Angst als Staatsräson

Deutschland hat bewusst den anderen Weg gewählt: 2007 beschlossen Bund und Länder gemeinsam, Schutzräume aus dem Zivilschutzkonzept zu streichen. Nicht aus Versehen. Nicht aus Nachlässigkeit. Der Kalte Krieg war vorbei – das war keine Fehleinschätzung, das stimmte.

Wie die Nordsee-Zeitung und Landrat Krüger die Bevölkerung auf den Krieg einschwören – und wer die Rechnung zahlt

„Der Kalte Krieg ist zurück.“ Mit dieser Schlagzeile eröffnet die Nordsee-Zeitung am 15. Juni 2026 ihre Lokalseite. Kein Fragezeichen. Keine Einordnung. Eine Behauptung, gesetzt wie ein Urteil. Darunter: ein pensionierter Brigadegeneral im Kreishaus Cuxhaven, eingeladen von Landrat Thorsten Krüger, um Bürgermeister, Feuerwehrleute und THW-Helfer auf das Jahr 2029 einzuschwören. Das sei, so der General, der mögliche Zeitpunkt eines russischen Angriffs auf ein Nato-Land.

Man sollte sich das kurz vergegenwärtigen. Ein pensionierter Soldat, heute Vorsitzender der „Gesellschaft für Sicherheitspolitik“, tourt durch die Republik. Zahlreiche Landräte haben ihn eingeladen, berichtet die Zeitung – fast schon stolz. Und die Nordsee-Zeitung begleitet das Ganze nicht als kritische Beobachterin, sondern als Megafon. Kein einziger kritischer Satz. Kein Gegengewicht. Nur: Wachwerden. Vorbereiten. Angst haben.

Die Zeitung als verlängerter Arm der Generalsstäbe

Inga Hansen, die Autorin des NZ-Stücks, lässt Rainer Meyer zum Felde unwidersprochen schwadronieren. Der General darf ungestört von der „Heimatfront“ sprechen, auf der „etwas passieren muss“. Er darf prophezeien, dass Deutschland „von der ersten Minute an im Krieg“ wäre, sollte Putin das Baltikum angreifen. Er darf das alles sagen – und die Zeitung nickt.

Was fehlt: eine einzige Frage, die über das Arrangement hinausgeht. Etwa diese: Wem nützt die Erzählung vom unvermeidlichen Krieg? Wer verdient an der Aufrüstung? Was kostet es, wenn die Gesellschaft auf permanente Bedrohung getrimmt wird – psychologisch, politisch, finanziell? Stattdessen gibt es eine Checkliste: zwei Liter Wasser pro Person und Tag, 3,5 Kilogramm Getreide, Kerzen, Streichhölzer. Bitte selbst besorgen.

Das ist keine Sicherheitspolitik. Das ist die Privatisierung der Angst.

Schutzquote: null Prozent. Eigenverantwortung: hundert Prozent.

Zivilschutzexperte Jörg Diester sagt es klar und nüchtern: Deutschland verfügt über keine einzigen funktionsfähigen öffentlichen Schutzräume. Die Schutzquote liegt bei 0,0 Prozent. Das ist kein Versehen – das ist politisches Programm. 2007 beschlossen Bund und Länder gemeinsam, Schutzräume aus dem Zivilschutzkonzept zu streichen. Fertig. Erledigt. Vergessen.

Heute, wo das Thema wieder hochgekocht wird, lautet die offizielle Antwort darauf nicht etwa: „Wir haben einen Fehler gemacht, wir bauen wieder auf.“ Die Antwort lautet: Der Bürger muss selbst vorsorgen. Diester bestätigt das unverblümt: „Wer sich absichern will, muss selbst aktiv werden, da der Staat keine vollständigen Lösungen bereitstellen kann.“

Was das im Klartext bedeutet: 5.000 bis 10.000 Euro pro Person für private Schutzraumplätze oder -einbauten. Geld, das die allermeisten Menschen schlicht nicht haben. Und selbst wer es hätte – es gibt kaum noch Anbieter. Die spezialisierten Fachfirmen sind vom Markt verschwunden. Lange Wartezeiten, kaum Kapazitäten, ungewisse Perspektive. Das System ist kollabiert, bevor es wieder anlaufen konnte.

Währenddessen fließen allein für den Marinefliegerstützpunkt Nordholz 400 Millionen Euro. Drohnen, Fregatten, Brigaden. Die Bundeswehr rüstet auf – das ist politisch beschlossen, das Geld ist da. Für den Schutz der Zivilbevölkerung: nichts außer Ratschlägen.

Wem nützt die Angst?

Diese Frage stellt die Nordsee-Zeitung nicht. Dabei liegt die Antwort offen zutage. Die Erzählung vom unausweichlichen Krieg leistet politisch ganze Arbeit: Sie normalisiert Rüstungsausgaben in einer Dimension, die in Friedenszeiten undenkbar wäre. Sie macht Widerspruch zum Tabu – wer Diplomatie fordert, gilt als naiv. Und sie entlastet den Staat von jeder Verantwortung für das, was er jahrzehntelang versäumt hat: einen echten Zivilschutz aufzubauen.

