Ich bin Rentner. Seit elf Monaten. Und in diesen elf Monaten habe ich eines gelernt: In diesem Land ist man als Rentner entweder ein Kostenfaktor oder eine Zielgruppe. Ein Mensch, dem man zuhört, ist man nicht.
Abends laufen die Nachrichten. Krieg, Krise, Konjunkturdelle. Dazu die Empfehlung, Vorräte anzulegen und ein Kurbelradio zu kaufen. Wer das jeden Abend hört, zieht irgendwann den Kopf ein. Genau das ist gewollt. Wer Angst hat, rechnet nicht nach. Und nachrechnen ist das Erste, was ich hier tun will.
42,40 Euro sind kein Geschenk
Zum 1. Juli sind die Renten um 4,24 Prozent gestiegen. Die Überschriften klangen, als hätte uns das Kanzleramt persönlich einen Scheck geschickt. Rechnen wir: Wer 1.000 Euro Rente hat, bekommt 42,40 Euro mehr. Brutto.
Davon gehen Kranken- und Pflegeversicherung ab. Gleichzeitig drehen die Krankenkassen an ihren Zusatzbeiträgen. Und manche, die bisher knapp unter dem Grundfreibetrag lagen, werden durch die Erhöhung erstmals steuerpflichtig. Was am Ende auf dem Konto landet, hat mit der Schlagzeile wenig zu tun.
Auf der anderen Seite der Rechnung stehen der Supermarkt, die Tankstelle, die Heizkostenabrechnung. Im September lag die Inflation bei 3,3 Prozent. Jahreshöchststand, meldet das Statistische Bundesamt. Energie war schon im August mehr als zehn Prozent teurer als ein Jahr zuvor.
Wer auf dem Dorf lebt, weiß, was das bedeutet. Hier kommt man ohne Auto nicht zum Arzt, nicht zur Apotheke, nicht zum Einkaufen. Der Bus fährt, wenn er fährt. Die Bundesregierung antwortet seit dem 1. Oktober mit einem neuen Tankrabatt. Der hilft am meisten dem, der am meisten verfährt. Wer wenig hat und wenig fährt, bekommt Kleingeld zurück.
Länger arbeiten für die, die früher sterben
Im Juni hat die Rentenkommission der Regierung ihre 33 Vorschläge übergeben. Kanzler Merz und die damalige Arbeitsministerin Bas haben angekündigt, sie zügig und vollständig umzusetzen. Der Kern: Ab 2032 soll das Renteneintrittsalter an die steigende Lebenserwartung gekoppelt werden. Die abschlagsfreie Rente nach 45 Beitragsjahren soll fallen. Der Gesetzentwurf soll noch in diesem Jahr ins Kabinett und im ersten Quartal 2027 durch den Bundestag.
Klingt nach Mathematik. Ist es nicht. Die Lebenserwartung, mit der hier gerechnet wird, ist ein Durchschnitt, und dieser Durchschnitt lügt. Wer wenig verdient, stirbt früher. Das ist keine Parole, das ist seit Jahren durch Studien belegt. Wer das Rentenalter an den Durchschnitt koppelt, lässt den Dachdecker und die Altenpflegerin für die Lebenserwartung des Notars mitarbeiten.
Sagen Sie, Herr Merz: Haben Sie schon einmal einen Maurer mit 66 auf dem Gerüst gesehen? Und Sie, Herr Schweitzer, seit gut zwei Wochen Arbeitsminister: Wie erklären Sie einer Verkäuferin nach 45 Jahren im Schichtdienst, dass sie länger arbeiten soll, weil der Bundesdurchschnitt älter wird?
Es gibt Widerstand. Die Kommentarseite findet ihn lästig.
Gestern hat der DGB den Abschlussbericht seiner eigenen Rentenkommission vorgelegt. Ein Gegenentwurf zur Regierung: Das Rentenniveau soll von 48 auf 50 und später auf 53 Prozent steigen. Keine Anhebung des Rentenalters, kein Ende der abschlagsfreien Rente nach 45 Jahren. Selbstständige und Abgeordnete sollen in die gesetzliche Rente. Bezahlt werden soll das über leicht höhere Beiträge, einen höheren Bundeszuschuss und Steuern auf große Vermögen und Kapitalerträge. DGB-Chefin Yasmin Fahimi hält dagegen, dass die Lebenserwartung langsamer steigt als das Rentenalter nach den Plänen der Regierung.
