Nicht mein Kanzler

Ein roter Ballon mit einer weißen Friedenstaube steigt auf, während Bundeskanzler Merz ernst in die Ferne blickt – Sinnbild für ein Land zwischen Frieden und Unsicherheit.
Bundeskanzler Friedrich Merz vor düsterem Himmel – ein roter Ballon und eine weiße Friedenstaube im Wind. Symbol für das fragile Gleichgewicht zwischen Hoffnung und Eskalation. | Bildidee gemeinsam entwickelt mit ChatGPT (OpenAI), umgesetzt nach redaktionellem Konzept von Carsten Zinn.

Wir sind nicht im Krieg, aber wir sind auch nicht mehr im Frieden.

Das sind die Worte des deutschen Bundeskanzlers. Gesprochen am 29. September 2025 in einem Redaktionsgespräch mit der Rheinischen Post. Kein beiläufiges Kamingespräch eines Oberstudienrats aus Oberursel. Ein Zitat des Regierungschefs der Bundesrepublik Deutschland. Öffentlich. Bedacht.

Sollte dieser Satz im Zustand geistiger Umnachtung gefallen sein, ist der Mann brandgefährlich. Sollte er ihn bei klarem Verstand gesagt haben, ist der Mann brandgefährlich oder die Lage in Deutschland.

Wer als Bundeskanzler so spricht, trifft tief. „Wir befinden uns nicht im Krieg, aber wir befinden uns auch nicht mehr im Frieden.“ Dieser Satz beschreibt eine Grauzone zwischen zwei Zuständen. Er leugnet den offenen Krieg, negiert aber den echten Frieden. Er impliziert Bedrohung, Konflikt, Unsicherheit – als neue Normalität.

Das schafft Verunsicherung. Denn es untergräbt das, was Stabilität ausmacht: Vertrauen. Frieden wird zur Illusion erklärt, ohne dass Krieg erklärt wird. Eine rhetorische Nebelzone, die Angst sät und Verantwortung verwischt.

So sprach man im Kalten Krieg. Spannung statt Schuss. Bedrohung statt Klarheit.

Otto von Bismarck warnte 1870 vor einem Krieg, der nicht gewollt, aber unvermeidbar sei. Eine Formulierung, die Unruhe schuf und den Krieg beförderte. Winston Churchill 1940: Kein Frieden ohne Kampf. Arthur Neville Chamberlain 1938: Frieden auf Zeit. Konrad Adenauer in den 50er Jahren: Abwehrbereitschaft statt Entspannung. Nikita Chruschtschow 1956: Kein Krieg, aber ein zerbrechlicher Frieden – kurz vor dem Einmarsch in Ungarn. George W. Bush 2001: „We are at war with terror“ – der Beginn eines endlosen Ausnahmezustands. Immer das gleiche Muster. Diplomatische Ambiguität, die Stabilität vorgaukelt, während sie Eskalation vorbereitet.

Wenn heute Friedrich Merz als Bundeskanzler sagt, wir seien nicht im Krieg, aber auch nicht mehr im Frieden, dann wiederholt er dieses Muster. Inmitten von Ukraine, Energiekrise, sozialer Spaltung und einer wachsenden Müdigkeit gegenüber politischer Verantwortung.

Solche Worte verändern ein Land. Sie schieben Grenzen, nicht nur im Denken, sondern im Fühlen. Wer permanent Unsicherheit beschwört, normalisiert Angst. Wer Frieden als Illusion darstellt, gewöhnt die Menschen an den Ausnahmezustand. Das Gift wirkt leise: Es entmutigt. Es spaltet. Es macht Menschen bereit, Eingriffe zu akzeptieren, die sie in ruhigen Zeiten niemals hinnehmen würden.

Sollte der Satz unbedacht gefallen sein, ist der Mann gefährlich, weil er wie eine ungelenkte Rakete wirkt. Sollte er bewusst gesprochen worden sein, ist er gefährlich, weil er eine Grauzone eröffnet. Das ist nicht mein Kanzler.

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