Wenn Daseinsvorsorge nur für manche gilt
Enak Ferlemann weiß, wie man einen Satz formuliert. „Eines Tages wird ein guter Internetanschluss genauso wichtig sein wie ein Wasseranschluss“, sagte der CDU-Mann kürzlich im Regionalausschuss des Landkreises Cuxhaven. Schöner Vergleich. Nur ein Problem: Bei mir und einigen meiner Nachbarn kommt das Wasser nicht aus der Leitung. Weil wir keinen Wasseranschluss haben. Und weil er 6.500 Euro kosten soll – laut unveränderlicher Auskunft der zuständigen Stellen. Pro Anschluss. Pro Haushalt. Zahlbar von uns.
Glasfaser fürs Cuxland – wer zahlt, wer profitiert?
Die Nordsee-Zeitung hat am 4. Mai ausführlich berichtet: Der Landkreis Cuxhaven rüstet auf. Bis 2029 sollen 99 Prozent aller Haushalte im Kreis einen Glasfaseranschluss haben. Das klingt gut. Und der Weg dahin war lang – zu lange, das räumt sogar der Artikel ein. Jahrelang haben die privaten Anbieter das Cuxland links liegen lassen. Städtische Ballungsräume, Mehrfamilienhäuser, dicht besiedelte Neubaugebiete – da rechnete es sich. Ländliche Strukturen? Interessierten nicht.
Erst das milliardenschwere Weiße-Flecken-Programm des Bundes hat die Rechnung verändert. Seit 2019 fördert der Bund den Ausbau in unterversorgten Regionen mit bis zu 60 Prozent, das Land Niedersachsen legt noch mal 25 Prozent drauf. Den Rest – konkret 4,6 Millionen Euro je betroffene Kommune – müssen Kreis und Gemeinden aus eigenen Kassen tragen. Und das in einer Region, in der Beverstedt ein Defizit von über 2,7 Millionen Euro vor sich herschiebt und der Südkreis beim ÖPNV faktisch tot ist.
Die Auftragnehmer freuen sich: Im Bereich Loxstedt und Wurster Nordseeküste hat die Telekom den Zuschlag erhalten. In Beverstedt und Hagen ist es die Muenet GmbH aus Coesfeld – ein Glasfaser-Anbieter, der wegen des „scharfen Wettbewerbs“ 25 Millionen Euro günstiger angeboten hat als zunächst kalkuliert. Insgesamt 62 Millionen Euro. Öffentlich gefördert. Privat betrieben. Und die Nutzungsverträge – die zahlen dann wieder die Bürgerinnen und Bürger.
Der Vergleich, der alles verrät
Zurück zu Ferlemanns Satz. „Eines Tages wird ein guter Internetanschluss genauso wichtig sein wie ein Wasseranschluss.“ Das klingt nach Daseinsvorsorge. Nach dem Versprechen, dass niemand zurückgelassen wird. Nach einer politischen Haltung.
Aber wer diesen Satz sagt, muss auch die Konsequenz ziehen. Wenn Wasser Daseinsvorsorge ist – warum ist es dann nicht für alle da? Warum kostet der Anschluss ans Trinkwassernetz in diesem Landkreis 6.500 Euro? Zahlbar von Haushalt zu Haushalt, ohne Förderung, ohne Ausnahme? Und warum redet in Ferlemanns Ausschuss niemand darüber?
Ich wohne in Beverstedt. Ich habe keinen Wasseranschluss. Ich bin damit nicht allein – einige meiner Nachbarn auch nicht. Das ist kein Einzelfall am Rande. Das ist Alltag in Teilen des Cuxlandes. Und während Glasfaser jetzt mit Bundesmitteln in die letzte Einfahrt verlegt wird, sitzt man hier und wartet darauf, dass sich irgendjemand für das Wasser interessiert.
6.500 Euro – wer soll das bezahlen?
6.500 Euro. Das ist für viele Menschen in dieser Region kein Pappenstiel. Das ist ein halbes Jahresgehalt für jemanden im Niedriglohnbereich. Das ist deutlich mehr als eine Monatsrente für Menschen, die 40 Jahre gearbeitet haben. Das ist eine Summe, die Menschen, die ein Haus geerbt oder günstig gekauft haben, schlicht nicht haben. Nicht mal eben so.
Daseinsvorsorge mit einer Zugangshürde von 6.500 Euro – das ist kein Versprechen. Das ist eine Aussperrung. Man nennt es nur nicht so.
Beim Glasfaser hat der Bund erkannt, dass der Markt es nicht richtet. Dass private Anbieter dorthin gehen, wo es sich lohnt, und dass ländliche Räume systematisch abgehängt werden. Deshalb wurde gefördert, subventioniert, ausgeschrieben. Deshalb kommen jetzt die Bagger.
