Wenn Parteien auf Amateure setzen

Die Nordsee-Zeitung berichtet über einen bemerkenswerten Wandel in der Kommunalpolitik des Landkreises Cuxhaven. Während noch vor wenigen Jahren erfahrene Verwaltungsfachleute für das Bürgermeisteramt kandidierten, treten nun zunehmend Personen ohne entsprechende Qualifikation an. Die Parteien verteidigen diese Entwicklung mit dem Argument, Verwaltungserfahrung sei nicht entscheidend. Diese Position wirft jedoch erhebliche Fragen auf.

Die Verharmlosung fehlender Fachkompetenz

Besonders problematisch erscheint die Argumentation von CDU-Chef Bernd Beckmann, der behauptet, es sei nicht entscheidend, ob jemand Verwaltungsfachmann sei oder nicht. Diese Aussage verharmlost die Komplexität kommunaler Verwaltungsarbeit erheblich. Eine Gemeinde zu führen bedeutet weit mehr als politische Repräsentation. Es geht um Haushaltsplanung, Vergaberecht, Personalführung, Bauordnung und zahlreiche weitere Fachgebiete, die fundiertes Wissen erfordern.

Die angeführten Beispiele erfolgreicher Quereinsteiger wie Christian Grüter aus Schiffdorf können nicht darüber hinwegtäuschen, dass Einzelfälle keine allgemeine Regel begründen. Zudem verfügt ein Rechtsanwalt über juristische Grundkenntnisse, die für Verwaltungsarbeit durchaus relevant sind. Dies unterscheidet seine Ausgangslage erheblich von Kandidaten ohne jeglichen fachlichen Bezug.

Parteitaktik vor Qualifikation

Der Artikel legt nahe, dass die Parteien ihre Strategie weniger aus Überzeugung als aus parteitaktischen Erwägungen geändert haben. Statt weiterhin gemeinsam qualifizierte parteilose Kandidaten zu unterstützen, bevorzugen CDU und SPD nun eigene Bewerber. Diese Entwicklung deutet darauf hin, dass parteipolitische Interessen über die Qualifikation der Kandidaten gestellt werden.

Besonders aufschlussreich ist die Aussage von SPD-Chef Gerrit Michaelsis, der einräumt, dass die Entscheidung für parteigebundene Kandidaten auch damit zusammenhänge, dass sich die Direktwahl eines überparteilichen Bürgermeisters erst etablieren müsse. Diese Formulierung offenbart eine problematische Haltung: Anstatt die bestmöglichen Kandidaten zu suchen, experimentieren die Parteien mit verschiedenen Formaten und nehmen dabei billigend in Kauf, dass möglicherweise weniger qualifizierte Personen gewählt werden.

Die Bürger als Versuchskaninchen

Während die Parteifunktionäre ihre Strategie als moderne Öffnung der Politik verkaufen, tragen die Bürgerinnen und Bürger das Risiko dieser Experimente. Eine Gemeinde ist keine Trainingsplattform für politische Amateure. Die Verwaltung muss professionell geführt werden, unabhängig davon, ob die Parteien gerade ihre organisatorischen Prozesse sortieren.

Der Verweis auf das Amt als Lernumfeld wirkt besonders zynisch. Niemand würde auf die Idee kommen, eine Schule von jemandem ohne pädagogische Ausbildung leiten zu lassen oder ein Krankenhaus von einer Person ohne medizinischen Hintergrund. Warum sollte dies bei einer Gemeindeverwaltung anders sein?

Fehlende journalistische Distanz

Kritisch zu bewerten ist auch die unkritische Darstellung in der Nordsee-Zeitung selbst. Der Artikel gibt die Aussagen der Parteifunktionäre weitgehend unkommentiert wieder, ohne kritisch nachzuhaken. Es fehlt die Perspektive der Verwaltungsmitarbeiter, die mit unerfahrenen Vorgesetzten arbeiten müssen, ebenso wie die Sicht der Bürger, die von den Entscheidungen dieser Bürgermeister direkt betroffen sind.

Die Zeitung hätte auch hinterfragen können, ob es empirische Belege dafür gibt, dass Quereinsteiger ohne Verwaltungshintergrund tatsächlich genauso erfolgreich sind wie Fachleute. Stattdessen werden Einzelbeispiele als Beweis für die Funktionsfähigkeit des neuen Modells präsentiert.

Qualifikation muss zählen

Die Entwicklung im Landkreis Cuxhaven zeigt exemplarisch, wie Parteipolitik zunehmend über fachliche Eignung gestellt wird. Die Argumente der Parteifunktionäre klingen modern und bürgernah, verschleiern jedoch, dass hier eine gefährliche Amateurisierung der Kommunalpolitik stattfindet. Bürgermeisterämter sollten nach Kompetenz und Erfahrung besetzt werden, nicht nach Parteibuch oder politischer Opportunität. Die Bürgerinnen und Bürger haben einen Anspruch auf professionelle Verwaltungsführung, nicht auf parteipolitische Experimente.​​​​​​​​​​​​​​​​

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