Kämpferherz und Willkommenskultur

„Gesundes Maß an Aggressivität“ – Und wir dürfen das nicht vergleichen? | Die Leser sehen es klarer als die Redaktion

Wie die Nordsee-Zeitung Militärpropaganda als Lokaljournalismus verkauft

Bremerhaven, 11. April 2026. Kapitän zur See Andreas Seidl, Kommandeur der Marineoperationsschule, sitzt der Nordsee-Zeitung gegenüber. Der Interviewer fragt: „Wie wohlfühlen Sie sich in Bremerhaven?“ Seidl antwortet: „Hervorragend!“ Und damit ist der Ton gesetzt.

Was folgt, ist eine Zeitungsseite Military PR – verpackt als freundliches Lokalinterview, abgedruckt ohne Einordnung, ohne Gegenstimme, ohne eine einzige kritische Nachfrage, die diesen Namen verdient. Die Nordsee-Zeitung hat einem Sprachrohr des Militärs eine Bühne gegeben. Und das nennt sie Journalismus.

Der Weichspüler-Einstieg: Willkommenskultur als Eisbrecher

Drei von elf Fragen drehen sich um Bremerhaven-Gefühle. Ob sich Seidl wohlfühlt. Ob seine Truppe sich wohlfühlt. Ob Bremerhaven gastfreundlich ist. Das ist keine journalistische Gesprächsführung – das ist ein Beziehungsgespräch auf Gemeindeblatt-Niveau.

Der Trick ist alt und funktioniert zuverlässig: Erst die Sympathie erzeugen, dann die Botschaft senden. Seidl nutzt die Willkommensfragen geschickt, um es passant zu platzieren, dass man Soldaten früher in manchen Städten „unschön angepöbelt“ habe – und heute sei das zum Glück anders. Botschaft: Wer Militär kritisiert, ist ein Pöbler. Wer Militär begrüßt, ist zivilisiert.

Das ist rhetorisch nicht ungeschickt. Die NZ bemerkt es nicht – oder will es nicht bemerken.

„Gesundes Maß an Aggressivität“ – Und wir dürfen das nicht vergleichen?

Dann wird es ernst. Seidl sagt, zum Soldatenberuf gehöre „ein gesundes Maß an Aggressivität“. Soldaten bräuchten ein „Kämpferherz“. Und: „Wer zuerst schießt und trifft, lebt länger.“

Wer ein gewisses historisches Gedächtnis hat, stolpert hier. Adolf Hitler forderte 1935 in seiner Rede an die Hitlerjugend: „Hart wie Kruppstahl, zäh wie Leder, flink wie Windhunde.“ Dieselbe Logik, dieselbe Formel: Der Krieger als Ideal, Härte als Tugend, Empfindsamkeit als Schwäche. Natürlich ist Seidl kein Nationalsozialist. Das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist: Diese Sprache hat eine Geschichte. Sie kommt nicht aus dem Nichts. Und eine Zeitung, die sich Journalismus nennt, hätte genau das fragen müssen.

Aber wir dürfen das ja nicht vergleichen. Das gilt als unangemessen. Als Keule. Als Diskussionsvermeidung. Also lassen wir es – und die NZ druckt „Kämpferherz“, ohne mit der Wimper zu zucken.

Der Interviewer fragt daraufhin: „Wie ist das mit der normalen Bevölkerung? Die muss sich ebenfalls umstellen?“

Richtig gelesen. Die Bevölkerung muss sich umstellen. Nicht die Politik. Nicht die Rüstungsindustrie. Die Bevölkerung.

Seidl antwortet ausweichend beruhigend – kein Grund zur Panik, wir sind einsatzbereit, Putin kann nicht gewinnen – aber die Botschaft ist gesetzt: Krieg ist wahrscheinlich, und jeder Bürger muss sich „ein Stück weit selbst vorbereiten“. Zivilverteidigung als Selbstverantwortung. Was nach dem Motto klingt: Wenn der Krieg kommt, habt ihr selbst schuld, wenn ihr nicht bereit seid.

Die NZ hakt nicht nach. Sie notiert brav.

Ukraine als Generalschlüssel – und kommt Putin überhaupt?

