Mund abwischen? Erst mal die Nebelmaschine ausschalten.

Hagen Strauss hat kommentiert. Und wie er kommentiert hat. Zunächst einmal: Chapeau. Es ist eine echte Kunst, eine handfeste außenpolitische Blamage so zu erzählen, dass am Ende der Kanzler trotzdem irgendwie gut dasteht. Das will gelernt sein. Und offenbar hat Strauss genau das gelernt.

Deutschland scheitert in der Vorrunde einer UN-Wahl. Österreich bekommt mehr Stimmen. Portugal bekommt mehr Stimmen. Der Kanzler selbst war gar nicht erst anwesend, als es drauf ankam. Und was entnehmen wir dem Kommentar? Dass man Niederlagen eben einstecken können müsse. Und dass die UN sowieso kaum noch relevant seien. Das ist ungefähr so überzeugend wie der Fußballtrainer, der nach dem 0:5 erklärt, Tore seien im modernen Fußball ohnehin überschätzt.

Selbstverständlich war Russland schuld. Und natürlich die Israel-Politik. Und ein zu später Kampagnenstart. Und der Wind stand falsch. Nur eines war es natürlich nicht: die eigene Politik. Die eigene Arroganz. Das eigene Sendungsbewusstsein. Der unermüdliche Reflex, der Welt permanent erklären zu müssen, was richtig ist, was falsch ist, wer der Aggressor ist und wer die Drecksarbeit macht. Bei Strauss kam das nicht vor. Seltsam.

Aber keine Sorge, denn Merz macht ja bilaterale Diplomatie. Mit China, mit Brasilien, mit der arabischen Welt. Das klingt nach außenpolitischer Erneuerung, ist aber in Wahrheit das diplomatische Äquivalent eines Rabatthefts: Man sammelt Stempel, ohne zu wissen, was man eigentlich kaufen will. Was genau ist die Botschaft dieser neuen strategischen Partnerschaften? Was bietet Deutschland an, außer Belehrungen und Geld? Was ist das Angebot, das andere Staaten dazu bringt, nicht nur Kontakt zu halten, sondern auch für Deutschland zu stimmen? Bei Strauss findet sich dazu: nichts.

Besonders bemerkenswert ist dabei das Argument, die UN seien ohnehin nur noch Zuschauer und die wirklich wichtigen Entscheidungen würden längst woanders getroffen. Das mag sogar stimmen. Aber dann stellt sich natürlich die Frage: Warum hat Deutschland überhaupt kandidiert? Warum hat man dafür Ressourcen, Energie und politisches Kapital eingesetzt? Und warum sind alle so betroffen, wenn doch eh nichts davon wichtig war? Man kann nicht gleichzeitig behaupten, es sei nur ums Prestige gegangen, und dabei so aussehen, als habe man gerade den WM-Titel verspielt.

Strauss findet dann aber doch noch einen Aufwärtsbogen. Über Merz‘ Außenpolitik lasse sich streiten, räumt er gnädig ein. Aber grundsätzlich sei der Kurs richtig. Der Mann stelle sich auf neue Realitäten ein. Europa zusammenhalten, Trump standhalten, Russland in die Schranken weisen. Das ist schon sehr wohlwollend formuliert. Tatsächlich hat Deutschland unter Merz international bisher vor allem eines demonstriert: dass man keine klare Linie hat, diese aber mit maximalem Selbstbewusstsein verfolgt. Das kommt an. Nur leider nicht so, wie man es sich erhofft.

Am Ende steht die Aufforderung, Mund abzuwischen und weiterzumachen. Ein flottes Bild. Aber es greift zu kurz. Weitermachen wie bisher bedeutet nämlich: weiter belehren, weiter predigen, weiter moralische Überlegenheit ausstrahlen und sich dann wundern, warum die Welt nicht so mitspielt, wie es der eigene Selbstentwurf vorsieht.

Vielleicht wäre es an der Zeit, nicht nur den Mund abzuwischen, sondern auch die Brille zu putzen. Damit man endlich erkennt, wie Deutschland von außen tatsächlich wahrgenommen wird. Nicht als Lehrmeister. Nicht als Schutzmacht der regelbasierten Ordnung. Nicht als moralische Instanz. Sondern als ein Land, das sehr laut von sich redet — und immer leiser gehört wird.

Strauss schreibt: Weitermachen. Wir sagen: Gerne. Aber vielleicht diesmal mit etwas mehr Selbstreflexion und etwas weniger Selbstgefälligkeit.


Am 5. Juni erschien in der Nordsee-Zeitung ein Kommentar von Hagen Strauss zur deutschen UN-Niederlage – zusammen mit einem Artikel über das Scheitern der Kandidatur für einen Sitz im Sicherheitsrat. Wir haben gelesen, gestaunt und geantwortet. | Carsten Zinn schreibt auf widerdenken.de über deutsche Politik und den Abstand zwischen Anspruch und Wirklichkeit.

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