Die Nordsee-Zeitung widmet Landrat Krüger eine ganze Seite – und vergisst dabei das Fragen. Auf derselben Seite fordert die Autorin mehr Steuergerechtigkeit. Nur bei Krüger traut sie sich nicht.
650 Euro am Tag – und Krüger redet von Hubschraubern
Auf Seite 15 der Nordsee-Zeitung vom 21. Mai 2026 stehen zwei Texte nebeneinander, die zusammengehören, ohne dass die Redaktion es merkt. Links erzählt Inga Hansen in ihrer „Moin“-Kolumne von einem Unternehmer auf Sylt, der sein Ferienhaus für 650 Euro am Tag vermietet – und sich beklagt, wenn fremde Leute darin wohnen. Hansen findet klare Worte: Eine Vermögenssteuer würden die Super-Reichen kaum spüren, aber dem Staat und den Normalverdienern würde sie helfen. Damit es „wenigstens wieder ein bisschen gerechter zugeht“.
Rechts daneben interviewt dieselbe Inga Hansen den Landrat Thorsten Krüger über die Zukunft der Krankenhäuser in der Region. Und vergisst alles, was sie links gerade geschrieben hat. Keine Frage nach Finanzierung. Keine Frage nach Privatisierung. Keine Frage, wer profitiert und wer zahlt. Stattdessen darf Krüger eine ganze Zeitungsseite lang Visionen ausbreiten, ohne dass eine einzige davon auf Substanz geprüft wird.
Das Nebeneinander dieser beiden Texte ist unfreiwillig entlarvend. Hansen kann Verteilungsfragen stellen – aber nur, wenn der Reiche ein namenloser Unternehmer auf Sylt ist. Sobald er Landrat heißt und SPD-Parteibuch hat, hört die kritische Distanz auf.
Eine ganze Zeitungsseite für eine hohle Nuss
Headline: „Liegt in der Krise eine Chance?“ Es ist die Art Überschrift, bei der man schon am Fragezeichen erkennt, dass niemand eine Antwort geben will. Hansen lässt Krüger reden. Über Visionen, Dialoge, Zukunft. Über einen Rettungshubschrauber, der Tag und Nacht fliegen soll. Über „zwei moderne Krankenhäuser“ in der Region. Klingt nach Aufbruch. Ist aber Nebel.
Was Hansen nicht fragt: Herr Krüger, was genau haben Sie in den zweieinhalb Jahren seit Ihrem Amtsantritt am 1. Januar 2023 für die Krankenhausversorgung im Südkreis getan? Die Antwort steht implizit im Artikel selbst: nichts Messbares. Keine offizielle Gesprächsanfrage an den Magistrat in Bremerhaven. Keine belastbare Planung. Stattdessen wurde er „von Einzelnen am Rande von Veranstaltungen“ auf das Thema angesprochen. Am Rande. Von Einzelnen. Das ist der Stand nach dreißig Monaten im Amt.
Der Hubschrauber: eine Ersatzhandlung mit Rotorblättern
Krügers neueste Idee: ein Rettungshubschrauber, stationiert in Nordholz, rund um die Uhr einsatzbereit. Das klingt nach Entschlossenheit. Aber es ist das Gegenteil. Ein Hubschrauber ersetzt kein Krankenhaus – er kompensiert das Fehlen eines Krankenhauses. Wer in Beverstedt oder Lamstedt einen Herzinfarkt erleidet, braucht kein Fluggerät, das ihn nach Bremerhaven oder Hamburg bringt. Er braucht eine Notaufnahme, die er in zwanzig Minuten erreicht.
Über die Kosten schweigt Krüger. Ein 24/7-Rettungshubschrauberbetrieb kostet mehrere Millionen Euro im Jahr. Personal, Wartung, Infrastruktur. Wer bezahlt das? Der Landkreis, der schon jetzt Haushaltsdefizite von 20 Millionen Euro vor sich herschiebt? Das Land Niedersachsen, das bei der Krankenhausfinanzierung seit Jahren auf Tauchstation ist? Im Artikel steht dazu: nichts.