Beim Wasser gilt das offenbar nicht. Dabei ist Trinkwasser keine Infrastruktur des 21. Jahrhunderts – es ist eine des 19. Es ist älter als das Grundgesetz, älter als die Bundesrepublik. Und in Teilen des Landkreises Cuxhaven (wenn auch nur in sehr kleinen Teilen) im Jahr 2026 immer noch nicht für alle selbstverständlich.
Das Wasser ist nur die Spitze
Wasser ist der krasseste Fall. Aber er steht nicht allein. Wer im Südkreis Cuxhaven wohnt und kein Auto hat, ist beim Thema ÖPNV schon lange abgeschrieben. Busverbindungen, die diesen Namen verdienen, gibt es kaum noch. Wer krank wird und ins Krankenhaus muss, fährt nach Otterndorf oder Cuxhaven – und wer im Südkreis wohnt, für den ist Bremerhaven oft noch die nächste Option. Außerhalb des Landkreises. Wer einen Kita-Platz braucht, kennt die Wartelisten. Wer auf vernünftige Straßen angewiesen ist, kennt die Schlaglöcher.
Das ist die Realität der Daseinsvorsorge im Cuxland, abseits der Pressemitteilungen. Nicht Glasfaser oder kein Glasfaser – sondern: Was fehlt schon so lange, dass die Leute gar nicht mehr laut darüber reden? Was ist so selbstverständlich abwesend, dass es nicht mal mehr als Mangel benannt wird?
Glasfaser ist sichtbar. Bagger sind sichtbar. Pressetermine im Regionalausschuss sind sichtbar. Ein Haushalt ohne Wasseranschluss, eine Rentnerin ohne Busanbindung, ein Kind ohne Kita-Platz – das ist weniger fotogen. Das findet weniger Aufmerksamkeit. Das kommt seltener in die Nordsee-Zeitung.
Was Daseinsvorsorge bedeutet – und was sie bedeuten müsste
Das Grundgesetz kennt keinen expliziten Anspruch auf Trinkwasser. Aber es kennt den Sozialstaatsgrundsatz. Es kennt die Würde des Menschen. Es kennt die Pflicht des Staates, für gleichwertige Lebensverhältnisse zu sorgen – in der Stadt und auf dem Land, im Norden wie im Süden.
Glasfaser ist wichtig. Ja. Breitband ist Infrastruktur. Aber die Priorität, mit der ein CDU-Ausschussvorsitzender den Glasfaserausbau bejubelt und dabei nicht ein Wort über Haushalte verliert, die noch nicht einmal Trinkwasser aus der Leitung haben – das erzählt etwas. Darüber, wessen Probleme in diesem Ausschuss sichtbar sind. Und wessen nicht.
Ferlemann sagt: „Es ist erstaunlich, dass viele Bürger die Möglichkeit nicht nutzen, sich Glasfaser zu holen.“ Vielleicht, Herr Ferlemann, sind manche Menschen gerade damit beschäftigt, sich zu fragen, wie sie 6.500 Euro für einen Wasseranschluss aufbringen sollen. Das könnte die Begeisterung für den schnellen Internet-Anschluss etwas dämpfen.
Gleiche Infrastruktur für alle – oder für die, die es sich leisten können?
Der Glasfaserausbau im Cuxland ist keine schlechte Nachricht. Er ist überfällig. Und dass er nun kommt, ist ein Erfolg des politischen Drucks, der bundesweiten Förderprogramme und am Ende auch des Engagements der lokalen Wirtschaftsförderung.
Aber wer den Ausbau feiert und dabei die offene Flanke bei der Wasserversorgung nicht thematisiert, der macht Politik für die, die ohnehin schon versorgt sind. Die 6.500 Euro für einen Wasseranschluss sind keine Naturgewalt. Die sind politisch. Die kann man ändern. Die muss man ändern.
Die Forderung ist simpel: Wer Glasfaser als Daseinsvorsorge einordnet und dafür öffentliche Mittel mobilisiert, muss das auch für Trinkwasser tun. Förderprogramme für Wasseranschlüsse in unterversorgten Haushalten – analog zum Weiße-Flecken-Programm beim Breitband – sind kein Luxus. Sie sind das Mindeste.
Oder man hört einfach auf, Wasseranschlüsse als Vergleichsgröße für Daseinsvorsorge zu benutzen, wenn man sie selbst nicht für alle gewährleistet.
Dieser Beitrag beruht auf der Auswertung öffentlich zugänglicher Berichte der Nordsee-Zeitung (Ausgabe vom 4. Mai 2026). Die analytische Einordnung, Gewichtung und Bewertung der dargestellten Fakten erfolgt durch den Autor. | Carsten Zinn schreibt auf widerdenken.de über Daseinsvorsorge, Infrastrukturpolitik und die Verhältnisse im Landkreis Cuxhaven.