Und was macht die Nordsee-Zeitung daraus? Heute steht dort ein Kommentar von Birgit Marschall aus dem Berliner Büro. Ihr Urteil über das DGB-Konzept: eine „Wünsch Dir was“-Liste. Eine Vermögensteuer sei verfassungsrechtlich problematisch. Höhere Steuern auf Kapitalerträge und höhere Arbeitgeberbeiträge brächten nur Kapitalflucht, weniger Investitionen und noch mehr Jobabbau.
Das ist ein Skandal. Da sitzen Menschen beim Frühstück, die seit Monaten nicht wissen, ob ihre Rente noch reicht. Sie schlagen ihre Heimatzeitung auf und lesen, dass ihre Sorgen ein Wunschzettel sind. Wer so schreibt, nimmt die Ängste der Rentnerinnen und Rentner nicht ernst. Er erklärt sie für naiv. Und er übernimmt dabei eins zu eins die Argumente der Arbeitgeberverbände.
Verfassungsrechtlich problematisch? Die Vermögensteuer steht im Grundgesetz. Artikel 106 regelt ausdrücklich, dass ihr Aufkommen den Ländern zusteht. Das Bundesverfassungsgericht hat 1995 nicht die Steuer verworfen, sondern die ungleiche Bewertung von Vermögen. Seitdem wird sie schlicht nicht mehr erhoben. Das ist keine Verfassungsfrage. Das ist eine Machtfrage.
Und die Kapitalflucht? Diese Drohung hören wir bei jeder Forderung nach Gerechtigkeit. Im Klartext heißt sie: Die großen Vermögen bestimmen, was der Verkäuferin in Beverstedt im Alter zusteht. Wem nützt dieser Kommentar? Uns jedenfalls nicht.
Und das Geld reicht angeblich nicht? Im Haushaltsentwurf für 2027 stehen 109,7 Milliarden Euro für die Bundeswehr, gut 27 Milliarden mehr als im Vorjahr. Dazu kommen rund 30 Milliarden aus dem Sondervermögen, auf Pump. Zusammen etwa 140 Milliarden. Jeder fünfte Euro des Bundeshaushalts geht ans Militär. Gekürzt wird derweil bei der Entwicklungshilfe. Für Panzer ist das Geld da. Für die Rente soll es nicht reichen.
Dieses Geld fliegt in die Vorbereitung auf Kriege, die niemandem nützen außer den Rüstungskonzernen. Kriege bringen Unheil und Leid auf allen Seiten, für die Menschen in den Schützengräben genauso wie für die, die zu Hause die Rechnung bezahlen. Krieg ist, um es deutlich zu sagen, Scheiße. Daran ändert auch der größte Wehretat nichts.
Schärfer und ehrlicher liest sich, was Niki Uhlmann heute in der jungen Welt schreibt. Er rechnet vor: Wer 45 Jahre lang Vollzeit zum Durchschnittslohn arbeitet, kommt auf rund 1.600 Euro Nettorente. Das liegt knapp über der Armutsschwelle von 1.445 Euro. Selbst das erreicht heute nur jeder dritte Rentner. Seit der Riester-Reform ist das Rentenniveau von 53 auf 48 Prozent gefallen.
Uhlmann kritisiert den DGB von links. Die verpflichtende Betriebsrente, zwei Prozent vom Bruttolohn, die die Tarifparteien am Kapitalmarkt anlegen sollen, sei am Ende auch nur Kapitalrente, bloß unter Gewerkschaftsaufsicht. Und der DGB trete „handzahm“ auf: Wer dem Kapital Angebote macht, statt Bedingungen zu stellen, dürfe sich über eine Absage nicht wundern.
Da hat er recht. Aber das Wichtigste zuerst: Es gibt diesen Widerstand. Es gibt einen Gegenentwurf, eine Gegenrechnung, eine Stimme, die nicht im Takt von Kanzleramt und Kommentarseite spricht. Den muss man stärken, nicht kleinschreiben. Und dort schärfen, wo er zu zahm ist.
Jung gegen Alt? Das ist die falsche Front.
Wer die Debatten der letzten Monate verfolgt, lernt ein neues Feindbild kennen: den Rentner, der den Jungen die Zukunft wegfrisst. Die Boomer, die angeblich alles hatten und jetzt die Kasse leeren.
Ich kenne diese Rentner nicht. Ich kenne Leute, die vierzig Jahre eingezahlt haben und heute überlegen, ob die Heizung im Schlafzimmer wirklich an sein muss. Ich kenne Junge, die zwei Jobs haben und trotzdem keine bezahlbare Wohnung finden. Die stehen nicht gegeneinander. Die stehen auf derselben Seite.
