Tschernobyl-Jubiläum: CDU träumt von der Atomrenaissance, SPD nickt, und die Feuilletons philosophieren über German Angst. Die Reaktoren rosten derweil weiter.
Der Journalist Pierre Deason-Tomory erinnert sich in der jungen Welt an den Mittwochabend, den 30. April 1986, im Nürnberger Szenewirtshaus »Balläh« im Gostenhof: Er verlangt ein Käseschinkenbaguette, schaut besorgt auf das Salatblatt darin. »Des basst scho«, beruhigt ihn die Genossin aus der Küche, »der Salod is a Wochn ald.« Draußen in der Fußgängerzone wird unterdessen jemand verhaftet. Sein Vergehen: Er hatte einen Geigerzähler dabei.
Der Reaktor 4 in Tschernobyl war vier Tage zuvor explodiert. Cäsium-137 regnete über Bayern ab. Der Salat war tatsächlich eine Woche alt – und damit, so die verschlungene Logik des Moments, sicher genug zum Essen. Der Geigerzähler dagegen: verdächtig.
So sah Informationspolitik im Jahr 1986 aus. Die sowjetischen Behörden hatten es nicht eilig, die Nachbarstaaten zu warnen. In beiden deutschen Staaten wurde abgewiegelt und vertuscht. Die Leute bekamen verstrahltes Gemüse auf den Teller. Und erst als am 27. April die radioaktive Wolke Schweden erreichte und das dortige Institut für Strahlenschutz die Messwerte nicht mehr wegdiskutieren konnte, erfuhr eine breitere Öffentlichkeit, was passiert war.
40 Jahre später. Was hat sich geändert?
Die Reaktoren rosten. Die Politiker reden.
Markus Söder. Jens Spahn. Ursula von der Leyen. Sie reden von einer „Renaissance der Kernenergie“, sie geißeln den deutschen „Sonderweg“ und nennen den Atomausstieg einen „strategischen Fehler“. Andere Länder machten es besser, sagen sie.
Dabei übergehen sie eine schlichte Tatsache: Die weltweit noch laufenden Atomkraftwerke werden nicht jünger. Im Gegenteil. Die meisten der 404 noch betriebsbereiten Reaktoren auf der Welt sind alt – viele davon jenseits ihrer ursprünglichen Auslegungszeit. Mit jedem Jahr, das vergeht, steigt die statistische Wahrscheinlichkeit schwerer Störfälle. Das ist keine Panikmache. Das ist Physik.
Der World Nuclear Industry Status Report 2025 zeigt dazu das Bild einer stagnierenden, schrumpfenden Industrie: Der Anteil der Kernkraft am globalen Strommarkt sank auf neun Prozent. 1996 waren es noch 17,5 Prozent. Außerhalb Chinas ist die Atomstromproduktion seit 2006 um 14 Prozent zurückgegangen. Mit dem Ausstieg Taiwans 2025 betreiben noch 31 Länder AKW. Investitionen in Erneuerbare liegen inzwischen über 20-mal höher als in Kernkraft.
Keine Renaissance. Eine Abwicklung auf Raten – mit alternden Anlagen, die niemand ersetzen will, solange Milliarden in Solar und Wind fließen.
Flamanville: Das Märchen vom billigen Atom
Wer wissen möchte, was ein AKW-Neubau heute kostet, schaut nach Frankreich. Flamanville-3, das europäische Vorzeigeprojekt: geplante Bauzeit fünf Jahre, tatsächliche Bauzeit 17 Jahre. Geplante Kosten 3,3 Milliarden Euro, Endkosten laut französischem Rechnungshof: 23,7 Milliarden Euro. Siebenmal so teuer.
Kein privater Investor baut ein AKW. Die Amortisation dauert 40 Jahre, das Risiko liegt beim Staat, der Müll bleibt für immer. Bundesumweltminister Carsten Schneider, SPD, sagt das klar: Eine Technologie, die nach 75 Jahren noch immer staatliche Subventionen brauche und bessere Alternativen habe, verdiene keine Zukunft. Das stimmt. Nur: Wer hat 40 Jahre lang kein Endlager geschaffen?