Das Wort „Ukraine“ fällt im Interview mehrfach – und immer als Erklärung, als Naturgewalt, als Datum, nach dem alles anders ist. Seit dem Ukraine-Krieg sind die Ausbildungseinheiten voll. Seit dem Ukraine-Krieg hat sich die gesellschaftliche Einstellung zu Soldaten geändert. Seit dem Ukraine-Krieg orientiert sich die Marine vom Krisenmanagement zur „konsequenten Seekriegführung“.

Seidl sagt, die Kriegswahrscheinlichkeit sei „möglicherweise noch nie so groß wie aktuell“. Das ist eine starke Behauptung. Die NZ fragt nicht nach. Dabei wäre genau das die journalistische Pflicht: Kommt Putin tatsächlich? Was wären seine Motive? Russland führt seit 2022 einen blutigen Krieg gegen die Ukraine – aber ein Angriff auf NATO-Gebiet ist etwas qualitativ anderes. Er würde Artikel 5 auslösen. Er würde einen Weltkrieg bedeuten. Welches Interesse hat Putin daran, das zu riskieren?

Diese Fragen stellt die NZ nicht. Stattdessen fungiert Seidls Drohungsszenario als unhinterfragtes Axiom: Putin kommt, also brauchen wir mehr Soldaten, mehr Schiffe, mehr Haushalt, mehr Bereitschaft der Bevölkerung. Wer die Prämisse nicht hinterfragt, kann die Schlussfolgerungen nicht beurteilen. Genau das ist Propaganda.

Niemand fragt: Welche Rolle hat die NATO-Osterweiterung gespielt? Was wäre die Alternative zu militärischer Aufrüstung? Wie hoch sind die Kosten – nicht in Euro, sondern in sozialen Leistungen, die gleichzeitig gestrichen werden?

Nachwuchsmangel und neuer Wehrdienst: Rekrutierung als Redaktionsauftrag

Seidl räumt offen ein: Die Marine hat einen „eklatanten Personalmangel“. Die Lösung? Der neue Wehrdienst. Und die Hoffnung, dass die Marineoperationsschule junge Menschen „für den Soldatenberuf begeistert und an uns bindet“.

Das ist Rekrutierungswerbung. Direkt und unverhüllt. In einer Zeitung, die in Bremerhaven, im Landkreis Cuxhaven und in der gesamten Region erscheint – auch wenn die Abonnentenzahlen, wie überall im Printjournalismus, seit Jahren sinken.

Die Bundeswehr gibt für Rekrutierungswerbung Millionen von Euro aus. Hier bekommt sie die Werbung kostenlos. Für diesen Service schickt die Nordsee-Zeitung einen Redakteur mit dem Mikrofon.

Drohnenkrieg: Hightech ohne Leichen

Seidl schwärmt von Drohnenkriegsführung. Die Schlachtfelder würden „gläsern“, Munition könne „auf ein lohnendes Ziel warten“. Das klingt wie Science-Fiction aus dem Kino. Die Realität sieht so aus: zerfetzte Körper in Schützengräben, abgetrennte Gliedmaßen, Menschen, die sekunden nach einem Drohneneinschlag aufgehört haben zu existieren. Der Ukraine-Krieg hat das jedem vorgeführt, der hinschauen wollte. Drohnenkrieg tötet. Präzise und gleichzeitig ungenau. Soldaten und Zivilisten. Und er macht Krieg billiger – und damit wahrscheinlicher.

Kein Wort davon. Stattdessen: technologische Begeisterung, sauber verpackt.

Marinehafen: Zwei Standorte, keine Debatte

Ganz am Schluss, fast beiläufig, kommt der eigentliche Knackpunkt: Bremerhaven hat sich um einen neuen Marinehafen beworben. Inzwischen sind es sogar zwei geplante Standorte – Bremerhaven und Wilhelmshaven. Militärische Großstandorte in einer ohnehin hochgradig militarisierten Küstenregion. Arbeitsplätze? Sicherlich. Aber auch: weitere Einbindung in die NATO-Kriegslogistik, weitere Abhängigkeit von Rüstungskonjunktur, weiteres Sicherheitsrisiko im Ernstfall.

