Wer nicht einmal ein Ehrenamt besetzen kann, will jetzt das Rathaus führen. Beverstedt hat Besseres verdient.
Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen. Über ein Jahr lang haben CDU und SPD in Beverstedt es nicht geschafft, einen Ortsvorsteher für den Flecken zu finden. Einen Ortsvorsteher. Das ist ein Ehrenamt. Man gratuliert Senioren zum Geburtstag, hält Kontakt zu Vereinen und gibt Beschwerden an die Verwaltung weiter. Mehr als hundert Termine im Jahr, ja – aber kein Verwaltungsakt, keine Haushaltsverantwortung, kein Personalrecht. Und trotzdem: Fehlanzeige.
Dieselben Parteien, die an dieser Aufgabe gescheitert sind, wollen jetzt den Bürgermeister stellen. Beide. Gleichzeitig. Als wäre nichts gewesen.
Ein Jahr Ortsvorsteher-Vakanz: Die Chronik einer Blamage
September 2023. Der bisherige Ortsvorsteher Jan Ehlers zieht weg. Die SPD, als stärkste Fraktion im Flecken vorschlagsberechtigt, soll einen Nachfolger präsentieren. SPD-Fraktionschef Gerhard Tienken tritt bei der Ratssitzung ans Mikrofon und gibt zu: Man habe niemanden gefunden. Trotz vieler Gespräche. Auch mit Parteilosen. CDU-Fraktionschef Gunnar Böse reagiert verärgert – seine Partei sei nicht einmal gefragt worden.
Dezember 2023. Zweiter Versuch. Diesmal fragt SPD-Vorsitzender Thomas Kößmeier beim CDU-Vorsitzenden Thorben Sommerfeld an, ob die CDU einspringen könne. Sommerfeld signalisiert Bereitschaft. Die Wahl steht auf der Tagesordnung. Doch dann wird die Abstimmung erneut vertagt – in der CDU gibt es „Beratungsbedarf“. Offenbar fühlen sich ältere Parteimitglieder übergangen.
Januar 2024. Die Eskalation. Sommerfeld, 31 Jahre alt, zehn Jahre im Rat, wird von seiner eigenen Partei zurückgepfiffen. Er tritt als CDU-Vorsitzender zurück, verlässt die Partei und zieht sich aus der Politik zurück. Ein junger, engagierter Mensch, verbrannt im Grabenkrieg zweier Parteien, die sich nicht einmal auf einen Ehrenamtlichen einigen können.
Juli 2024. Die Nordsee-Zeitung veröffentlicht eine „nicht ganz ernst gemeinte“ Liste möglicher Kandidaten. Vom Seniorenbeauftragten über die Gleichstellungsbeauftragte bis zur Innenministerin. Am Ende des Artikels steht der Appell an die Leserschaft: Bewerben Sie sich doch selbst. Der Ortsteil Beverstedt – 3.600 Einwohner – hat weiterhin keinen Ortsvorsteher.
Stand heute, Februar 2026: Der Posten ist nach allen verfügbaren Informationen immer noch vakant. Zweieinhalb Jahre ohne Ortsvorsteher im Kernort einer Gemeinde. Das ist kein Pech. Das ist organisiertes Versagen.
Und jetzt? Jetzt wollen sie das Rathaus.
Dezember 2025. Die CDU kürt Gunnar Böse zum Bürgermeisterkandidaten. Einstimmig. Mit Blumen und Applaus. Böse, 50, Diplom-Ökonom, seit 20 Jahren selbstständiger Berater für eine Bausparkasse in der Volksbank-Filiale, seit 2021 CDU-Fraktionschef. Schützenhauptmann. In vielen Vereinen aktiv. Keine Stunde seines Berufslebens in einer Verwaltung verbracht.
Weihnachten 2025. Die SPD zieht nach. Torsten Schröder, 50, leitender Angestellter bei einer Versicherung, aus Lunestedt. Engagiert im Ausschuss für Nachhaltigkeit und im Arbeitskreis Digitalisierung, aktiv bei der Einführung der OrtsApp. Keine Stunde seines Berufslebens in einer Verwaltung verbracht.
Schröder sagt, er habe „bereits einige Ideen und Projekte im Kopf“ und wolle sich „mit möglichst vielen Bürgerinnen und Bürgern austauschen, wie wir unsere Gemeinde künftig noch lebenswerter gestalten können“. SPD-Chef Kößmeier lobt seine „langjährige berufliche Erfahrung in Führungspositionen“. Fraktionschef Bernshausen ergänzt, Schröder könne „empathisch auf Menschen zugehen“.
Ideen. Austausch. Empathie. Lebenswerter gestalten. Das klingt nach Bewerbungsrede für einen Vereinsvorstand, nicht nach Antritt auf einem Verwaltungsposten mit Millionenverantwortung. Kein Wort über Haushaltskonsolidierung. Kein Wort über Vergaberecht. Kein Wort über die offenen Baustellen, die Dieckmann hinterlässt. Stattdessen: Herzensanliegen.
Zwei Kandidaten. Beide parteipolitisch geprägt. Beide ohne Verwaltungshintergrund. Beide wollen ein Amt übernehmen, das der scheidende Bürgermeister Guido Dieckmann mit 43 Jahren Rathauserfahrung ausgefüllt hat.