28.000 Kubikmeter hochradioaktiver Müll. Kein Endlager. Kein Plan.
Deutschland hat durch den Atombetrieb rund 28.000 Kubikmeter hochradioaktiven Müll produziert. Er lagert in 16 Zwischenlagern. Er enthält mehr als 99 Prozent der gesamten Radioaktivität aller nuklearen Abfälle der Bundesrepublik. Und kein Mensch weiß, wo er dauerhaft hin soll.
Das Standortauswahlgesetz sieht 2031 als Zieldatum vor. Gutachten sprechen von den 2050er, 2060er, teilweise den 2070er Jahren. Gorleben schied 2020 aus – geologische Mängel, auf die Kritiker seit Jahrzehnten hingewiesen hatten. Weltweit kein einziges Endlager für hochradioaktiven Zivilmüll in Betrieb.
Aber ist ein Endlager überhaupt ein Plan? Oder folgt die Idee von Anfang an nur einer einzigen Logik: aus den Augen, aus dem Sinn? Was ist in 500 Jahren? Werden die Menschen, die dann leben, überhaupt noch wissen, was dort unter der Erde liegt? Oder stoßen sie bei irgendeiner Baumaßnahme, bei irgendeiner Bohrung, auf etwas, das sie nicht einordnen können – und das sie trotzdem tötet? Niemand weiß das. Und genau das ist das Problem.
Wer jetzt neue AKW fordert, produziert Atommüll für Generationen, ohne zu wissen, wohin damit. Das ist keine Energiepolitik. Das ist Verantwortungslosigkeit mit Kraftstromstecker.
Ukraine: Energieunabhängigkeit mit US-Stempel
Die Ukraine erzeugt seit Kriegsbeginn bis zu 80 Prozent ihres Stroms aus Kernkraft. Nicht aus strategischer Begeisterung, sondern weil die russische Arme die gesamte thermische und Wasserkraft-Infrastruktur systematisch zerstört hat. Kernkraft als letztes Mittel mit höchstem Risiko für Mensch und Natur
Und kurz vor dem 40. Jahrestag: Eine russische Drohne schlug im Februar 2025 in den Sarkophag von Tschernobyl ein. Die IAEA stellte fest, dass die Schutzhülle ihre primären Sicherheitsfunktionen verloren hat. 35 Kinschal-Raketen wurden in unter 20 Kilometer Entfernung vom AKW Chmelnyzkyj beobachtet. Seit Juni 2024 näherten sich mindestens 92 russische Drohnen dem Unglücksreaktor auf weniger als fünf Kilometer.
In dieser Lage baut Westinghouse die Blöcke 5 und 6 in Chmelnyzkyj. Ziel laut Energieminister Schmyhal: 25 Gigawatt Atomstrom bis 2050. Raus aus der russischen Abhängigkeit – rein in die amerikanische. Westinghouse ist der neue Gazprom, nur mit anderem Firmenlogo. Und in den ukrainischen Medien darf der Westinghouse-Manager ungehemmt von der „neuen Welle der Atomenergie“ schwärmen.
Das nennt man in der Ukraine Fortschritt.
German Angst – oder: Was die Feuilletons beschäftigt
Während Drohnen in Reaktorgebäude fliegen und Atommüll in Zwischenlagern auf seine Endlagerung wartet, beschäftigen sich die großen Feuilletons mit etwas anderem. Die Süddeutsche Zeitung ist dem „Weltkulturerbe German Angst“ auf der Spur und findet über Günther Anders und Martin Heidegger heraus, dass die Deutschen ein philosophisch überhöhtes Verhältnis zur Apokalypse haben. Die FAZ lobt den Atomausstieg als „Musterbeispiel diskursiv legitimierter Risikoentscheidung“ im Sinne von Jürgen Habermas.
Habermas. Heidegger. Deliberative Politik.