Die Hubschrauber-Idee hat eine klare Funktion: Sie simuliert Handeln, ohne etwas zu verändern. Sie ist das kommunalpolitische Äquivalent eines PowerPoint-Slides mit der Überschrift „Vision 2030“.
Zwei Krankenhäuser – aber welche?
Krügers „Zukunftsvision“: zwei moderne Krankenhäuser in der Region, eines in Bremerhaven, eines im Landkreis. Das ist der einzige konkrete Satz im ganzen Artikel. Und er wirft mehr Fragen auf, als er beantwortet.
Im Landkreis gibt es derzeit zwei Krankenhäuser: die private Helios-Klinik in Cuxhaven und das kommunale Krankenhaus in Otterndorf, das der Kreis 2021 aus der Insolvenz zurückgekauft hat und das seitdem über sechs Millionen Euro Defizit pro Jahr einfährt. Erst im März 2025 hat der Kreistag beschlossen, auch die letzten Anteile der Samtgemeinde Land Hadeln zu übernehmen. Wenn Krüger von „einem“ Krankenhaus im Landkreis spricht – meint er dann, dass Otterndorf geschlossen wird? Oder Cuxhaven? Was passiert mit den Beschäftigten?
Hansen fragt nicht nach. Krüger darf stattdessen sagen: „Ein Krankenhaus könne natürlich auch zwei Standorte haben.“ Und: „Wir wollen nichts kaputt machen.“ Das ist die klassische Beruhigungsformel, kurz bevor etwas kaputt gemacht wird. Wer so redet, hat entweder keinen Plan oder will den Plan nicht offenlegen. Beides ist schlecht.
Privatisierung: das Wort, das niemand ausspricht
Die Geschichte der Krankenhausversorgung in der Region ist eine Geschichte gescheiterter Privatisierungen. Das Kreiskrankenhaus Otterndorf wurde 2005 privatisiert, dann mehrfach weiterverkauft, 2021 meldete es Insolvenz an – der Kreis musste es zurückkaufen. In Bremerhaven verkaufte die DRK-Stiftung Krankenanstalten Wesermünde 2014 ihre drei Kliniken an den Schweizer Konzern AMEOS – gegen den Widerstand von Beschäftigten, die vor dem Stiftungsgebäude demonstrierten. Zehn Jahre später machte AMEOS das Klinikum Mitte dicht. Helios betreibt die Klinik in Cuxhaven – privat, ohne demokratische Kontrolle über Investitionen, Personalschlüssel oder Versorgungsauftrag.
Die SPD trägt an dieser Geschichte mehr Verantwortung, als ihr lieb sein kann. In Bremerhaven erklärte die SPD-Politikerin Sybille Böschen 2014, kommunale Kliniken seien „so gut wie nicht mehr in der Lage, schwarze Zahlen zu produzieren“ – das war die Kapitulationserklärung vor dem Privatisierungsdruck. Im Landkreis Cuxhaven trugen SPD und CDU die Privatisierung von Otterndorf gemeinsam mit. Dieselbe SPD, deren Parteibuch Krüger heute in der Tasche hat.
Ob das Modell „privater Krankenhausträger“ in dieser Region gescheitert ist – diese Frage stellt niemand. Nicht Krüger, nicht Hansen, und auch nicht die CDU im Kreistag. Die Bilanz liegt offen: Zwei von drei Privatisierungen sind in der Insolvenz oder der Schließung gelandet. Das ist kein Pech. Das ist Systemversagen.
Bremerhaven soll zahlen – aber nur in der Krise
Krügers Aussage zur Kostenbeteiligung ist auf den ersten Blick fair: Eine Beteiligung bedeute, „dass man in guten wie in schlechten Zeiten an einem Strang zieht“. Richtig. Aber dieser Satz funktioniert in beide Richtungen. Auch der Landkreis Cuxhaven hat sich in den Jahren, in denen Reinkenheide schwarze Zahlen schrieb, nicht um eine strukturelle Kooperation bemüht. Krüger beklagt ein Versäumnis, an dem er selbst beteiligt ist.
