Wenn Frieden kriegstauglich wird – Die EKD im moralischen Dilemma

Zwischen Kreuz und Kanone – die Evangelische Kirche sucht ihre Friedensrolle. | Bildidee gemeinsam entwickelt mit ChatGPT (OpenAI), umgesetzt nach redaktionellem Konzept von Carsten Zinn.

Die Evangelische Kirche in Deutschland verabschiedet sich von ihrer pazifistischen Tradition. Mit der neuen Friedensdenkschrift unterstützt Ratsvorsitzende Kirsten Fehrs die politische Linie der Aufrüstung – und rückt gefährlich nah an den sicherheitspolitischen Mainstream. Was bleibt vom christlichen Friedensgebot, wenn Waffen wieder salonfähig werden?

In Dresden stellte die Evangelische Kirche ihre neue Friedensdenkschrift vor. Ratsvorsitzende Kirsten Fehrs erklärte, der Schutz vor Gewalt sei „eine gleichberechtigte Dimension des Friedens“. Damit verabschiedet sich die EKD von der pazifistischen Grundhaltung früherer Jahrzehnte.

Was einst unter dem Leitwort „Frieden schaffen ohne Waffen“ stand, wird nun unter das Motto der „Verteidigungsfähigkeit“ gestellt – ein Kurswechsel, der kaum theologisch, sondern vor allem politisch motiviert wirkt.

Fehrs betont zwar, Gewalt müsse „das allerletzte Mittel“ bleiben. Doch genau diese Formel wird längst von Regierungen und Militärbündnissen verwendet, um militärisches Handeln zu rechtfertigen. Wenn die Kirche dieselbe Sprache spricht wie die Politik, verliert sie ihre Unterscheidbarkeit. In einer Welt, in der Bedrohung zur Dauererzählung geworden ist, wird aus der Ausnahme schnell Routine.

Über Jahrzehnte war die Evangelische Kirche ein moralischer Gegenpol zur Machtpolitik. Heute wirkt sie wie deren Begleitmusik. Statt prophetisch zu mahnen, rechtfertigt sie. Statt den Frieden zu verteidigen, verteidigt sie die Verteidigung. Die klare Sprache des Evangeliums wird in die Logik der Sicherheitspolitik übersetzt – und damit entleert.

„Nicht kriegstüchtig, sondern verteidigungsfähig“, sagt Fehrs. Doch diese Unterscheidung hält der Realität kaum stand. Wer Verteidigung aufrüstet, rüstet auch Krieg vor. Je mehr Gewalt als „notwendig“ akzeptiert wird, desto weiter rückt der Frieden in die Ferne.

Die neue Friedensdenkschrift markiert keinen Fortschritt, sondern einen Anpassungsschritt. Sie spiegelt das Denken einer Zeit, die Sicherheit über Gewissen stellt. Wer Aufrüstung als Friedensethik verkauft, hat vergessen, dass die Bergpredigt keine Verteidigungsstrategie ist – sondern eine Zumutung für jede Machtlogik.

widerdenken.de-Impuls

Eine Kirche, die den Kauf von Waffen moralisch rechtfertigt, segnet nicht Waffen – sondern das Denken, das sie nötig macht. Wer Gewalt als notwendiges Übel akzeptiert, verliert den Mut, nach Alternativen zu suchen. Frieden beginnt nicht mit der Bereitschaft zur Verteidigung, sondern mit der Weigerung, das Töten zu legitimieren.

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