„Mehr Verbrechen, bitte!“ – Wie die Nordsee-Zeitung das Beruhigungsmittel ausbaut

„Spektakuläre Straftaten" – aber bitte nicht sensationslüstern

Eine Ankündigung, ein Muster – und die Fragen, die der Regionaljournalismus nicht stellt. | Bremerhaven, eine der ärmsten Städte Deutschlands. Jedes fünfte Kind wächst in Armut auf. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt weit über dem Bundesdurchschnitt. Wohnraum wird knapper, Sozialleistungen werden gekürzt, und Tariflöhne gelten in weiten Teilen des Einzelhandels als Fremdwort. Was macht die Nordsee-Zeitung? Sie baut ihre Kriminalitätsberichterstattung aus.

So lautet die Ankündigung der Nordsee-Zeitung vom 2. April 2026, verfasst von Jan Iven. Die Zeitung werde „noch mehr über Kriminalität berichten“. Nicht sensationslüstern, natürlich nicht. Erklärend. Kritisch. Respektvoll gegenüber den Betroffenen. Das ist kein Sonderfall. Das ist ein Muster, das gerade durch den Regionaljournalismus in ganz Deutschland läuft – und es lohnt sich, genauer hinzusehen.

Der Thrill mit gutem Gewissen

Iven schreibt, das Interesse an Kriminalität und Verbrechen sei groß. Das stimmt. Aber als Analyst, der sich seit Jahren mit den Mechanismen der Medienberichterstattung beschäftigt, kann ich erklären, warum das so ist – und was es bedeutet. Die permanente Konzentration auf Mord, Ermittlung und Auflösung verengt das Gerechtigkeitsempfinden. Das Böse erscheint als klar umrissene Tat, begangen von einem identifizierbaren Täter – und danach ist die Welt wieder in Ordnung. Mit uns, den Zuschauerinnen und Lesern, hat das alles nichts zu tun. Wir sind auf der richtigen Seite.

Genau diesen Mechanismus bedient die Ankündigung – und der Regionaljournalismus nennt ihn Leserorientierung.

Er schreibt: „Kriminalität fasziniert uns, weil sie die dunklen Seiten des Menschen zeigt.“ Das mag stimmen. Aber er fragt nicht: Warum fasziniert sie uns so sehr? Und: Was sehen wir nicht mehr, wenn wir auf diese dunklen Seiten starren? Das wäre die journalistische Frage. Iven stellt sie nicht.

42 Jahre Polizeierfahrung – und kein Interessenkonflikt?

Neues Glanzstück des Programms: die „Tatort-Analyse“. Ein Polizeibeamter mit 42 Jahren Berufserfahrung nimmt die TV-Ermittlungen „kritisch unter die Lupe“. Was stimmt, was ist TV-Fantasie?

Das ist kein Journalismus. Das ist Polizei-PR mit Krimiverpackung.

Wenn der Staatsapparat bewertet, wie gut der Staatsapparat im Fernsehen dargestellt wird – wer schützt dann das Publikum davor, dass hier ausschließlich die Perspektive der Staatsgewalt gilt? Welche Fragen stellt ein Polizist nicht? Etwa: Wie rassistisch sind echte Ermittlungen wirklich? Wie oft werden die Falschen verdächtigt? Was passiert mit Opfern, die dem System nicht passen?

Diese Fragen beantwortet kein 42-jähriger Polizeiveteran in einer Tageszeitung. Garantiert nicht.

„Sicher leben“ – Selbstschutz statt Strukturkritik

Zweites Herzstück der neuen Kriminalberichterstattung: die Präventionsserie „Sicher leben“. Wie schützen Sie sich vor Haustürbetrug? Wie reagieren Zeugen auf Gewalt in Beziehungen? Wie schützen sich Festivalbesucher?

Gute Fragen, gewiss. Aber sie setzen einen Rahmen. Der Rahmen lautet: Das Problem liegt bei der Tat, die Lösung liegt beim Individuum. Schütz dich. Pass auf dich auf. Sei schlauer als der Betrüger.

Was dieser Rahmen ausblendet: Warum leben so viele Menschen in Bremerhaven in einer Situation, die sie anfällig für Betrug, Gewalt und soziale Isolation macht? Das sind politische Fragen. Die Präventionsserie macht aus politischen Fragen persönliche Ratschläge. Das ist kein Versehen – das ist das Prinzip.

„Spektakuläre Straftaten“ – aber bitte nicht sensationslüstern

Iven kündigt auch einen Podcast an – „über spektakuläre Straftaten aus dem Norden“. Spektakulär. Das Wort steht da, schwarz auf weiß. Drei Absätze nachdem Iven versichert hat, man werde „nicht sensationslüstern“ berichten.

Der Widerspruch ist symptomatisch. Die ganze Ankündigung funktioniert nach einem Prinzip, das ich als Analyst schon lange kenne: Das Format verspricht gutes Gewissen und liefert Nervenkitzel. Man darf sich gruseln und fühlt sich trotzdem aufgeklärt. Das ist der eigentliche Verkaufsschlager – und er läuft seit Jahren im deutschen Fernsehen erfolgreich unter dem Namen Tatort.

Was in Bremerhaven wirklich passiert

Bremerhaven ist eine Stadt, in der strukturelle Ungerechtigkeiten keine abstrakten Begriffe sind, sondern gelebter Alltag. Niedriglöhne im Hafen und im Einzelhandel. Mangelnde Kitaplätze. Sanierungsstau in Schulen. Eine wachsende Zahl von Menschen, die trotz Arbeit nicht über die Runden kommen.

Diese Themen hinterlassen keine Leiche. Sie erzeugen kein Tatort-Bild, kein spektakuläres Verbrechen, keine saubere Täter-Opfer-Konstellation. Sie sind deshalb schwieriger zu erzählen – und leicht wegzulassen, wenn man stattdessen mehr Gerichtsprozesse, mehr Krimiautoren-Porträts und einen Podcast über Spektakuläres anbieten kann.

Das ist die eigentliche Entscheidung, die hinter Ivens Ankündigung steckt. Nicht: Wie berichten wir besser über das, was passiert? Sondern: Womit halten wir die Leser bei uns – und womit geben wir ihnen das wohlige Gefühl, informiert zu sein? Ich nenne diesen Mechanismus das Beruhigungsmittel: Der Krimi verspricht eine gerechte Ordnung, wo in Wirklichkeit oft keine ist. Iven baut das Beruhigungsmittel aus.

Gut gemeint ist das Gegenteil von gut

Jan Iven meint es wahrscheinlich gut. Das ist das Problem. Gut gemeinter Journalismus, der die falschen Fragen stellt, ist kein besserer Journalismus. Er ist unsichtbarer – weil er das schlechte Gewissen der Redaktion beruhigt und das der Leserschaft gleich dazu.

Die Nordsee-Zeitung baut ihr Kriminalitätsressort aus – in einer Stadt, die keine weitere Tatort-Analyse braucht, sondern mehr Berichterstattung über das, was täglich Unrecht ist, ohne dass jemand festgenommen wird. Kein Mörder. Kein Urteil. Kein beruhigendes Ende.

Nur Verhältnisse. Die passen in keinen Podcast-Slot.


Carsten Zinn schreibt auf widerdenken.de über Medienkritik und Journalismus im regionalen Presseraum.

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