Halle 26. Oder: 1947 war mal umgekehrt.

Wem gehört eigentlich diese Messe?

Jochen Köckler, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Messe AG, ist nach eigener Auskunft „stolz darauf, zur Rolle Deutschlands als Führungsnation innerhalb der Nato beizutragen“. Das ist kein Nebensatz aus einer Pressemitteilung. Das ist die Verabschiedung einer Gründungsgeste. Und es gehört auf die erste Seite.

1947 wurde die Hannover-Messe in der britischen Besatzungszone aus dem Boden gestampft. Westdeutschland musste beweisen, dass seine Industrie wieder zu etwas anderem taugt als zu Panzern, Kanonen und U-Booten. Rüstung war verboten, die Werke lagen unter alliierter Kontrolle, und die Messe war die sichtbarste Geste eines Landes, das noch einmal anfangen durfte. Zivil. Export. Wiederaufbau. Das war der Deal.

79 Jahre später öffnet dieselbe Messe in Halle 26 einen „Defense-Production-Park“. Drei Dutzend Aussteller, 1200 Quadratmeter. Panzer, Drohnen, Torpedos. Im März 2027 kommt die DSEI Germany auf 100.000 Quadratmetern obendrauf – eine der größten Waffenmessen Europas, nach Hannover verpflanzt. Der Kreis ist damit geschlossen. Das Zivilisierungsversprechen von 1947 ist eingezogen worden, ohne dass jemand zu seiner Beerdigung eingeladen hätte.

Köckler ist stolz. Das ist der Skandal.

Stolz. Nicht „unvermeidlich“, nicht „bedauerlich aber notwendig“, nicht „den Zeitläuften geschuldet“. Stolz. Ein Begriff, der eine Haltung verlangt, und diese Haltung heißt: Ich stehe dafür ein. Köckler steht dafür ein, dass die Hannover-Messe zur Plattform einer Industrie wird, deren einziges Produkt darin besteht, Menschen effizienter umzubringen. Und er sagt das so, wie andere über Exportzahlen reden.

Sagen Sie, Herr Köckler: Wer hat Ihnen den Auftrag erteilt, für Deutschland zu sprechen? In welcher Aufsichtsratssitzung wurde entschieden, dass Halle 26 dem „Defense-Production-Park“ gehört? Mit welchen Stimmen? Von welchen Fraktionen im niedersächsischen Landtag und im Rat der Stadt Hannover gestützt? Diese Fragen sind beantwortbar. Sie werden nur nicht gestellt.

Wem gehört eigentlich diese Messe?

Die Deutsche Messe AG ist keine Privatfirma, die machen kann, was sie will. Eigentümer sind das Land Niedersachsen und die Landeshauptstadt Hannover – je zur Hälfte. Öffentliche Hand. Steuergeld. Jeder Quadratmeter, auf dem Rheinmetall, Hensoldt und Diehl ihre Kataloge auslegen, gehört uns. Die Umwidmung zur Rüstungsplattform ist damit kein unternehmerischer Einfall. Sie ist eine politische Entscheidung, getroffen im Namen einer Öffentlichkeit, die nie gefragt wurde.

Und dazu dann die zivilen Mitläufer, die man gerne übersieht. SAP, der Konzern, bei dem halb Deutschland seine Gehaltsabrechnung laufen hat, eröffnet in Hannover einen „Defense-Innovation-Hub“. Leica Geosystems, dessen Theodolite seit Generationen Bahntrassen vermessen haben, verkauft jetzt „KI-gestützte Zielerkennung“, die „Fehler im Feld“ reduzieren soll. „Fehler im Feld“ – das ist der Marketingname dafür, Menschen präziser zu töten. So redet eine Branche, die keine Angst mehr vor ihren Auftraggebern haben muss.

Rheinmetalls Aktienkurs hat sich seit 2022 vervielfacht. Die Rente steht unter Vorbehalt, die Pflegeversicherung vor der nächsten Beitragserhöhung, in den Schulen fehlen Lehrkräfte, auf dem Land fehlen Hausärzte. Das Geld ist nicht weg. Es fließt dorthin, wo kein organisierter Widerstand droht: in die Dividenden einer Industrie, die auf politisch garantiertes Wachstum zählen kann. Wer in dieser Konstellation noch von „Sicherheit“ spricht, meint die Sicherheit der Aktionäre.

1947 wurde Hannover zur Messe, damit ein Land, das seine Industrie an den Krieg verloren hatte, wieder zur Welt gehören durfte. 2026 wird Hannover zur Rüstungsplattform, damit Rheinmetall skalieren kann. Zwischen diesen beiden Sätzen liegt die gesamte Nachkriegsgeschichte der Bundesrepublik – und die Frage, ob wir sie noch haben.

Köckler ist stolz. Wir sollten ihm das Gegenteil beibringen.


Korrektur, 21. April 2026. Zwei Zahlen in diesem Beitrag waren nicht präzise und werden hiermit berichtigt: Die DSEI Germany im März 2027 beansprucht 75.000 Quadratmeter des Messegeländes, nicht 100.000. Und im „Defense-Production-Park“ in Halle 26 stellen nach Angaben der Deutschen Messe AG vierzig bis fünfzig Rüstungsfirmen aus, nicht „drei Dutzend“. An der Sache ändert das nichts: 75.000 Quadratmeter sind eine der größten Waffenmessen Europas, und ob es nun 36 oder 48 Aussteller sind, die in Halle 26 Panzer, Drohnen und Torpedos zeigen – die Umwidmung bleibt.

Carsten Zinn schreibt auf widerdenken.de über Aufrüstung, Sozialpolitik und die Erosion zivilgesellschaftlicher Selbstverständlichkeiten.

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Made for Germany. Nebensatz zur Rüstung.

Halle 26. Oder: 1947 war mal umgekehrt.

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