Tolle Begriffe. Helfen leider nicht weiter, wenn die Pilze im Bayerischen Wald immer noch Cäsium-137 enthalten. Wenn Reaktoren weltweit altern und niemand weiß, was passiert, wenn der nächste Bedienfehler auf den nächsten Konstruktionsfehler trifft. Wenn 28.000 Kubikmeter Strahlenmüll auf eine Entscheidung warten, die auf die 2070er Jahre vertagt ist.
Während die Qualitätspresse philosophiert, ist die Regionalpresse klarer. Die Rhein-Neckar-Zeitung nennt Atomenergie „ein Vergehen an der Nachwelt“. Die Nürnberger Nachrichten rechnen vor: Neubau dauert Jahre, Uran ist endlich, kommt aus politisch heiklen Staaten – neue Abhängigkeiten drohen. Die Frankfurter Rundschau fragt, wie die verkündete Atomrenaissance ohne gewaltige Staatssubventionen funktionieren soll.
Die Provinz denkt klarer als das Feuilleton. Das passiert.
SPD und CDU: Zwei Seiten derselben Untätigkeit
CDU und CSU fordern die Rückkehr zum Atom. Das ist konsequent falsch, aber wenigstens ehrlich.
Die SPD ist komplizierter. Schneider sagt die richtigen Worte. Aber wer hat 40 Jahre lang kein Endlager durchgesetzt? Abwechselnd CDU- und SPD-geführte Koalitionen. Beide. Immer wieder. Das Entsorgungsproblem wurde immer auf morgen verschoben – und morgen wurde nie.
Jetzt sitzt die SPD in einer Koalition mit der Partei, die „Renaissance“ ruft. Was hat sie in diesem Bündnis konkret gegen die Atomlobby durchgesetzt? Die Frage ist berechtigt. Die Antwort fehlt.
Wer zahlt?
Nicht Söder. Nicht Spahn. Nicht von der Leyen.
Die Rechnung zahlen die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler, deren Geld in Subventionen für eine Technologie fließt, die kein privater Investor anfasst. Die zahlen mit ihrer Zukunft, weil jede Milliarde für Atom eine Milliarde weniger für Erneuerbare, für Wärmedämmung, für bezahlbaren Nahverkehr ist. Die zahlen mit sozialen Leistungen, die nicht kommen, weil das Geld in Reaktoren steckt, die niemand braucht. Die zahlen die Generationen, die den Atommüll irgendwo verbuddeln müssen, den ihre Großeltern produziert haben. Die zahlen die Menschen in der Nähe von Zwischenlagern, die niemand gefragt hat.
Und im schlimmsten Fall zahlen sie mit dem Leben. Denn die 404 Reaktoren auf der Welt werden nicht jünger. Jeder weitere Betriebstag ist eine Wette auf das Ausbleiben des nächsten Unfalls. 1986 hieß die verlorene Wette Tschernobyl. 2011 hieß sie Fukushima.
Der nächste Name steht noch nicht fest. Aber die Wahrscheinlichkeit steigt.
40 Jahre nach Tschernobyl. Ein verstrahlter Sarkophag in der Ukraine. 28.000 Kubikmeter Müll ohne Endlager allein in Deutschland. Reaktoren, die älter werden als ihre Auslegung. Und Politiker, die von Renaissance reden.
Das ist kein Sonderweg. Das ist bestenfalls organisiertes Vergessen. Und das ist ein Verbrechen.
Dieser Beitrag beruht auf der Auswertung öffentlich zugänglicher Berichte von nd-aktuell.de und junge Welt (Schwerpunkt Tschernobyl, April 2026), des World Nuclear Industry Status Report 2025 sowie Stellungnahmen des Bundesamtes für Strahlenschutz und der Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE). Die analytische Einordnung, Gewichtung und Bewertung der dargestellten Fakten erfolgt durch den Autor. | Carsten Zinn schreibt auf widerdenken.de über Energiepolitik, Atomkraft und die Frage, wer die Rechnung zahlt.