Kanonendonner im Lokalblatt: Wie Regionalmedien uns strammstehen lassen

Man reibt sich unwillkürlich die Augen: Während der alltägliche öffentliche Personennahverkehr im Landkreis Cuxhaven chronisch krankt, Schulen und Dörfer abgehängt werden und der Linienbus zur Rarität verkommt, stehen für die Bundeswehr-Schau plötzlich Busflotten im Minutentakt bereit. Man möchte rufen: „Herr Krüger, nehmen Sie sich als Landrat mal ein Beispiel daran, wie Mobilität funktionieren könnte, wenn das Ziel nicht Kriegsschau, sondern Daseinsvorsorge wäre!

Wir leben in einer Gesellschaft, die psychologisch im Schützengraben festsitzt. Man nennt es „kriegsfähig“, man nennt es „Zeitenwende“, doch in Wahrheit ist es eine psychologische Dauerbelagerung. Am Beispiel der Berichterstattung der Nordsee-Zeitung zum „Tag der Bundeswehr“ in Nordholz lässt sich sezieren, wie lokaler Journalismus zur unkritischen Trommel einer schleichenden Vorkriegsberichterstattung verkommt.

Es ist ein vertrautes, fast feierliches Bild, das uns die Presse präsentiert: Ein bunter Lageplan des Fliegerhorsts Nordholz, leuchtende Kinderaugen beim „Kinderprogramm“, kostenlose Wasserausgabe und die logistische Meisterleistung von 60 Shuttle-Bussen, um die erwarteten Massen zum militärischen Volksfest zu karren. Man reibt sich unwillkürlich die Augen: Während der alltägliche öffentliche Personennahverkehr im Landkreis Cuxhaven chronisch krankt, Schulen und Dörfer abgehängt werden und der Linienbus zur Rarität verkommt, stehen für die Bundeswehr-Schau plötzlich Busflotten im Minutentakt bereit. Man möchte rufen: „Herr Krüger, nehmen Sie sich als Landrat mal ein Beispiel daran, wie Mobilität funktionieren könnte, wenn das Ziel nicht Kriegsschau, sondern Daseinsvorsorge wäre!

Doch zwischen Bratwurstduft und Erbsensuppe verbirgt sich die Pervertierung des journalistischen Auftrags. Aus einer Institution, deren Kernzweck die organisierte, tödliche Anwendung staatlicher Gewalt ist, wird ein nahbarer, sympathischer Nachbar geschustert.

Die Kunst des Ausblendens: Kritik als Dreizeiler

Wer die aktuelle Ausgabe der Nordsee-Zeitung liest, muss schon detektivischen Ehrgeiz mitbringen, um den gesellschaftlichen Dissens überhaupt noch zu erahnen. Auf Seite 15, eingepfercht in eine pseudo-neutrale Frage-Antwort-Struktur, findet sich ein winziger, beschämender Vierzeiler unter der Frage: „Warum gibt es Kritik am Tag der Bundeswehr?“ Die Antwort des Blattes speist die fundamentale, weltweite pazifistische Bewegung mit ein paar dürren Worten ab: Friedensaktivisten hätten auf dem Ostermarsch Kritik geübt, Werbeplakate seien verunstaltet worden. Das war’s. Konflikt gelöst, weggewischt, unsichtbar gemacht.

Diese systematische Verharmlosung und Marginalisierung von Gegenstimmen ist kein journalistisches Versehen. Sie ist Methode. Sie ist die kalkulierte Verlängerung einer militärischen Akzeptanzkampagne. Indem man so tut, als gäbe es keinen massiven gesellschaftlichen Streit um Aufrüstung, Wehrpflicht und die fortschreitende Militarisierung unserer Politik, produziert man keine Öffentlichkeit. Man produziert reine, gutmeinende Hofberichterstattung.

Die Erziehung zur Wehrbereitschaft

Doch die Verharmlosung ist nur die eine Seite der Medaille; die weitaus gefährlichere ist die Erzeugung einer permanenten, latenten Vorkriegsstimmung, die die deutsche Gesellschaft in Schach hält. Schauen wir genauer hin, was uns täglich serviert wird: Da wird auf Seite 16 seelenruhig konstatiert, dass Menschen mit bestimmter Staatsangehörigkeit – namentlich aus 26 Ländern, darunter Afghanistan, Syrien und die Ukraine – das Festgelände pauschal nicht betreten dürfen. Ein ungeheuerlicher, geopolitisch motivierter Generalverdacht, verpackt in das bürokratische Gewand des Sicherheitsüberprüfungsgesetzes.