Dieckmann warnt – und keiner hört zu
Dieckmann selbst hat es gesagt, fast beiläufig, in seinem Abschiedsinterview: „Das könnte sich mit einem neuen, politisch geprägten Bürgermeister jetzt ändern.“ Er meinte die Art, wie er Entscheidungen getroffen hat – nach Sachlage, nicht nach Parteilinie. Eine 60-Stunden-Woche. Haushaltsführung, Vergaberecht, Personal, Flächennutzungsplanung, Energieversorgung, Katastrophenschutz. Das ist kein Vereinsvorstand. Das ist komplexe Verwaltungsarbeit.
Und erinnern wir uns: Die einzige Person mit tatsächlicher Verwaltungserfahrung, die öffentlich gehandelt wurde – Claudia Lühmann, Finanzexpertin und Dieckmanns Stellvertreterin im Rathaus – hat abgewunken. Sie sei in ihrem Job glücklich und wolle dort weitermachen. Verständlich. Aber bezeichnend: Die Verwaltungsleute wissen, was das Amt bedeutet. Die Parteipolitiker offenbar nicht.
Vom Ortsvorsteher zum Bürgermeister: Derselbe Film
Man muss das zusammendenken. Dieselbe SPD, die monatelang keinen Kandidaten für ein Ehrenamt fand, präsentiert jetzt einen Versicherungsangestellten als künftigen Verwaltungschef. Dieselbe CDU, deren internes Machtgerangel einen jungen Vorsitzenden aus der Partei getrieben hat, kürt jetzt ihren Fraktionschef zum Retter der Gemeinde. In Büttelmanns Saal. Mit Blumenstrauß.
Das ist kein Aufbruch. Das ist Muster. Es ist das Muster von Parteien, die Kommunalpolitik als Personalangelegenheit betreiben. Nicht die Frage „Wer kann das?“ steht im Zentrum, sondern „Wer ist dran?“.
Böse sagt: „Ich möchte der Bürgermeister für alle sein.“ Ein schöner Satz. Aber Bürgermeister für alle sein heißt nicht, bei jedem Schützenfest die Hand zu schütteln. Es heißt: Haushaltslöcher stopfen, Vergabeverfahren rechtssicher gestalten, Personal führen, Fördermittel akquirieren, Verwaltungsabläufe organisieren. Jeden Tag. 60 Stunden die Woche.
Beverstedt braucht eine dritte Option
Es muss einen Einwohnerantrag an den Rat der Gemeinde Beverstedt geben, der genau diese Lücke adressiert. Er fordert den Rat auf, sich öffentlich mit den fachlichen Anforderungen an das Bürgermeisteramt auseinanderzusetzen und Kandidaturen mit nachgewiesener Verwaltungserfahrung ausdrücklich zu begrüßen. Das greift in kein Wahlrecht ein. Das schränkt niemanden ein. Es stellt nur eine Frage, die offenbar niemand stellen will: Wer kann dieses Amt tatsächlich ausüben?
Kommunalverwaltung ist kein Experimentierraum. Fehler im Vergaberecht kosten reales Geld. Lücken in der Haushaltsführung treffen reale Menschen. Beverstedt hat ein Defizit von über 2,7 Millionen Euro, offene Großprojekte bei Glasfaser, Wind und Solar, einen Mensaneubau, der nicht rechtzeitig fertig wird, und eine Bedrohungslage, die selbst Dieckmann nicht mehr beiseite schiebt.
In diese Lage schicken CDU und SPD Kandidaten, die Verwaltung bisher aus der Ratssitzung kennen – von der anderen Seite des Tisches. Wer Vergaberecht nie angewandt, Haushaltspläne nie aufgestellt und Personal nie geführt hat, soll das ab Tag eins beherrschen. Nicht in der Theorie. Im laufenden Betrieb. Ihre Verwaltungserfahrung endet am Eingang des Rathauses. Ab der Tür zum Büro des Bürgermeisters beginnt für beide Neuland.
Was Beverstedt jetzt braucht
Am 13. September 2026 wird gewählt. Bis dahin haben die Bürgerinnen und Bürger Zeit, eine Frage zu stellen, die weder CDU noch SPD beantworten wollen: Wer hat die Kompetenz, dieses Amt zu führen? Nicht: Wer ist sympathisch. Nicht: Wessen Partei finde ich besser. Sondern: Wer kann das?
Die Ortsvorsteher-Farce war das Vorspiel. Die Bürgermeisterwahl ist der Hauptakt. Und wenn Beverstedt nicht aufpasst, wird daraus ein Stück, bei dem am Ende alle klatschen – und keiner gemerkt hat, dass der Vorhang längst gefallen ist.
Hinweis: Dieser Beitrag beruht ausschließlich auf der Auswertung öffentlich zugänglicher Berichte der Nordsee-Zeitung, offizieller Ratsdokumente sowie öffentlicher Stellungnahmen der genannten Parteien und Personen. Die analytische Einordnung, Gewichtung und Bewertung der dargestellten Fakten erfolgt durch den Autor. | Carsten Zinn schreibt auf widerdenken.de über Kommunalpolitik, Machtstrukturen und die Fragen, die der Lokaljournalismus nicht stellt.