Lohnverzicht mit Ansage – die IG Metall verhandelt gegen sich selbst

Steuergeld für Panzer, Krümel für die Schrauber

Es gibt Tarifrunden, die man verliert. Und es gibt Tarifrunden, die man verschenkt. Die IG Metall steht in diesen Tagen kurz davor, die zweite Sorte abzuliefern – und das ausgerechnet in einem Jahr, in dem ganze Branchen glänzend verdienen.

Noch ist nichts unterschrieben. Aber die Richtung ist erkennbar. Und sie gefällt mir nicht.

Ein Angebot wie ein Trinkgeld

Die IG Metall fordert fünf Prozent mehr Geld für zwölf Monate. Gesamtmetall antwortet mit einer Einmalzahlung im kommenden Jahr und einer dauerhaften Erhöhung von 1,3 Prozent – ab Juli 2028. Zwanzig Monate Nullrunde, dann ein Krümel. Auf die Laufzeit von 26 Monaten gerechnet sind das nach Berechnung der IG Metall rund 0,6 Prozent pro Jahr. Die Gewerkschaft selbst kalkuliert mit einer Inflation von bis zu drei Prozent.

Machen wir es konkret. Ein Facharbeiter mit 4.000 Euro brutto bekäme ab Sommer 2028 ganze 52 Euro mehr. Brutto. Bis dahin hat die Teuerung ihm ein Vielfaches davon aus der Tasche gezogen.

Wer das unterschreibt, unterschreibt eine Reallohnsenkung. Da gibt es nichts zu interpretieren.

Frau Resch, wer hat Sie darum gebeten?

Und trotzdem kommt das erste Zugeständnis nicht von der Kapitalseite, sondern von der eigenen. Am Donnerstag schlug Barbara Resch, Bezirksleiterin der IG Metall in Baden-Württemberg, vor, dass Beschäftigte in einzelnen Sektoren künftige Investitionen weitgehend selbst finanzieren – über Lohnverzicht. Gemeint ist vor allem die Autoindustrie.

Sagen Sie, Frau Resch: Seit wann gehört es zu den Aufgaben einer Gewerkschaft, die Investitionsplanung von Konzernen aus den Lohntüten ihrer Mitglieder zu bezahlen? Und wer garantiert, dass dieses Geld überhaupt in Deutschland investiert wird?

Südwestmetall-Chef Peter Krause fand, das Treffen habe sich „gelohnt“. Wenn der Verhandlungsführer der Gegenseite zufrieden aus dem Raum geht, weiß man, wer an diesem Tag gewonnen hat. Pikant: Die Verhandlungsführer aus Nordrhein-Westfalen saßen schon mit am Tisch. Am Montag wird dort weiterverhandelt, Resch nennt ihren Vorstoß „breit abgestimmt“. Auch in Niedersachsen und bei uns an der Küste wurde am Freitag verhandelt – noch ohne Ergebnis.

Verzicht hier, Milliarden dort

Die Antwort auf die Frage nach dem Investitionsort liefert Audi gleich selbst. Konzernchef Gernot Döllner kündigte eine Zwei-Milliarden-Investition in den USA an, im Beisein von Donald Trump. Laut Reuters will Audi sein Engagement im Bundesstaat Georgia um weitere drei Milliarden Dollar ausbauen und dort bis 2033 zusätzlich 3.000 Arbeitsplätze schaffen. Schon das geplante Werk bei Macon kostet vier Milliarden Dollar und soll Anfang der 2030er Jahre mit rund 4.500 Beschäftigten 200.000 SUVs im Jahr bauen. Georgia legt dafür Steuervergünstigungen und Zuschüsse in Höhe mehrerer hundert Millionen Dollar oben drauf.

Und in Deutschland? Bosch macht sein Werk in Abstatt dicht, 750 Arbeitsplätze sind weg. Schaeffler nennt den Abbau von 3.460 Stellen in Europa ein „Sparprogramm“. Volkswagen meldet Milliardenverluste.