Und die Zeitung? Sie hinterfragt nicht. Sie nickt es ab. Es dient ja dem „Schutz militärischer Anlagen“. Einzelschicksale von Menschen, die im Ausland jahrelang für deutsche Organisationen ihren Kopf hinhielten, werden zu kollateralen Fußnoten einer pauschalen Ausgrenzungspolitik degradiert. Hier zeigt sich die hässliche Fratze der neuen, wehrhaften Normalität: Spaltung, Misstrauen und die Akzeptanz des permanenten Ausnahmezustands werden zum neuen gesellschaftlichen Fundament erklärt.

Kanonen statt Butter – Vom Primat des Militärischen

Diese mediale Vorkriegsberichterstattung erfüllt einen klaren Zweck: Sie soll die Bevölkerung in einem permanenten Zustand der Angst und Anspannung halten, damit sie widerspruchslos schluckt, was ihr politisch diktiert wird. Wir erleben eine beispiellose, transformative Dynamik, die unsere gesamte Gesellschaft erfasst. Der Kriegsbegriff ist omnipräsent. Aus dem fernen Grauen in der Ukraine und Gaza wird eine psychologische Drohkulisse für den eigenen Vorgarten gezimmert. Unreflektiert wird ein „hybrider Krieg“ beschworen – Propaganda, Sabotage, Cyber-Operationen –, um die Grenze zum tatsächlichen „Schießkrieg“ fließend zu machen.

Unter der zynischen, unausgesprochenen Devise „Kanonen statt Butter“ explodiert der Verteidigungsetat immer weiter, während gleichzeitig im Sozialhaushalt gnadenlos gekürzt wird. Der Wehrdienst kehrt zurück – erst freiwillig, dann unweigerlich verpflichtend. Um diese gigantische Umverteilung von gesellschaftlichem Wohlstand hin zur Rüstungsindustrie zu rechtfertigen, braucht es die permanente mediale Untermalung einer existenziellen Bedrohung. Es braucht das Einhämmern von Feindbildern, die bis vor kurzem als überwunden galten. Wer heute noch für Diplomatie, für Abrüstung, für das in der UN-Charta verankerte Gewaltverbot eintritt, wird in den Leitmedien als „realitätsferner Spinner“ oder „Lumpenpazifist“ verunglimpft. Kommentare eskalieren verbal, wenn in Talkshows gefordert wird, wieder von einer „Ostfront“ statt einer NATO-Ostflanke zu sprechen.

Die psychologische Aufrüstung zeigt Wirkung: Seit Jahren steigt das Interesse junger Menschen am Soldatenberuf wieder an. Die Zustimmung zu astronomischen Militärausgaben klettert auf Höchstwerte. Das ist der eigentliche Erfolg von Veranstaltungen wie dem Tag der Bundeswehr und Blättern wie der Nordsee-Zeitung: Sie verwandeln Angst in Wehrbereitschaft und machen den Krieg wieder denkbar.

Ein Appell an den weltweiten Pazifismus

An alle Pazifisten weltweit, an alle, die sich weigern, das Denken in Panzern und Kampfflugzeugen als alternativlos zu akzeptieren: Lasst euch nicht beirren! Eure Stimme ist kein Relikt einer vergangenen, naiven Epoche. Sie ist die einzige verbliebene Stimme der Vernunft in einem taumelnden Kollektiv, das sehenden Auges in das historische Sicherheitsdilemma rennt. Jeder verweigerte Applaus für ein vorbeiziehendes Kriegsschiff, jede kritische Nachfrage bei einem lokalen Redakteur, jedes Festhalten am verfassungsrechtlichen Auftrag, „dem Frieden in der Welt zu dienen“, ist ein Akt des Widerstands gegen diese schleichende Gleichschaltung.

Kriege fallen nicht schicksalhaft vom Himmel. Sie werden gemacht – von Politikern, die das Völkerrecht missachten, von Rüstungskonzernen, die glänzend an der Angst verdienen, und von Medien, die verlernt haben, kritische Fragen zu stellen. Wenn der Lokaljournalismus seine Wächterfunktion aufgibt und stattdessen zum Chronisten eines unkritischen Hurra-Patriotismus mutiert, dann ist es die Pflicht der Zivilgesellschaft, laut zu werden. Wir dürfen uns nicht durch eine latente Vorkriegsstimmung in Schach halten lassen. Der Frieden ist kein Zustand, den man durch maximale Aufrüstung erzwingt – er ist das Ergebnis des unerschütterlichen Willens zur Gewaltfreiheit.


Die analytische Einordnung, Gewichtung und Bewertung der dargestellten Fakten erfolgt durch den Autor. | Carsten Zinn schreibt auf widerdenken.de über Militärisierung, regionale Medien und die Normalisierung des Krieges.

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