Seidl antwortet erwartungsgemäß: Dazu spricht nur das Presseinformationszentrum der Marine. Ende der Durchsage.

Die Nordsee-Zeitung hat die Frage gestellt – und damit genug getan, um so zu tun, als ob sie Journalismus betreibe. Dass sie den Rest des Interviews für unkritische Propaganda zur Verfügung gestellt hat, fällt dabei kaum noch auf.

Was fehlt: Alles Wesentliche

Was hätte ein journalistisches Interview gefragt? Zum Beispiel: Wie verträgt sich die Forderung nach ziviler Kriegsvorbereitung mit den sozialen Leistungskürzungen, die gleichzeitig beschlossen werden? Welche Kosten entstehen durch den neuen Marinestandort für die Stadt? Wie steht die Marineoperationsschule zu Einsätzen in Bürgerkriegsregionen? Was genau meint Seidl mit „gesundem Maß an Aggressivität“ – und wie wird das in der Ausbildung überprüft?

Nichts davon. Die NZ hat stattdessen ein Gespräch geführt, das man ohne Abstriche im Bundeswehr-Blog veröffentlichen könnte. Und das sagt alles.

Die Leser sehen es klarer als die Redaktion

Zwei Wochen nach dem Interview, am 25. April 2026, druckt die Nordsee-Zeitung im Leserforum zwei Zuschriften ab, die das Interview kommentieren. Und es ist bemerkenswert: Die Leser formulieren das, was die Redaktion hätte fragen müssen.

Wilfried Krallmann-Hansen aus Lehe schreibt, Seidl habe „Diplomatie für beendet erklärt und den Seekrieg ausgerufen“ – und erinnert daran, dass auch ein Kommandeur einer Parlamentsarmee an das Grundgesetz und das Völkerrecht gebunden ist. Von deutschem Territorium darf weder ein Angriffskrieg vorbereitet noch unterstützt werden. Krallmann-Hansen endet mit dem Appell: „Hier sollten wir Bremerhavener uns verweigern. Unser Hafen und die Bürger dieser Stadt sollten nie kriegsbereit sein.“ Das ist kein Pazifismus als Naivität. Das ist Grundgesetzkenntnis.

Peter Müller aus Langen schreibt über Tiefflüge von Hubschraubern der Marinefliegergruppe II über Altenwalde und Berensch am 8. April – stundenlang, in Baumhöhe, Menschen und Tiere in Angst und Schrecken. Er fragt: „Ist unsere Luftwaffe dazu da, uns mit ihren Waffen zu beschützen oder uns Angst und Bange zu machen?“ Eine Frage, die sich die Nordsee-Zeitung selbst hätte stellen können. Aber das Interview mit dem Kommandeur hatte ja keinen Platz dafür.

Es ist keine Kleinigkeit, dass die Nordsee-Zeitung diese Leserbriefe veröffentlicht. Es zeigt, dass es in der Region Menschen gibt, die genauer hinschauen. Die Frage ist: Warum schaut die Redaktion nicht genauso hin?

Lokalpresse als Transmissionsriemen

Das ist kein Versehen. Das ist Struktur. Regionalzeitungen in strukturschwachen Küstenstädten sind auf gute Beziehungen zu großen Institutionen angewiesen. Die Marine gehört dazu. Kritischer Journalismus gefährdet diese Beziehungen. Also bleibt man freundlich, stellt weiche Fragen und druckt, was der Interviewte sagen möchte.

Der Leser bekommt den Eindruck, er hätte etwas erfahren. Hat er aber nicht. Er hat militärische Öffentlichkeitsarbeit konsumiert – auf Kosten seines Abonnements.


Dieser Beitrag beruht auf der Auswertung des am 11. April 2026 in der Nordsee-Zeitung veröffentlichten Interviews mit Kapitän zur See Andreas Seidl, Kommandeur der Marineoperationsschule Bremerhaven, sowie der Leserbriefe vom 25. April 2026. Die analytische Einordnung, Gewichtung und Bewertung der dargestellten Fakten erfolgt durch den Autor. | Carsten Zinn schreibt auf widerdenken.de über Militarisierung, Medienkritik und die Politik in der Küstenregion.

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