Das ist die Lage, in der die IG Metall über Lohnverzicht „für Investitionen“ redet. Das Kapital wandert dorthin, wo es subventioniert wird. Die Beschäftigten hier sollen den Umzug mitbezahlen. Wem nützt das? Ganz sicher nicht denen, die in Abstatt ihre Spinde räumen.

Die Krise, die keine ist – jedenfalls nicht überall

Die Arbeitgeber malen schwarz. Die Zahlen tun es nicht. Das Statistische Bundesamt meldet für September ein Plus der Industrieproduktion von 1,7 Prozent gegenüber dem Vormonat. Das gewerkschaftsnahe IMK erklärt die Delle im Sommer bei den Autobauern zu einem spürbaren Teil mit Werksferien. Die Wirtschaftsinstitute haben ihre Prognosen nach oben korrigiert. Und nach Umfragen der IG Metall unter Betriebsräten melden 62 Prozent der Betriebe wieder eine gute bis sehr gute Auslastung.

Luft- und Raumfahrt, Medizintechnik, Elektrotechnik laufen. Und die Rüstung läuft am besten. Laut Maschinenbauverband VDMA rechnet beinahe jede dritte Maschinenbaufirma, die im Verteidigungssektor tätig ist, in diesem Jahr mit mindestens 15 Prozent Wachstum.

Steuergeld für Panzer, Krümel für die Schrauber

Ich halte den Rüstungsboom für einen politischen Irrweg, und ich halte es für einen Fehler, dass die IG Metall ihren Frieden mit ihm gemacht hat. Aber gerade deshalb muss man eines klar aussprechen: Dieses Wachstum wird mit unserem Geld bezahlt. Aus Sondervermögen und Rüstungshaushalten, also aus Steuern. Bei uns im Norden sieht man, wofür Geld da ist. Für den Umbau des Bremerhavener Hafens zur NATO-Drehscheibe 1,35 Milliarden Euro, für einen neuen Marinehafen in Emden noch einmal Milliarden. Für den Bus übers Land, das Krankenhaus, die Schule in Bremerhaven und im Landkreis Cuxhaven: Achselzucken.

Die Gewinne landen bei den Aktionären. Die Kolleginnen und Kollegen in diesen Betrieben sollen sich mit demselben Krümelangebot abspeisen lassen wie alle anderen – begründet mit der Schwäche einer ganz anderen Branche.

Und die IG Metall? Sie fordert in dieser Runde erstmals eine tarifliche Gewinnbeteiligung. Das klingt nach Gerechtigkeit und ist doch eine Falle. Wer am Gewinn beteiligt wird, hängt am Geschäftsmodell – und trägt das Risiko gleich mit. In der Rüstung hieße das: Die Beschäftigten verdienen mit, wenn mehr Panzer bestellt werden, die sie über ihre Steuern selbst bezahlen. In schlechten Jahren geht die Beteiligung gegen null, der Verzicht von heute bleibt. Lohn gehört in die Entgelttabelle. Dauerhaft, für alle, unabhängig davon, was der Vorstand für ein Jahr meldet.

Das Trauma von 2003

Warum knickt eine Gewerkschaft mit über zwei Millionen Mitgliedern so früh ein? Die Antwort liegt mehr als zwanzig Jahre zurück. 2003 streikten die Metaller im Osten für die 35-Stunden-Woche, die im Westen längst galt. Der Streik wurde abgebrochen – auch weil mächtige Betriebsratsfürsten aus der westdeutschen Autoindustrie ihm öffentlich in den Rücken fielen. Es folgte ein Machtkampf an der Spitze, und der Riss ging nicht zwischen oben und unten, sondern quer durch die Organisation.

Und was ist aus den großen Versprechen der Autoindustrie im Osten geworden? Die 35 Stunden mussten seither Betrieb für Betrieb über Stufenpläne erkämpft werden, statt per Flächentarif zu kommen. In Zwickau, dem Vorzeigewerk für die E-Mobilität von Volkswagen, sinkt die Auslastung, Stellen werden abgebaut. In der Gläsernen Manufaktur in Dresden laufen keine Autos mehr vom Band, Beschäftigten wird eine Prämie geboten, wenn sie nach Wolfsburg wechseln. Und VW-Chef Oliver Blume erklärt, die Arbeitskosten an deutschen Standorten seien mehr als doppelt so hoch wie an vergleichbaren europäischen. Das ist die Dankbarkeit, die man sich 2003 mit Wohlverhalten erkauft hat.

