Thomas Klaus war dabei. Er hat geschaut, fotografiert, Zitate aufgenommen. Und dann hat er geschrieben, was ihm die Beteiligten gesagt haben. Das nennt die Nordsee-Zeitung Journalismus. Es ist keiner.
Was auf Seite 15 der Ausgabe vom 15. April erschienen ist, trägt zwar einen Autorennamen und ein Foto – mehrere sogar, schön aufgereiht, Bagger, Vogelperspektive, Männer in Warnwesten. Aber der Text darunter ist eine Pressemitteilung. Nur eben mit Byline. Oberbürgermeister Santjer lobt Minister Tonne, Tonne nennt das Ganze einen „echten Meilenstein“, Banik zitiert eine Managementweisheit über die Summe der Einzelmaßnahmen, und Thomas Klaus schreibt das auf. Fertig. Gedruckt. Ausgeliefert.
300 Millionen Euro öffentliche Mittel fließen in den Ausbau der Liegeplätze 5 bis 7. Wer zahlt das letztlich? Keine Frage. Siemens-Gamesa, ein Konzern mit Hauptsitz in Madrid, profitiert von einem öffentlich finanzierten Hafen. Interessant? Offenbar nicht. Santjer kündigt 1.500 bis 2.000 neue Arbeitsplätze an und nennt das „historisch“. Zu welchen Bedingungen diese Jobs entstehen sollen, welche Lohngruppen, ob Leiharbeit oder Festanstellung – kein Wort. Prognosen von Politikern auf Presserundgängen sind Marketingsprache. Ein Journalist fragt nach der Grundlage. Hier fragt niemand.
Und dann ist da noch die Überschrift. „Hätten wir uns nicht leisten können“ – Santjers Satz über die Sanierung der „Alten Liebe“ für 5,5 Millionen Euro. Ein Oberbürgermeister rahmt öffentliche Mittel als persönlichen Gunstbeweis, und die Zeitung macht daraus den Titel. Warum kann sich eine Stadt wie Cuxhaven solche Maßnahmen nicht aus eigener Kraft leisten? Was sagt das über die kommunale Finanzsituation in diesem Land aus? Diese Fragen stellt der Artikel nicht. Er macht das Zitat zur Botschaft: Seht her, das Land schenkt uns etwas. Seid dankbar.
Das ist kein Versagen eines einzelnen Redakteurs. Thomas Klaus macht vermutlich das, was von ihm erwartet wird – und das in einer Redaktion, die personell so ausgedünnt ist, dass für echte Recherche schlicht keine Zeit bleibt. Das Muster ist strukturell: Politiker besuchen eine Baustelle, Journalist begleitet sie, Artikel erscheint. Keine anderen Stimmen, keine kritische Einordnung, keine Fragen, die unangenehm werden könnten. Nur das Narrativ der Beteiligten, sauber in Fließtext übersetzt.
Dafür gibt es einen Begriff in der Medienkritik: Stenografie-Journalismus. Der Reporter notiert, was gesagt wird – und verkauft das als Berichterstattung. Die Leserinnen und Leser erfahren, was die Handelnden wollen, dass sie wissen. Nicht mehr.
Die Nordsee-Zeitung ist nicht die einzige Zeitung, die so arbeitet. Aber sie ist die Zeitung dieser Region. Und wer hier lebt, hat kein zweites Blatt, das nachfragt.
Carsten Zinn schreibt auf widerdenken.de u. a. über Medienkritik und den Zustand des Regionaljournalismus.