Und wer das sagt, gilt schnell als Wutbürger. Als jemand, dem man mit Haushaltsdisziplin und Generationengerechtigkeit erklären muss, warum er falsch empfindet. Man redet über uns. Mit uns redet keiner.
Die eigentliche Trennlinie verläuft woanders. Beamte und Abgeordnete zahlen nicht in die gesetzliche Rente ein, viele Selbstständigeauch nicht. Wer gut verdient, zahlt oberhalb der Beitragsbemessungsgrenze keinen Cent mehr. Darüber redet man ungern. Lieber lässt man Oma und Enkel gegeneinander antreten. Wem nützt das? Denen, die bei diesem Streit nie gefragt werden, was sie beitragen.
Angst macht leise. Genau deshalb.
Ja, die Lage ist ernst. Aber Angst ist kein Naturereignis. Sie wird gemacht, verstärkt, bewirtschaftet. Wer sich jeden Abend vor dem nächsten Blackout fürchtet, fragt nicht mehr, warum sein Rentenalter steigt. Wer seine Vorräte zählt, zählt nicht nach, wer eigentlich zahlt.
Deshalb ist Lebensfreude in diesen Zeiten keine Privatsache. Sie ist eine Form von Widerstand. Wer sich das Lachen nicht nehmen lässt, den Kaffee mit dem Nachbarn, das Fest im Dorfgemeinschaftshaus, der lässt sich auch nicht so leicht einschüchtern. Wer Freude hat, hat Kraft. Und Kraft braucht man, um sich zu wehren.
Wütend sein, ja. Zuschlagen, nein.
Die Wut ist da. Auf der Straße, am Küchentisch, im Gewerkschaftshaus. Und sie ist berechtigt.
Protest ist kein Störfall der Demokratie. Er steht im Grundgesetz. Artikel 8 garantiert die Versammlungsfreiheit, Artikel 20 nennt die Bundesrepublik einen sozialen Bundesstaat. Wer gegen eine Rentenpolitik auf die Straße geht, die dieses Sozialstaatsgebot aushöhlt, verteidigt die Verfassung. Er greift sie nicht an.
Aber eine Grenze gilt ohne Ausnahme: Gewalt. Das Grundgesetz schützt Versammlungen, die friedlich und ohne Waffen stattfinden, und das aus gutem Grund. Wer Menschen angreift oder Andersdenkende bedroht, liefert genau die Bilder, mit denen man jede berechtigte Forderung erschlagen kann. Er hilft damit nur denen, die er bekämpfen will.
Kein Vorratskeller ersetzt den Nachbarn
Eine Konservendose hat noch keine Rentenreform verhindert. Was etwas verändert, sind Menschen, die sich zusammentun. Im Sozialverband, in der Gewerkschaft, im Gemeinderat, am Gartenzaun. Wer allein Angst hat, wird klein. Wer gemeinsam wütend ist, wird gehört.
Alle zahlen ein. Punkt.
Ich verlange nichts Utopisches. Eine Rentenversicherung, in die alle einzahlen, auch Beamte und Abgeordnete. Eine deutlich höhere Beitragsbemessungsgrenze. Kein Rentenalter, das sich nach dem Durchschnitt richtet, während die Kleinverdiener vor dem Durchschnitt sterben. Und eine Politik, die den Menschen zuhört, bevor sie über sie redet. Der DGB hat gestern ein Konzept vorgelegt, das in diese Richtung geht. Es ist nicht radikal genug, aber es ist ein Anfang.
Und an die Bundesregierung und an die Redaktionen, die ihr den Rücken freihalten: Hören Sie auf, gegen die Menschen zu arbeiten, von deren Beiträgen, Steuern und Abonnements Sie leben. Wir sind nicht das Problem. Wir sind die, die den Laden am Laufen gehalten haben.
Bis dahin gilt: Lasst euch nicht einreden, ihr wärt das Problem. Lasst euch nicht gegen eure Kinder ausspielen. Und lasst euch die Freude nicht nehmen. Die brauchen wir noch. Für den langen Atem.
Dieser Beitrag beruht auf der Auswertung öffentlich zugänglicher Berichte des Statistischen Bundesamtes, von ZDFheute, t-online, der Stuttgarter Zeitung, cash-online, der Bundesregierung, der IPPEN-Mediengruppe zum Haushaltsentwurf 2027, der jungen Welt (29.10.2026) und der Nordsee-Zeitung (29.10.2026, kostenpflichtig). Die analytische Einordnung, Gewichtung und Bewertung der dargestellten Fakten erfolgt durch den Autor. | Carsten Zinn schreibt auf widerdenken.de über Rente, Sozialpolitik und die Frage, wer die Rechnung zahlt.