Seitdem gilt in der IG Metall eine ungeschriebene Regel: lieber nicht kämpfen als noch einmal verlieren. Ein echter Erzwingungsstreik ist seither nicht mehr organisiert worden. Der Warnstreik ist zum Ritual geworden, zur Kulisse für den Kompromiss, der ohnehin kommt. Und auch die erste Welle in diesem Herbst blieb nach Einschätzung der jungen Welt deutlich hinter der Beteiligung von 2024 zurück.

Das Problem dabei: Eine Gewerkschaft, die den Streik nur noch als Drohung kennt, droht ins Leere. Die Arbeitgeber wissen das. Ihr Angebot ist der Beweis.

Gestalten oder verwalten?

Eine vierte Verhandlungsrunde zeichnet sich ab. Sie ist die letzte Gelegenheit, die Richtung zu ändern. Was jetzt nötig ist, lässt sich in wenigen Sätzen sagen:

Kein Lohnverzicht für Investitionen. Nicht als Tauschgeschäft, nicht gegen Garantien, nicht in einzelnen Sektoren. Investitionen sind Sache derer, die jahrelang Dividenden ausgeschüttet und die Wende zur E-Mobilität verschlafen haben. Wer Milliarden in Georgia verbaut, holt sie sich nicht bei der Belegschaft in Abstatt oder Zwickau zurück. Punkt.

Eine dauerhafte Erhöhung, die den Reallohn sichert – nicht 2028, sondern jetzt.

Keine Gewinnbeteiligung als Ersatz für Lohn, sondern feste Erhöhungen in der Tabelle – auch und gerade in den Branchen, die gerade Rekorde schreiben.

Und eine IG Metall, die sich nicht länger als Juniorpartner der Rüstungsindustrie versteht. Jeder Euro, der in Panzer und Militärhäfen fließt, fehlt bei Bus, Krankenhaus und Schule. Eine Gewerkschaft, die für die Beschäftigten spricht, fordert zivile Produktion statt Aufrüstung – und nicht ihren Anteil am Kriegsgeschäft.

Und wenn die Gegenseite dabei nicht mitspielt: Urabstimmung. Ja, ein Streik kann verloren gehen. Ein Tarifvertrag wie der, der gerade auf dem Tisch liegt, ist bereits verloren.

An die Kolleginnen und Kollegen in den Betrieben: Diese Runde wird nicht in Stuttgart oder Düsseldorf entschieden, sondern vor euren Werkstoren. Wer jetzt nicht zeigt, dass er mehr will, bekommt genau das, was angeboten wird.

Denn die Rechnungen kommen nicht 2028. Sie kommen jetzt. Energie war im Oktober nach Angaben des Statistischen Bundesamts 12,2 Prozent teurer als vor einem Jahr, im September waren es fast 15 Prozent. Strom, Heizung, der Sprit für den Weg zur Schicht – auf dem Land ohne Auto nicht zu machen. Das lässt sich nicht vertagen. Die Lohnerhöhung schon, meint Gesamtmetall: 1,3 Prozent. Im Jahr 2028.


Dieser Beitrag beruht auf der Auswertung öffentlich zugänglicher Berichte von Tageszeitungen (u. a. junge Welt, Nordsee-Zeitung [kostenpflichtig]) und Nachrichtenagenturen (Reuters, AFP, dpa) sowie auf Angaben der IG Metall, des VDMA und des Statistischen Bundesamts. Die analytische Einordnung, Gewichtung und Bewertung der dargestellten Fakten erfolgt durch den Autor.

Carsten Zinn schreibt auf widerdenken.de über Arbeit, Gewerkschaften und soziale Gerechtigkeit.

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