60.000 Besucher – und keine einzige kritische Stimme

Wie Berichterstattung über die Bundeswehr in Nordholz politische Deutungsmuster verstärkt und gesellschaftliche Kontroversen unsichtbar macht

Wie Berichterstattung über die Bundeswehr in Nordholz politische Deutungsmuster verstärkt und gesellschaftliche Kontroversen unsichtbar macht |

Die Bundeswehr rechnet am Tag der Bundeswehr in Nordholz mit 60.000 Besuchern; die Nordsee-Zeitung titelt dazu „Großer Zuspruch für den Standort“. Was als Lokalnachricht daherkommt, ist tatsächlich ein aufschlussreiches Beispiel für den gesellschaftlichen Umgang mit Militär, Sicherheit und Öffentlichkeit – oder vielmehr für das Ausblenden kritischer Diskurse im lokalen Journalismus.

Der Artikel präsentiert ausschließlich positive Stimmen: Die Bundeswehr schaffe Sicherheit, biete Arbeitsplätze, die Flugshow sorge für Begeisterung. Klagen über Lärm gebe es kaum, Zweifel an der Institution sucht man vergeblich. Man kann durchaus so berichten. Doch die Art der Darstellung wirft Fragen auf – vor allem hinsichtlich der journalistischen Sorgfalt und gesellschaftspolitischen Verantwortung.

Entlang der geplanten Ausbauarbeiten für den Standort Nordholz hätte man Vielfalt an Meinungen erwarten dürfen. Gibt es wirklich niemanden, der den militärischen Ausbau kritisch sieht? Niemanden, der die Großveranstaltung als Werbeformat oder die sichtbare Militarisierung der deutschen Politik kritisch hinterfragt? Falls ja, erhält man als Leser davon keinen Eindruck. Die Gesamterzählung ist harmonisch, konfliktfrei – das Militär wird nicht nur als normal, sondern als nahezu unverzichtbar und sympathisch inszeniert.

Gerade darin zeigt sich die eigentliche Funktion solcher Veranstaltungen und ihrer medialen Begleitung: Der Tag der Bundeswehr präsentiert Rüstung, Soldaten und Kampfflugzeuge nicht als Gegenstand politischer Debatte, sondern als Familieevent und Wirtschaftsfaktor. Aus der Institution, deren Zweck letztlich die organisierte Anwendung staatlicher Gewalt ist, wird ein nahbarer Nachbar und Garant für regionale Identität.

Man kann das gutheißen oder kritisieren. Aber eines sollte Journalismus niemals tun: So zu tun, als gäbe es keinen gesellschaftlichen Streit um die Fragen von Aufrüstung, Militarisierung oder den Sinn und Unsinn militärischer Großveranstaltungen. Doch genau das geschieht – das Konflikthafte verschwindet, wird unsichtbar gemacht. Keine Nachfragen nach politischen Hintergründen, keine Suche nach kritischen Stimmen, keine Differenzierung der Argumente.

Die Folge: Berichterstattung wird zur unkritischen Dokumentation von Zustimmung, zur unfreiwilligen Verlängerung einer Akzeptanzkampagne. Dies geschieht nicht durch Falschmeldungen, sondern schlicht durch das sorgfältige Weglassen all dessen, was stören könnte. So funktioniert moderne, gutmeinende Propaganda.

Was bleibt? Wer gesellschaftliche Kontroversen nicht sichtbar macht, produziert keine echte Öffentlichkeit, sondern bestenfalls ein Heimatfest.


Dieser Beitrag beruht auf der Auswertung öffentlich zugänglicher Quellen, darunter Berichte der Nordsee-Zeitung, Informationen des Bundesministeriums der Verteidigung zum Tag der Bundeswehr sowie veröffentlichte NATO-Dokumente zur Landes- und Bündnisverteidigung. Die analytische Einordnung, Gewichtung und Bewertung der dargestellten Fakten erfolgt durch den Autor. | Carsten Zinn schreibt auf widerdenken.de über Militärisierung, regionale Medien und die Normalisierung des Krieges.

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