschaft, die es sich seit Jahren bequem macht, während die Beschäftigten die Lücken im System ausbaden dürfen.

Vor diesem Hintergrund wirkt das Rentenpaket wie ein halbherziger Versuch, eine Wunde mit einem Pflaster zu behandeln. Statt strukturelle Löcher zu schließen, werden kosmetische Maßnahmen präsentiert. Wer prekär gearbeitet hat, wer Familienzeiten hatte, wer als Kreative oder Selbständige seit Jahren durchs Raster fällt – all diese Menschen bleiben weiterhin dort draußen, wo das System sie seit Jahrzehnten hinverortet: im Bereich des persönlichen Risikos. Und die Rentnerinnen und Rentner, die heute schon weiterarbeiten müssen, um ihre Stromrechnung zu bezahlen, werden vom Paket nicht einmal gestreift. Das alles nennt man dann „Stabilisierung“.

Währenddessen spielt die Union ein besonders durchschaubares Spiel. Sie verkauft ihr Blockadetheater als Fürsorge für die jungen Generationen, obwohl sie seit Jahren jede ernsthafte Stärkung der gesetzlichen Rente torpediert. Es ist das altbekannte Muster: Auf der Bühne wird über Prozentpunkte gestritten, hinter den Kulissen wird das Dogma verteidigt, das dieses System seit der Agenda-Zeit strukturell schwächt – die Illusion, dass ein Staat Reichtum zwar schützen, aber nicht umverteilen darf.

In Wahrheit geht es schon lange nicht mehr um die Frage, ob das Rentenniveau 48 oder 49 Prozent beträgt. Es geht um die Grundsatzentscheidung, ob wir als Gesellschaft akzeptieren, dass die Menschen nach einem arbeitsreichen Leben mit Armut konfrontiert werden. Ob wir uns mit dem Gedanken arrangiert haben, dass der Ruhestand in Deutschland für Hunderttausende nicht ausruhen bedeutet, sondern weiterkämpfen.

Und es geht um Ehrlichkeit. Die Bundesregierung scheut sie, die Opposition missbraucht sie, und viele Kommentatoren haben verlernt, sie einzufordern. Die Frage, die gestellt werden müsste, ist so einfach wie unbequem: Warum lassen wir zu, dass ein Land mit dieser wirtschaftlichen Kraft seine Alten behandelt, als seien sie eine Last und kein Teil seiner Geschichte?

Eine wirkliche Stärkung der Rente ist keine Frage der Mathematik, sondern des politischen Mutes. Die Lösungen liegen längst auf dem Tisch: höhere Renten statt kosmetischer Haltesignale. Ein solidarisches System, in das alle einzahlen. Eine Abkehr von der Illusion, dass Arbeit allein eine Rente sichert, wenn gleichzeitig Vermögen steuerlich geschont wird wie rohe Eier. Und vor allem der Wille, die Würde von Menschen höher zu gewichten als die Schutzbedürfnisse der Kapitalmärkte.

  • Wer all das „nicht finanzierbar“ nennt, sagt in Wahrheit: „Ich habe andere Prioritäten.“
  • Wer weiterhin behauptet, die Rente müsse klein gehalten werden, um die Jungen zu schützen, verschweigt, dass eine Gesellschaft, die ihre Alten im Stich lässt, auch ihren Jungen nichts mehr zu bieten hat außer Unsicherheit.

Vielleicht ist es genau das, worüber wir endlich reden müssen: Die Rente ist kein Kostenfaktor, sie ist ein Seismograph. An ihr lässt sich ablesen, welchen Stellenwert Menschen haben, wenn ihre „Verwertbarkeit“ auf dem Arbeitsmarkt endet.

Und derzeit zeigt Deutschland einen beunruhigenden Befund.

Wir sehen ein Land, das seine wirtschaftliche Stärke gern feiert, aber bei der Frage nach einer sicheren Rente plötzlich kleinlaut wird. Ein Land, in dem jede Milliarde für Waffenprogramme oder Unternehmensentlastungen scheinbar „alternativlos“ ist – während ein paar zusätzliche Milliarden für eine armutsfeste Rente als „Gefahr für kommende Generationen“ dämonisiert werden. Ein Land, das seine Alten in Sonntagsreden lobt, aber ihnen werktags erklären lässt, sie müssten sich „auf Veränderungen einstellen“.

Der Befund lautet: Die Würde des Alters ist verhandelbar geworden. Sie steht unter Finanzierungsvorbehalt. Sie hängt daran, ob es in eine Schuldenbremse, in ein Ranking, in eine Wachstumsprognose passt. Wer viel gearbeitet, Kinder großgezogen, Angehörige gepflegt hat, bekommt keine Garantie auf ein angstfreies Leben im Alter – nur eine vage Aussicht auf „Stabilisierung“, die bei genauerem Hinsehen nichts anderes ist als das Verwalten eines Mangels.

Beunruhigend ist auch, wie normalisiert diese Schieflage inzwischen ist. Flaschensammelnde Rentnerinnen gelten nicht mehr als Skandal, sondern als Randnotiz. Tafeln werden als „gelebte Solidarität“ romantisiert, statt als Alarmzeichen für ein System verstanden zu werden, das seine elementare Aufgabe nicht erfüllt. Gleichzeitig werden jene diffamiert, die den Finger in die Wunde legen und sagen: Das große Problem ist nicht die angeblich zu teure Rente – das große Problem sind die tabuisierten Vermögen und die politische Feigheit, sie endlich stärker heranzuziehen.

Wer auf diese Realität blickt und trotzdem behauptet, die Rente müsse „maßvoll“ bleiben, der sagt in letzter Konsequenz: Die Alten sollen sich bescheiden. Sie sollen sich mit dem Gedanken anfreunden, dass der Ruhestand eben nicht die Erntezeit eines Lebens ist, sondern eine Phase kontrollierter Knappheit. Genau das ist der Kern des beunruhigenden Befunds: Nicht, dass es an Geld fehlt – sondern dass es an politischem Willen fehlt, dieses Geld dorthin zu lenken, wo es über Würde oder Entwürdigung entscheidet.

Eine Gesellschaft, die diese Entwicklung hinnimmt, stellt nicht nur ihre Alten ins Abseits. Sie sendet auch an die Jungen eine klare Botschaft: Rechne nicht damit, dass man dich später anders behandelt. Wer heute wegschaut, wenn andere im Alter zurückgelassen werden, wird sich morgen selbst in dieser Rolle wiederfinden.

Deshalb ist die Frage nach der Rentenstärkung keine Spezialdebatte für Fachleute, sondern eine Grundsatzentscheidung: Wollen wir ein Land sein, in dem Menschen nach einem langen Arbeitsleben sicher wissen, dass sie nicht fallen gelassen werden? Oder wollen wir weiter zusehen, wie man ihnen erklärt, sie seien ein Risiko, das man „im Blick behalten“ müsse?

An dieser Antwort entscheidet sich mehr als nur ein Prozentsatz. An ihr entscheidet sich, ob dieses Land seine Menschen ernst nimmt.

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