Für eine Handvoll Euro weniger – oder: Wenn der Bauernverband auf die Pauke haut

Saisonarbeitskräfte auf einem deutschen Feld. Sie verrichten die körperlich schwerste Arbeit – und sollen nach dem Willen des Bauernverbands künftig weniger als den Mindestlohn erhalten | Bildidee gemeinsam entwickelt mit ChatGPT (OpenAI), umgesetzt nach redaktionellem Konzept von Carsten Zinn.

Mindestlohn steigt 2027 auf 14,60 Euro!“ – so trompetete es die Nordsee-Zeitung jüngst auf Seite eins. Klingt wie eine gute Nachricht. Ein Sieg. Ein Durchbruch. Aber Moment mal – 2027? Wir schreiben das Jahr 2025! Und was da als Erfolg verkauft wird, ist bestenfalls ein Versprechen mit eingebautem Verfallsdatum.

Zwischen Schlagzeile und Wirklichkeit liegen ganze eineinhalb Jahre, steigende Lebenshaltungskosten, Mieten, Energiepreise, Inflation – und für viele Millionen Menschen schlicht die Frage: Wie bezahle ich morgen meine Brötchen? So macht man aus einem späteren Tröpfchen Hoffnung ein heutiges Feuerwerk – Boulevard in Reinform.

Die große Erzählung vom „Mindest“-lohn

Ab 2026 soll der Mindestlohn auf 13,90 Euro steigen, ab Januar 2027 dann auf 14,60 Euro. Doch diese Zahlen täuschen. Denn: Selbst dann wird die gesetzliche Lohnuntergrenze noch immer unter der Armutsgrenze liegen – und deutlich unter dem EU-Ziel von 60 % des Medianlohns. Was die Politik „Schutz“ nennt, ist in Wirklichkeit ein System des institutionellen Lohn-Dumpings.

Und dann kommt der Bauernverband…

…und setzt dem Ganzen die Krone auf. Der Deutsche Bauernverband fordert allen Ernstes: Saisonarbeitskräfte sollen nicht einmal den vollen Mindestlohn bekommen, sondern nur 80 % davon. DBV-Präsident Rukwied meint sogar, das sei gerechtfertigt – schließlich hätten diese Menschen ihren Lebensmittelpunkt nicht in Deutschland.

Ich frage: Seit wann ist der Wohnort ein Argument, Menschenrechte zu beschneiden?

Moderne Ausbeutung – mit Ansage

Saisonarbeiter schuften unter Bedingungen, die man mit dem Begriff „Würde“ nicht mehr in Verbindung bringen kann: Intransparente Verträge, Akkordlöhne, Barzahlungen ohne Abrechnung, Drohungen bei Widerspruch. Und jetzt will man sie auch noch offiziell unter den gesetzlichen Mindestlohn drücken? Das hat nichts mit Landwirtschaft zu tun. Das ist organisierte Ausbeutung.

Wer profitiert wirklich?

Nicht die Bauern. Nicht die Arbeiter. Die wahren Profiteure sind die großen Supermarktketten. Über 85 % des Marktes teilen sich Aldi, Lidl, Edeka & Co. Sie diktieren die Einkaufspreise – und der Preisdruck wandert die Kette hinunter bis auf die Felder. Dort wird er zu Schweigen, Müdigkeit und Unrecht.

Politik zwischen Formelkompromiss und sozialem Offenbarungseid

Die Mindestlohnkommission nennt ihr Ergebnis einen „Kompromiss“. Tatsächlich ist es ein Verschiebebahnhof der Verantwortung: Die Politik lobt sich für angebliche Entlastung, während Millionen Menschen aufstocken müssen oder zwei Jobs brauchen, um über die Runden zu kommen.

Und jetzt? Jetzt wird der „Aufschub bis 2027“ verkauft wie ein warmer Regen, der vielleicht irgendwann fällt – während es heute schon brennt.

Mein Fazit – und eine Frage

Wenn die Schlagzeile mehr verspricht als die Realität hält, wenn ein gesetzlicher Mindestlohn nicht mal das Minimum absichert, und wenn ausgerechnet die, die das Essen auf unsere Tische bringen, dabei selbst hungern – dann läuft etwas gewaltig schief.

Und Du? Glaubst Du noch an soziale Gerechtigkeit – oder nur noch an gute PR?

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Autor: Carsten Zinn WIDERDENKEN.DE.
Für Quellen, Daten oder Hintergründe zur Lohnpolitik, schreib mir gern – ich teile gerne, was ich weiß.

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