Landrat Thorsten Krüger kauft Sirenen und Transport-Drohnen. Er richtet ein Katastrophenschutzzentrum in Cuxhaven ein. Er will einen Ableger in Beverstedt. Das klingt nach Handeln. Es ist vor allem Symbolpolitik – und Krüger weiß das. Denn ein echter Schutz für die Bevölkerung, das bestätigt selbst der Experte, braucht Jahrzehnte und Milliarden. Beides ist nicht in Sicht. Was bleibt, ist das Gefühl von Aktivismus. Und die Botschaft: Kümmert euch selbst.

Das ist keine Katastrophenschutzpolitik. Das ist Stimmungsmanagement.

Krisenmüdigkeit – oder gesunder Instinkt?

Experten diagnostizieren in der Bevölkerung eine „Krisenmüdigkeit“. Viele Menschen wollten nicht wahrhaben, dass ein Krieg Deutschland treffen könnte, klagt Diester. Das klingt nach Verdrängung. Vielleicht ist es das Gegenteil.

Vielleicht ist das Unbehagen der Bevölkerung kein Zeichen von Realitätsferne, sondern ein gesunder Instinkt gegen eine Politik, die den Konflikt schürt, statt ihn zu löschen. Wer sieht, dass die öffentliche Hand Hunderte Millionen in militärische Hardware investiert, gleichzeitig aber erklärt, es gebe kein Geld für Schutzräume – und die Rechnung beim Bürger landet –, der hat allen Grund zur Skepsis. Das ist kein Realitätsverlust. Das ist schlicht die Fähigkeit, zwei und zwei zusammenzuzählen.

Was echte Sicherheit kosten würde

Länder wie Finnland, Schweden, die Schweiz oder Norwegen haben über Jahrzehnte in Zivilschutzstrukturen investiert – und selbst dort schützt das vor einem militärischen Großkonflikt in Europa niemanden ernsthaft. Ein Krieg, der Russland und die Nato direkt gegeneinanderstellt, eskaliert innerhalb von Tagen in eine atomare Auseinandersetzung. Dagegen hilft kein Bunker, kein Vorratsschrank, keine Sirene. Wer das ausspricht, gilt als Defätist. In Wirklichkeit ist es die einzig ehrliche Bestandsaufnahme.

Deutschland hat bewusst den anderen Weg gewählt: 2007 beschlossen Bund und Länder gemeinsam, Schutzräume aus dem Zivilschutzkonzept zu streichen. Nicht aus Versehen. Nicht aus Nachlässigkeit. Der Kalte Krieg war vorbei – das war keine Fehleinschätzung, das stimmte. Nur hat der Staat die Friedensdividende nie an die Bevölkerung weitergegeben. Gespart wurde trotzdem: an Krankenhäusern, am ÖPNV, an Schulen. Das Geld verschwand nach oben, nicht in die Daseinsvorsorge. Der Zivilschutz war nur einer von vielen Posten, die dabei gestrichen wurden. Das war eine politische Entscheidung, getroffen von Menschen, die dafür Verantwortung tragen. Heute, wo dasselbe politische Personal die Bürger zur Eigenverantwortung aufruft, sollte man das nicht vergessen. Der Aufbau eines ernsthaften Zivilschutzes würde laut Diester 20 bis 30 Jahre dauern. Das bedeutet: Selbst wenn heute entschieden würde, wäre 2029 nichts fertig. Gar nichts. Die Zahl, die General Meyer zum Felde als Gefahrenjahr ausruft, ist in Bezug auf zivilen Schutz schlicht bedeutungslos.

Was also ist der Zweck dieser ganzen Veranstaltung? Der Vortrag im Kreishaus, die Sirenen, die Drohnen, die Checklisten in der Nordsee-Zeitung? Nicht Schutz. Stimmung. Akzeptanz. Die Bevölkerung soll sich damit abfinden, dass Milliarden in Rüstung fließen – und dass der Rest ihre Privatangelegenheit ist.

Bevor die Sirenen heulen

Widerdenken heißt: diese Logik nicht mitspielen. Es heißt, Briefe zu schreiben – an den Landrat, an die Nordsee-Zeitung. Es heißt, in Gemeinderäten nachzufragen, wer diese Veranstaltungsreihe bezahlt und welches politische Programm dahintersteckt. Es heißt, den General nicht für einen Experten zu halten, nur weil er viele Sterne auf der Schulter hatte. Echten Widerstand gibt es nicht als Haltung. Den muss man tun.

Ein Krieg in Europa hätte keine Gewinner. Kein privater Keller der Welt schützt vor einem eskalierenden Konflikt. Was schützt, ist Diplomatie. Was schützt, sind funktionierende Krankenhäuser, intakte Infrastruktur, eine Gesellschaft, die nicht auf Konfrontation programmiert wird. Was schützt, ist eine Presse, die ihre Aufgabe kennt – und sie nicht an den nächsten pensionierten General abgibt.

Die Nordsee-Zeitung hat diese Aufgabe an diesem 15. Juni 2026 nicht erfüllt. Sie hat Angst transportiert und Propaganda normalisiert. Das sollte man ihr sagen. Laut.


Dieser Beitrag beruht auf der Auswertung eines Berichts der Nordsee-Zeitung vom 15. Juni 2026 (kostenpflichtig) sowie eines Interviews mit „Zivilschutzexperten“ Jörg Diester (u.a. YouTube). Die analytische Einordnung, Gewichtung und Bewertung der dargestellten Fakten erfolgt durch den Autor. | Carsten Zinn schreibt auf widerdenken.de über Medienkritik, Militarisierung und lokale Politik im Landkreis Cuxhaven.

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