Und er lenkt ab. Die eigentliche Frage ist nicht, ob Niedersachsen sich an einem Bremer Krankenhaus beteiligt. Die eigentliche Frage ist: Warum hat der Landkreis Cuxhaven, der rund die Hälfte der Patienten in Reinkenheide stellt, seit Jahrzehnten keine eigene Strategie für die stationäre Versorgung im Südkreis? Warum ist ein privates Krankenhaus in Cuxhaven, ein defizitäres Kleinkrankenhaus in Otterndorf und das faktische Outsourcing nach Bremerhaven nach zweieinhalb Jahren Amtszeit immer noch der Stand?
Immerhin: Bereits im Dezember 2025 hatten die Bremerhavener Koalitionsfraktionen aus SPD, CDU und FDP Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard aufgefordert, Gespräche mit Niedersachsen über eine gemeinsame Krankenhausplanung aufzunehmen – bis hin zu einem gemeinsamen Klinikneubau. Aber von der niedersächsischen Seite, also von Krüger? Funkstille.
Hansen kann es – wenn sie will
Das Erstaunliche an dieser Zeitungsseite ist, dass Inga Hansen in der „Moin“-Kolumne beweist, dass sie Verteilungsfragen stellen kann. Sie beschreibt den Unternehmer auf Sylt mit seinen zwei Häusern, seiner Privatmaschine, seinem Boot in Flensburg. Sie fragt, ob er wirklich nach Malta fliehen würde, wenn er mehr Steuern zahlen müsste. Und kommt zu einem klaren Schluss: „Dem Staat und den Normalverdienern würde sie richtig helfen.“
Das ist die Hansen, die es auch im Krüger-Artikel gebraucht hätte. Die Frau, die fragt: Wer profitiert? Wer zahlt? Ist das gerecht? Aber bei Krüger bleiben die Fragen aus. Dort gibt es keine Konfrontation, keinen Widerspruch, keine Nachfrage. Der Unternehmer auf Sylt ist weit weg und hat keinen Pressesprecher. Der Landrat sitzt nebenan und vergibt Interviews. Vielleicht liegt darin das Problem.
Wem nützt das?
Krüger nützt das, weil er als handlungsfähiger Gestalter erscheint, ohne handeln zu müssen. Der CDU nützt es, weil die Privatisierungsfrage nicht gestellt wird. Helios nützt es, weil der Status quo in Cuxhaven unangetastet bleibt. Und der Nordsee-Zeitung nützt es, weil eine ganze Seite gefüllt ist, die niemanden vor den Kopf stößt.
Wem es nicht nützt: den Menschen im Südkreis, die im Notfall auf ein Krankenhaus angewiesen sind, das entweder in einer anderen Stadt oder in einer anderen Haushaltskrise steckt. Den Beschäftigten in Otterndorf, die seit Jahren im Ungewissen arbeiten. Den Patientinnen und Patienten, die „Neues denken“ nicht essen können, wenn die nächste Notaufnahme eine Dreiviertelstunde entfernt ist.
Und den Normalverdienern, über die Hansen so treffend in ihrer Kolumne schreibt. Denn am Ende ist die Krankenhausfrage eine Verteilungsfrage. Wer Kliniken privatisiert, verteilt Gewinne nach oben und Risiken nach unten. Wer Hubschrauber verspricht statt Strukturen zu schaffen, verteilt Hoffnung statt Versorgung. Und wer eine ganze Zeitungsseite füllt, ohne diese Zusammenhänge sichtbar zu machen, verteilt Nebel statt Information.
Dieser Beitrag beruht auf der Auswertung eines Artikels und einer Kolumne der Nordsee-Zeitung vom 21. Mai 2026 (Autorin: Inga Hansen) sowie öffentlich zugänglicher Informationen zur Krankenhausversorgung im Landkreis Cuxhaven und in Bremerhaven. Die analytische Einordnung, Gewichtung und Bewertung der dargestellten Fakten erfolgt durch den Autor. | Carsten Zinn schreibt auf widerdenken.de über Gesundheitspolitik und kommunale Daseinsvorsorge im Landkreis Cuxhaven.