Trumps Strafzölle im Grönland-Streit: Warum Härte diesmal nötig ist

Politische Spannungen und geostrategische Interessen

Wer beim aktuellen Theater um Trumps Strafzölle glaubt, es gehe ernsthaft um die Sicherheit Grönlands, glaubt auch, Zitronenfalter falteten Zitronen. Grönland ist der Vorwand. Der eigentliche Konflikt heißt Macht, Zugriff und die Frage, ob Europa endlich aufhört, sich behandeln zu lassen wie ein geopolitischer Untermieter.

Die USA haben Grönland seit dem Zweiten Weltkrieg fest im Griff. Militärisch, vertraglich, faktisch. Das Abkommen von 1951 zwischen Dänemark und den USA war kein partnerschaftlicher Verteidigungsvertrag, sondern ein Blankoscheck. Washington durfte tun, was es wollte – und darf es bis heute. Wer von „grönländischer Souveränität“ spricht, sollte vorher einen Blick auf die Landkarte der amerikanischen Militärpräsenz werfen.

Das eigentlich Absurde: Ausgerechnet unter Donald Trump wurde diese militärische Präsenz zurückgefahren. Weniger Basen, weniger Interesse, weniger strategische Aufmerksamkeit. Kein Präsident vor ihm hat sich real so wenig um die Verteidigung Grönlands geschert. Und nun soll ausgerechnet dieser Mann plötzlich Alarm schlagen? Das ist keine Sicherheitspolitik. Das ist Nebelkerzenwerfen.

Der Hintergrund ist ein anderer – und er ist schmutziger. Trumps politisches und finanzielles Umfeld ist längst tief in Grönland engagiert. Rohstoffe, Wasser, Infrastruktur, Zukunftsphantasien. Lithium, Kobalt, Kupfer, seltene Erden. Süßwasser als Handelsware. Libertäre Siedlungsprojekte für Milliardäre mit Zivilisationsfluchtfantasien. Grönland ist kein fremdes Land, das man den USA „wegnehmen“ müsste. Es ist längst Teil ihres ökonomischen Hinterhofs.

Und trotzdem eskaliert Trump rhetorisch. Warum? Weil Eskalation für ihn ein Geschäftsmodell ist. Drohen, überziehen, Chaos erzeugen – und schauen, wer zuerst einknickt. Jahrelang hat Europa genau das getan: beschwichtigt, relativiert, Zeit gekauft. Bloß keinen Streit mit Washington, bloß keine klare Kante.

Das Ergebnis ist bekannt. Trump hat gelernt: Europa schluckt fast alles.

Europas Gegenzölle: Ein Test der Ernsthaftigkeit

Dass sich daran jetzt etwas ändert, ist keine Eskalation, sondern überfällige Selbstkorrektur. Die geplanten Gegenzölle der EU sind kein Zeichen von Aggression, sondern ein Test: Meint Europa es diesmal ernst – oder bleibt es beim symbolischen Stirnrunzeln?

93 Milliarden Euro klingen beeindruckend. Tun aber den USA nur begrenzt weh. Ein paar Agrarprodukte, etwas Industrie, ein bisschen Symbolik. Wirklich schmerzhaft wäre etwas anderes: der Angriff auf die digitale Abhängigkeit Europas. Plattformen, Clouds, Datenströme. Genau dort sitzen Trumps Sponsoren, Profiteure und ideologischen Weggefährten. Genau dort liegt der Hebel, den Europa bisher nicht anzufassen wagt.

Andere haben vorgemacht, wie man mit Trump umgeht. China hat nicht appelliert, nicht gewarnt, nicht moralisiert. Es hat reagiert. Zoll gegen Zoll, Exportstopps bei kritischen Rohstoffen – und plötzlich war Ruhe. Trump verlor das Interesse. Nicht aus Einsicht, sondern aus Langeweile.

Dasselbe Muster zeigt sich überall. Große Drohungen gegen Iran, markige Ankündigungen in anderen Weltregionen – sobald Widerstand real wird, wendet er sich dem nächsten Spielzeug zu. Trump ist kein strategischer Denker. Er ist ein Impulsakteur mit kurzer Aufmerksamkeitsspanne.

Das eigentliche Spiel: Europäische Unabhängigkeit

In diesem Kontext ist eine fast beiläufige Bemerkung von Friedrich Merz hochinteressant: Russland sei ein europäisches Land. Kein Kniefall, kein Kurswechsel – aber ein Signal. Europa denkt erstmals wieder laut darüber nach, ob seine Außenpolitik dauerhaft am Tropf amerikanischer Interessen hängen muss.

Denn die unbequeme Wahrheit lautet: Die USA profitieren enorm davon, Europa abhängig zu halten. Militärisch, digital, strategisch. Von Stützpunkten wie Rammstein über Einflusszonen bis an Russlands Grenzen. Sicherheit für Europa bedeutet Kontrolle für Washington.

Dass diese Ordnung ins Wanken gerät, macht Trump nervös. Nicht Grönland ist das Problem, sondern die Möglichkeit, dass Europa lernt, Nein zu sagen.

Der ideologische Lautsprecher im Hintergrund, Steve Bannon, hat es offen ausgesprochen: Nach Grönland könne Kanada folgen. Wer das für irre hält, sollte sich fragen, wie oft man Trump schon für irre gehalten hat – kurz bevor er ernst machte.

Die entscheidende Frage lautet also nicht, ob die EU hart genug reagiert. Sondern ob sie bereit ist, den Konflikt zu Ende zu denken. Gegenzölle sind ein Anfang. Digitale Souveränität wäre der nächste Schritt. Außenpolitische Eigenständigkeit der eigentliche Bruch. Militärische Aufrüstung wäre der falsche Weg – die USA sind technologisch und finanziell so überlegen, dass Europa in einem Rüstungswettlauf nur verlieren kann. Europas Stärke liegt nicht in Panzern und Raketen, sondern in wirtschaftlicher Unabhängigkeit, technologischer Souveränität und dem Mut, eigene Interessen zu vertreten.

Grönland ist dabei nur die Kulisse. Der eigentliche Streit entscheidet sich anderswo: Will Europa endlich ein Akteur sein – oder bleibt es das freundlich lächelnde Spielfeld fremder Interessen?

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